Spottgesang eines ukrainischen Gespenstes

Klavdia Petrivna: Ja tschasliwa (likari kazhut‘)

Musikalischer Adventskalender 2024/8

Die ukrainische Sängerin Klavdia Petrivna hat ihre Songs zunächst anonym veröffentlicht, ihr Inkognito aber mittlerweile gelüftet. Ihre schwungvollen Lieder thematisieren in teils selbstironischer Weise die schwierige Situation (nicht nur) junger Menschen in der Ukraine.

Ich bin glücklich (sagen die Ärzte)

Ich habe keine Kraft mehr,
um mich nachts in den Schlaf zu weinen.
Mein Leben ist auf den Kopf gestellt,
all meine Pläne sind gescheitert,
ich sehe überall nur Dunkelheit.

Jemand hat mich angezeigt
wegen Beleidigung seiner Großmutter.
Vielleicht kann ich mich freikaufen
oder alle mit meinem bösen Blick verschrecken.

Auch die Liebe hat mich verlassen.
Vielleicht erschaffe ich mir einen Mann
in der Virtual Reality,
der meinen Seelentornado bändigt.

Für die Ärzte bin ich depressiv,
für meine Mutter eine faule Frucht.
Irgendetwas habe ich verdrängt.
// Draußen ist es sonnig,
drinnen tobt der Sturm. //
Wie glücklich ich bin!

Ich habe keine Kraft mehr, …

Klavdia Petrivna (Solomiia Opryshko): Я щаслива (Лікарі кажуть) / Ja tschasliwa (likari kazhut‘)

Der Song findet sich auf dem im Dezember 2023 herausgebrachten Album Klavdia Petrivna – Всі Пісні / збірка пісень (Alle Songs / Songsammlung); als Einzelsong im Oktober 2023 veröffentlicht:

Geburt eines musikalischen Gespenstes

Anfang Juli 2023 erschienen auf TikTok Demoversionen von Songs, die sogleich großen Anklang fanden. Einen Monat später veröffentlichte eine gewisse „Klavdia Petrivna“ auf ihrem Telegram-Kanal ein sieben Songs umfassendes Mini-Album. Auch dieses erfreute sich auf Anhieb großer Beliebtheit.

Das Problem bei der Sache: Wer „Klavdia Petrivna“ war, blieb ungewiss. Der Name war der Protagonistin des 1917 veröffentlichten Romans Aufzeichnungen des schiefnäsigen Mephistopheles von Wolodymyr Wynnytschenko entlehnt.

Angesichts des großen Zuspruchs, dessen sich die Songs erfreuten, gab es zahlreiche Spekulationen darüber, wer oder was sich hinter  „Klavdia Petrivna“ verbirgt. Die Theorien reichten von einer schüchternen jungen Sängerin über eine bekannte Größe des Showbusiness, die mit den Songs anonym etwas Neues ausprobieren wollte, bis hin zu der Vermutung, hinter Musik und Stimme verberge sich ein mit künstlicher Intelligenz initiiertes Projekt.

Ein Gespenst tritt an die Öffentlichkeit

Eine ironische Reaktion auf die Suche nach der Identität der Künstlerin war der Song Znaidy mene (Finde mich!), mit dem „Klavdia Petrivna“ Anfang 2024 an die Spitze der ukrainischen Charts stürmte. Als ihr im Februar 2024 ein renommierter Musikpreis verliehen werden sollte, wurde dieser von der populären Sängerin Маша Кондратенко (Mascha Kondratenko) entgegengenommen. Spekulationen, dass sie sich hinter dem Musikgespenst verberge, bestätigten sich jedoch nicht.

Stattdessen gab die Künstlerin im Sommer schließlich ihr Inkognito auf. Nun ist bekannt, dass es sich bei ihr um die 2005 im Lemberger Gebiet geborene Соломія Опришко (Solomija Opryschko) handelt. Sie hat ein Konservatorium absolviert und als Violinistin sowohl in Kammer- als auch in Symphonieorchestern mitgewirkt. Das Interesse an ihrem ersten öffentlichen Auftritt war so groß, dass dieser in den Kiewer Sportpalast verlegt werden musste.

Gründe für den Erfolg des Musikprojekts

Der Erfolg der Sängerin beruht zunächst wohl auf der mitreißenden Musik, die Ethno-Pop mit elektronischen Sound-Elementen mixt. Daneben fühlen sich viele in der Ukraine aber wohl auch von den Texten der Sängerin angesprochen.

Die Songs behandeln teilweise alltägliche Themen und machen natürlich auch nicht vor der Liebe Halt. Es gibt aber auch Texte, die sich auf die aktuelle Situation der Ukraine beziehen lassen. Hierzu zählt auch der Song Я щасливa – Лікарі кажуть (Ja tschasliwa – likari kazhut‘ / Ich bin glücklich – sagen die Ärzte).

Das Lied thematisiert die Perspektivlosigkeit, die derzeit das Leben vieler Menschen in der Ukraine prägt. Durch die heitere Musik und bestimmte Elemente im Text – wie etwa die Anzeige wegen Beleidigung einer Großmutter – geschieht dies allerdings mit einer gehörigen Portion Ironie. Gerade dieser Galgenhumor ist es wohl, der den ansonsten wenig erbaulichen Blick auf die eigene Lage erträglich macht.

Objektive und subjektive Voraussetzungen für „Glück“

Ohne den ukrainischen Hintergrund ließe sich das Lied auch auf die Situation junger Menschen in anderen Ländern beziehen. Auch sie bekommen in wohlhabenden Staaten ja oft genug das zu hören, was das Lied andeutet: dass sie nicht jammern sollten. Anderen gehe es schlechter als ihnen, und mit ein wenig Anstrengung würden sie schon ihren Weg im Leben finden.

Das strukturelle Problem der Jugendarbeitslosigkeit, das vielerorts epidemische Ausmaße angenommen hat und unzähligen jungen Menschen den Weg in ein eigenständiges  Leben verbaut, wird so unter  nichtssagenden Allerweltssprüchen begraben.

Dass in der Ukraine an ein unbeschwertes Leben derzeit nicht zu denken ist, dürfte weder innerhalb noch außerhalb des Landes ernsthaft von jemandem bestritten werden. Denkbar ist aber, dass jene, die weiter von der Front entfernt leben, zumindest unterschwellig mit dem Vorwurf leben müssen, sich auf Kosten anderer ein schönes Leben zu machen bzw. Glück zu haben, ohne dieses Glück richtig schätzen zu können.

Glück ist aber eine sehr subjektive Angelegenheit. Nur weil mir heute nicht der Himmel auf den Kopf fällt und ich nicht Opfer eines Luftangriffs geworden bin, blicke ich noch lange nicht optimistisch in die Zukunft. Die Perspektivlosigkeit bleibt, und sie kann mich depressiv stimmen, auch wenn meine Lebenssituation etwas komfortabler ist als die anderer.

Mehr Musik aus der Ukraine:

Ansingen gegen den Untergang. Neuere Songs aus der Ukraine (PDF, Sommer 2024)

Bilder: Edvard Munch (1863 – 1944): Verzweiflung (1892); Stockholm, Thiel Gallery (Wikimedia commons); Klavdia Petrivna (von der Künstlerin auf Instagram gepostetes Foto); instagram.com/klavdia_petrivna;

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