Wer nach Erleuchtung sucht, muss auch die Dunkelheit akzeptieren
Eine Meditation von Bruder Norabus
Die empirischen Wissenschaften waren einst angetreten, der Welt ihren Aberglauben auszutreiben. Mittlerweile stoßen aber auch sie immer häufiger an Grenzen, die sie nur noch spekulativ überwinden können.
Besuch von meinem Bruder
Kurz vor Weihnachten bekomme ich immer Besuch von meinem Bruder. Außer meinem Geburtstag ist das die einzige Gelegenheit, zu der er sich dazu durchringt, einen Fuß in das Kloster zu setzen. Seit ich mich zum Eintritt in den Konvent entschlossen habe, behandelt er mich ein wenig wie einen Menschen, von dem ein Alien Besitz ergriffen hat.
Dabei sind wir im Grunde gar nicht so verschieden. Freigeister sind wir beide – nur dass ich die Freiheit des Geistes von der Seite des Glaubens aus pflege, während er jede Form des Glaubens für eine Fußfessel des Geistes hält, die diesen am freien Flug hindert.
Auch dieses Mal konnte er es nicht lassen, mich für meinen, wie er es nennt, „Kinderglauben“ zu necken. Die Kirche habe, so wies er mich beim Blick auf meine weihnachtlich geschmückte Andachtsecke zurecht, doch nur das Fest der Wintersonnenwende mit ihren christlichen Vorstellungen überwölbt. In Wahrheit handle es sich dabei um ein uraltes heidnisches Fest.
Christliches und heidnisches Weihnachtsmysterium
Dabei leugne ich ja gar nicht, dass das Licht, das die Menschheit am Heiligen Abend aus der Dunkelheit ihres irdischen Verlorenseins erlöst, eine heidnische Vorgeschichte hat. Ich weiß sehr wohl, dass es sich ursprünglich auf die Erneuerung des Lebens in der dunklen Erde bezog – also auf die Tatsache, dass aus den Samen der im Herbst geernteten Früchte irgendwann wieder das Licht eines neuen Lebens hervorbrechen wird.
Ich gehöre auch keineswegs zu jenen, die in der Entwicklung vom heidnischen zum christlichen Glauben einen geistigen Quantensprung sehen. Zwar ist die christliche Vorstellung von der göttlichen Dreifaltigkeit um einiges komplexer als die heidnische Konzentration auf den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens. Das heißt aber noch lange nicht, dass diese deshalb banaler ist.
So gab es zwischen mir und meinem Bruder am Ende eine größere geistige Übereinstimmung, als diesem trotzigen Atheisten lieb sein konnte. Beide sind wir der Überzeugung, dass komplexe Glaubenssysteme wie das Christentum einerseits der Reflex einer geistigen Weiterentwicklung der Menschheit sind: Sie spiegeln die Tatsache wider, dass der Mensch sich in seiner Entwicklungsgeschichte allmählich von der alleinigen Fixierung auf die materielle Reproduktion seiner Existenz lösen und seine geistigen Kräfte entfalten konnte.
Andererseits – auch hier herrscht zwischen mir und meinem Bruder Einigkeit – bedeutet dies nicht notwendigerweise, dass das Mysterium der jährlichen Wiedergeburt des Lebens damit aufgeklärt wäre. Nur bei der Frage, wie mit dieser Einsicht umzugehen ist, trennen sich unsere Wege. Während ich mich in der Mystik nach Antworten umschaue, setzt er auf den weiteren Fortschritt der Wissenschaften. Gerade dieser hat jedoch – wie ich finde – mehr Fragen aufgeworfen, als er Antworten geliefert hat.
Vollständige Meditation als Podcast auf Literaturplanet zum Hören:
Das Leben – erklärt, aber nicht verstanden. Wer nach Erleuchtung sucht, muss auch die Dunkelheit akzeptieren
Bruder Norabus: Das Liebstöckel-Mysterium und andere Meditationen
Bild: Eso.org: NGC 346. Local Universe: Nebula, Type: Star Formation
