Die zwei Seelen der belarussischen Hauptstadt

N.R.M.: Mjensk und Minsk

Musikalischer Adventskalender 2024/6

„Mjensk“ und „Minsk“ sind die belarussische und die russische Aussprache der Hauptstadt von Belarus. Die Band N.R.M. spiegelt darin in einem Song den Gegensatz zwischen einem fremd- und einem selbstbestimmten Leben wider.

Mjensk und Minsk

Werte Bewohner von Minsk,
verehrte Gäste unserer Stadt!
Ich möchte einen Gedanken mit euch teilen.

Kurz gesagt:
Es ist seltsam, aber so ist das Leben:
Wir leben in unserer Hauptstadt,
als hätten wir zwei Familien.

Wir leben gleichzeitig in zwei Städten.
Unsere gespaltene Persönlichkeit macht uns verrückt.
Aber werden wir jemals Mjensk und Minsk,
die zwei Hälften unserer Hauptstadtseele,
zusammenkleben oder -nähen können?

Mjensk ist die erste Stadt der beiden,
sie ist auf den neuen Karten nicht verzeichnet.
Doch lebt sie in den Herzen und den Köpfen
vieler Menschen in dem Karten-Minsk.

In dem Minsk der Landkarten
haben wir eine Aufenthaltserlaubnis.
Dort gibt es einen Stadtrat,
Betonzäune und Eishockeystadien,
die geisterhaften Schatten zerstörter Gebäude
und die verlorenen Kindheitstage.

Wir leben gleichzeitig …

Minsk hat freudlose Namen:
Es gibt eine Kollektorstraße und eine Basisstraße,
und unser Volk garantiert dort
die treue Erfüllung seiner Pflichten.

In Mjensk aber gehen wir gerne spazieren,
vorbei an den Schaufenstern kleiner Läden,
die ein behagliches Licht auf die Straße werfen.

In Mjensk gibt es
katholische Kirchen und gotische Türme,
Ziegeldächer und Backsteinpflaster,
Hinterhöfe und Festungsanlagen.

Wir leben gleichzeitig …

Alles gerät durcheinander in Minsk: Brot und Matzen,
die Oktoberrevolution und das Radaŭnitsa-Fest*,
die Tränen der Betrunkenen
und eine Pop-Musik von der Sorte,
gegen die auch die stärkste Medizin nicht hilft.

Mjensk aber kann nichts passieren.
Es kann weder zerstört noch besetzt werden.
Dein Mjensk wird niemals verfallen oder niederbrennen,
es wird immer in deiner Sprache zu dir sprechen.

Wir leben gleichzeitig in zwei Städten,
wir leben gleichzeitig in zwei Städten.

N.R.M.: Менск і Мінск (Mjensk i Minsk) aus: 06 (2007)

*    Radaŭnitsa: Fest zum Gedenken an die Ahnen, das am zweiten Dienstag nach Ostern begangen wird

Videoclip:

Übersetzung der eingeblendeten Schlussworte im Videoclip: „Die Sardine möchte, dass sich die Konservendose zum Meer hin öffnet.“

Kulturelle Selbstbestimmung als Aspekt des politischen Freiheitskampfs

Die Unabhängigkeit, die Belarus nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion er­langte, ging mit einer Besinnung auf die eigenen sprachlichen und kulturellen Wur­zeln einher. Man wurde sich nun wieder stärker der Tatsache bewusst, dass das Belarussische – ebenso wie das Russische und das Ukrainische – einen eigen­ständigen Zweig der ostslawischen Sprachen repräsentiert.

Allerdings wurde die Rückbesinnung auf die eigenen sprachlich-kulturellen Wurzeln in Belarus bereits Mitte der 1990er Jahre wieder im Keim er­stickt: Präsident Alexander Lukaschenko (Aljaksandr Lukaschenka) setzte auf eine enge Anbindung an Russland, führte das Russische wieder als zweite Amtssprache ein und drängte das Belarussische aus der Öffentlichkeit zurück. Auch an den meisten Schulen wird auf Russisch unterrichtet.

In der Folge wurde die Pflege der belarussischen Sprache und Kultur ein Element der Opposition gegen das repressive Regime. Die Rückbesinnung auf die eigenen kulturellen Wurzeln ist damit hier mit dem Kampf gegen politische Unterdrückung verbunden. Das Streben nach kultureller Selbstbestimmung und das Einfordern politischer Freiheits­rechte gehen Hand in Hand.

„Mjensk“ und „Minsk“ als Symbole freiheitlichen und fremdbestimmten Lebens

In dem Song Mjensk und Minsk der weißrussischen Band N.R.M. wird die Verbindung von kultureller und politischer Unterdrückung in das Bild einer schizoiden „Seele“ der eigenen Hauptstadt gefasst. „Minsk“ erscheint dabei als eine Art äußere, künst­liche Haut, die das wahre Wesen der Stadt – für das „Mjensk“, so der belarus­sische Name der Stadt, steht – überdeckt.

„Minsk“ repräsentiert in dem Lied die sowjetische Prägung der Stadt, aber auch die postsowjetische Konfusion, die sich in dem Nebeneinander sowjetisch beeinflusster und anderer, fremder Kulturelemente manifestiert.

