Okean Elzy: Обійми (Obijmy / Halt mich)
Musikalischer Adventskalender 2024/7
Der Song Obijmy (Halt mich) der ukrainischen Kult-Band Okean Elzy war ursprünglich ein Liebeslied. Unter dem Eindruck der russischen Aggression wurde der Song jedoch als verzweifelte Sehnsucht nach einem Halt in haltlosen Zeiten verstanden.
Halt mich!
Irgendwann wird er kommen, der Tag,
an dem der Krieg vorbei sein wird –
dieser Krieg, in dem ich mich verloren habe
in dem tiefsten Abgrund meines Seins.
Halt mich, halt mich, halt mich,
halt mich so sanft es geht
und lass mich nicht mehr los!
Lass deinen Frühling wehen
in mein wehes Herz!
Ihrer Waffenhaut beraubt,
liegt meine Seele frei vor dir.
Der warme Regen deiner Tränen …
Ist das Trost oder Trauer für sie?
Halt mich …
Okean Elzy: Обійми (Obymy)
Swjatoslaw Wakartschuk, Frontmann von Okean Elzy, mit der Gruppe Akustikos im Innenhof des Charkiwer Palastes der Arbeit nach russischem Beschuss:
Liebeslieder als Antikriegslieder
Die 1994 in Lwiw (Lemberg) um Frontmann Святослав Вакарчук (Swjatoslaw Wakartschuk) gegründete Band gehört zu den am längsten existierenden Musikgruppen der Ukraine und ist wohl die bekannteste Band des Landes.
Laut Wakartschuks eigener Aussage wollte er anfangs vor allem Liebeslieder mit der Band spielen. Durch die große Popularität von Okean Elzy wurde von ihm jedoch erwartet, sich auch über den Bereich der Musik hinaus öffentlich zu engagieren. Dieser Herausforderung hat Wakartschuk sich auch durch zahlreiche soziale und politische Projekte gestellt (s.u.).
Hinzu kommt, dass immer wieder unpolitische Songs der Band auf politische Ereignisse bezogen worden sind. Ein Beispiel dafür ist der Song Без бою (Bez boyu / Kampflos). Darin geht es um einen jungen Mann, der um ein Mädchen kämpft, in das er sich verliebt hat. Die Zeile „Ich werde nicht kampflos aufgeben“ ließ sich aber auch gut auf die Situation der Ukraine im Abwehrkampf gegen die russische Aggression beziehen [1].
Zu dem Song Обійми (Obijmy / Halt mich)
Ähnlich war es wohl auch mit dem zuerst 2013 erschienenen Song Obijmy. Auch hierbei handelte es sich anfangs um ein Liebeslied. Der Text sollte offenbar ursprünglich den Kampf eines Menschen mit sich selbst thematisieren. An dessen Ende ist er bereit, sich ganz für ein Gegenüber zu öffnen und sich nicht mehr gegen die Welle der Liebe zu wehren, die sein bisheriges Leben hinwegspülen wird.
Vor dem Hintergrund des russischen Einmarschs in die Ukraine erhielt der Song jedoch noch eine andere Bedeutung. Er ließ sich nun ganz konkret auf den Krieg beziehen und auf die menschlichen Abgründe, in die er einen blicken lässt. Der leidenschaftliche Wunsch nach einem Halt bezieht sich vor diesem Hintergrund nicht mehr allgemein auf die Sehnsucht nach einer von rückhaltlosem Vertrauen getragenen Liebesbeziehung, sondern auf die verzweifelte Suche nach einem Trost-Anker in einem Meer der Trauer.
In diesem Sinne wurde das Lied 2022 auf der Biennale von Venedig vorgestellt. Dort war es eine Art Leitmelodie für den ukrainischen Pavillon mit dem Titel „This is Ukraine: Defending Freedom“.
Zum Bandnamen
Die Band wollte sich ursprünglich nach einem Platz in Lwiw benennen, entschied sich dann aber beim Ansehen eines Unterwasserfilms von Jacques Cousteau für den Namen „Okean“ (Ozean). Dieser verbindet Wakartschuk zufolge das Irrationale mit dem Gedanken aufeinander abgestimmter Systeme und lässt sich so auch gut auf Musik beziehen [2].
Um sich von anderen Gruppen mit einem ähnlichen Namen zu unterscheiden, gab man dem eigenen musikalischen Ozean dann den Namen „Elsa“, der nach Einschätzung der Bandmitglieder im Ukrainischen ebenso wie im Russischen und Englischen mit dem Wort „Okean/Ocean“harmoniert. Die korrekte Übersetzung für „Океан Ельзи“ (Океан Ельзи) wäre demnach nicht „Elsas Ozean“, sondern „Elsa-Ozean“.
Eine Band als Friedensbotschafterin
Die Band legte gleich nach ihrer Gründung einen kometenhaften Aufstieg hin. Bereits 1996 trat sie in Kiew als Vorgruppe von Deep Purple auf, ein Jahr später führten sie ihre Tourneen schon ins westliche Ausland, kurz darauf auch nach Russland. Sie traten im Fernsehen auf und gaben exklusive Konzerte in Paris und London.
Dies alles hatte zur Folge, dass die Band schon unmittelbar nach der Jahrtausendwende zu einer Art Markenbotschafter der Ukraine wurde. Auf wirtschaftlichem Gebiet manifestierte sich dies 2001 in einer Werbekampagne für Pepsi Cola, durch die sowohl die Getränkemarke als auch die Band ihre Popularität noch einmal steigern konnten [3].
Auf politischem Gebiet wurde Bandleader Swjatoslaw Wakartschuk 2003 zunächst zum Kulturbotschafter der Ukraine und 2005 zum UN-Friedensbotschafter ernannt. Letzteres verdankte sich dabei nicht zuletzt dem politischen Engagement der Band, die im Herbst 2004 bei der Orangenen Revolution die Forderungen nach einer Stärkung der Demokratie aktiv unterstützt hatte.
Wakartschuk entwickelte sich in der Folge immer mehr zu einer Art inoffiziellem Repräsentanten seines Landes. Er nahm an Friedenskonferenzen teil, unterstützte aber mit Okean Elzy auch die ukrainische Fußballnationalmannschaft mit einer eigenen Hymne. Die Band nutzte ihre Popularität nun auch für wohltätige Zwecke, indem sie einen Teil ihrer Einnahmen Hilfsorganisationen zur Verfügung stellte und bei Charity-Veranstaltungen auftrat.
Engagierter Einsatz für die Freiheit der Ukraine
Vor allem Wakartschuk wurde immer mehr zu einem Gesicht der ukrainischen Demokratiebewegung. Beim Euromaidan trat er Ende 2013 und Anfang 2014 mit Okean Elzy zur Unterstützung der Protestierenden auf, nach der russischen Annexion der Krim und den Angriffen auf den Donbas gab er keine Konzerte mehr in Russland.
Wakartschuks politisches Engagement manifestierte sich nach der Orangenen Revolution auch in der Annahme eines Mandats als unabhängiger Abgeordneter in der Werchowna Rada, dem ukrainischen Parlament. Die verkrusteten politischen Strukturen desillusionierten ihn jedoch schnell, so dass er sein Mandat bereits 2008, ein Jahr nach seinem Einzug ins Parlament, wieder niederlegte. Stattdessen beteiligte er sich an der Gründung der Partei Голос (Golos/Cholos: Stimme), die 2019 in das ukrainische Parlament einzog.
Nach dem russischen Angriff auf die gesamte Ukraine im Februar 2022 reiste Wakartschuk an die Front und sang dort für die Soldaten. Mit Okean Elzy gibt er seitdem aber auch immer wieder im westlichen Ausland Unterstützungskonzerte für die Ukraine.
Wie er selbst sagt, fühlt sich für ihn die Zeit seit dem 24. Februar 2022 – dem Tag des russischen Großangriffs auf die Ukraine – wie ein einziger, nicht enden wollender Tag an. Er ist seitdem nicht mehr zur Ruhe gekommen und ganz in einer Rolle aufgegangen, die er nach eigenen Aussagen nie angestrebt hatte.
Nachweise
[1] Vgl. Koch, Daniel: Okean Elzy kämpfen auf der Bühne für die Ukraine. Sunrise Starzone (Sunrise.ch), 3. April 2024.
[2] Vgl. farfallia.at.ua.
[3] Vgl. Mussuri, Evgenia: Pepsi, band benefit from ad campaign. Kyiv Post, 14. Februar 2002.
Mehr Musik aus der Ukraine:
Ansingen gegen den Untergang. Neuere Songs aus der Ukraine (PDF, Sommer 2024; Songs von Okean Elzy darin S. 65 – 76)
Bilder: Lette Valeska (1885 – 1985): Paar (1954); Lette Valeska Collection (Wikimedia commons); Vetalis: Die Band Okean Elzy (ganz rechts: Swjatoslas Wakartschuk) bei einem Auftritt im zentralukrainischen Smila (2010); Wikimedia commons

Sternchen
Danke für diesen Beitrag. Dieser Mann lebt seine Musik. Ich habe Gänsehaut und kann das Lied in Dauerschleife hören.
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