„Minsk“ ist technokratisch und pragmatisch, was sich schon in den an Stromwerke und Industrieanlagen angelehnten Straßennamen ausdrückt. In „Mjensk“ dagegen kann man zwanglos spazieren gehen, hier ist nicht alles zweckorientiert durchgeplant. Vielmehr gibt es in dieser – teilweise wohl nur in den Träumen der Band existierenden – Stadt Freiräume für die Entfaltung der eigenen Phantasie und das Eintauchen in die Vergangenheit.

Während „Minsk“ in seiner ideologischen Überformung vergänglich ist, ist  „Mjensk“ im Kern unzerstörbar. Denn es repräsentiert die Seele einer ganzen Kultur und könnte nur mit dieser untergehen. Dementsprechend heißt es in dem Song: „Dein Mjensk wird niemals verfallen oder niederbrennen, / es wird immer in deiner Sprache zu dir sprechen.“

Trotz dieser hoffnungsvoll klingenden Schlussworte wirkt „Minsk“ auf diejenigen, die sich in „Mjensk“ zu Hause fühlem, wie ein Gefängnis. Dies wird auch in dem Videoclip zu dem Song deutlich, in dem am Ende (auf Englisch) die Worte eingeblendet werden: „Die Sardine wünscht sich, dass sich die Konservendose zum Meer hin öffnet.“

Über die Band N.R.M.

N.R.M. ist eine Abkürzung für Незалежная Рэспубліка Мроя (Nesalezhnaja Respublika Mroja: Unabhängige Republik der Träume). Unter diesem Namen wurde die Band 1994 gegründet, nachdem sie seit 1981 in anderer Zusammensetzung bereits unter dem Namen Mroja (Träume) bestanden hatte.

Die Band galt lange als wichtiges Sprachrohr der belarussischen Opposition. Als sie im Jahr 2004 in Kiew zur Unterstützung der Orangenen Revolution auftrat, war dies auch als Signal für eine ähnliche demokratische Bewegung in Belarus gedacht. Dadurch geriet die Band allerdings verstärkt ins Visier der staatlichen Behörden. Ihre Songs wurden nicht mehr im Radio gespielt, Auftritte wurden nicht mehr genehmigt. So trat die Band in dieser Zeit vermehr im Ausland auf.

Erst nachdem es Ende 2007 zu einem Treffen belarussischer Rockmusiker mit der Ideologie-Abteilung der Präsidialverwaltung gekommen war, genoss die Band wieder etwas größere Freiheiten. Kurz darauf kam es allerdings innerhalb der Band zu Meinungsverschiedenheiten, woraufhin Frontmann Лявон Вольскі (Ljawon Wolski) aus der Band ausschied. Er konzentrierte sich fortan auf die Arbeit mit seiner bereits seit 2001 bestehenden Band Krambambulja.

Der 1965 in Minsk als Sohn des deutschstämmigen Schriftstellers Artur Seydel-Wolski geborene Musiker war als Sänger und Autor der meisten Texte das Gesicht von N.R.M. Nach seinem Studium an der Minsker Kunsthochschule hat er in seinen Songs immer wieder Werke belarussischer Dichter aufgegriffen.

Wolskis Engagement für die belarussische Sprache und Kultur war dabei stets eng mit dem politischen Widerstand gegen das autoritäre Regime von Alexander Lukaschenko verbunden. Die zunehmenden Repressionen in Belarus haben 2023 dazu geführt, dass seine Telegram- und Instgram-Kanäle als „extremistisch“ eingestuft worden sind.

Die Band N.R.M. hat nach Wolskis Abgang nur noch ein weiteres Album herausgebracht. Sie blieb allerdings mit ihren Songs eine wichtige Stimme der Opposition. So hat die Band 2020 auch den Song Тры чарапахі (Try tscharapachi: Drei Schildkröten) noch einmal neu eingespielt, nachdem er bei den damaligen Regimeprotesten zu einer Art Erkennungsmelodie der Opposition geworden war.

Der Song kritisiert auf subtile Weise die Ideologielastigkeit der belarussischen Regierungspolitik. Diese wird als ebenso realitätsfern beschrieben wie die – von der hinduistischen Mythologie inspirierte – „Scheibenwelt“ (Discworld) des britischen Autors Terry Pratchett, in der die Erde von vier auf einer Riesenschildkröte stehenden Elefanten getragen wird.

Mehr Musik und Links zu Belarus:

Weißrussland – Gesang als Mittel des Widerstands (PDF)

Einen lebendigen Eindruck von der Atmosphäre in Belarus angesichts der immer repressiveren Politik des Regimes vermitteln die Features von Inga Lizengevic:

Gedankenverbrehen in Belarus. Wenn Dystopien lebendig werden. Deutschlandfunk Kultur, 6. Dezember 2022.

Strafkolonie der Frauen. Politische Gefangene in Belarus erzählen. Deutschlandfunk, 6. August 2024.

Bilder: Мікалай Тарасікаў (Mikalaj Tarassikai, 1908 – 1965): Der Freiheitsplatz in Minsk (1940); Wikimedia commons; Maciek Krol: Die Band N.R.M. bei dem Konzert „Rock for Freedom“ in Wrocław (Breslau), 2007 (Wikimedia commons)

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