Vom Sinn des Pilgerns
Eine Meditation von Bruder Norabus
Eine Pilgerreise muss nicht zu den klassischen Wallfahrtsorten führen. Der Sinn des Pilgerns offenbart sich oft eher auf unscheinbaren Routen.
Warum Gott sich von klassischen Wallfahrtsorten fernhält
Wenn es um das Pilgern geht, bin ich ganz und gar nicht einer Meinung mit unserem Abt. Bruder Ägidius ist strikt dagegen, dass auch wir Mönche uns von Zeit zu Zeit auf eine Pilgerreise begeben. Er ist der festen Überzeugung, dass dies nur ein Vorwand dafür sei, sich eine Art Auszeit von der strengen Klosterregel zu verschaffen und sich stattdessen von den Wogen des weltlichen Lotterlebens treiben zu lassen.
Ich weiß natürlich, woran er dabei denkt: an die klassischen Wallfahrtsorte, wo der Gegenstand der Anbetung in der Tat hinter einem sehr weltlichen Jahrmarktstreiben verschwindet. Wenn das Pilgern sich auf solche Ziele beschränken würde, gäbe es keinerlei Dissens zwischen mir und Bruder Ägidius. Auch ich muss dabei an die Händler und Geldwechsler im Tempel denken, an die zornige Enttäuschung, mit der einer, der es wissen musste, diese Anbeter des Goldenen Kalbs einst der Entweihung des Heiligsten bezichtigt hat.
Vor allem aber halte ich es für anmaßend, ein einmal geschehenes Wunder durch bestimmte Zeremonien quasi immer wieder neu erzwingen zu wollen. Mir kommt das vor, als wollte man jemanden, der einem einmal ein großes Geschenk gemacht hat, in regelmäßigen Abständen dazu nötigen, einen immer wieder mit demselben Geschenk zu beehren.
Ein Wunder aber lässt sich nicht erzwingen. Es kann nicht durch magische Beschwörung und rituelle Abläufe wiederholt oder herbeigeredet werden. Sein Wesen besteht ja eben darin, dass es sich gerade dann und gerade dort ereignet, wann und wo man es am wenigsten erwartet.
Die Pilgerreise als Spiegelbild der Lebensreise
Wie gesagt: Wenn es um die klassischen Wallfahrtsorte geht, teile ich die Skepsis unseres Abtes. Was ich ihm aber vorwerfe, ist, dass er die Pilgerfahrten dorthin ganz allgemein mit dem Pilgern gleichsetzt. Für mich nämlich hat das Pilgern einen ganz anderen Sinn.
Eine Pilgerreise ist für mich im Kern ein Abbild der Lebens¬reise. Oder genauer: eine bestimmte Form, sich zu seiner Lebensreise in Beziehung zu setzen.
Die Lebensreise ist im Grunde ja keine sehr attraktive Reise. Sie beginnt mit der Geburt und endet mit dem Tod – einem Reiseziel, das wohl kaum jemand ansteuern würde, wenn er die Wahl hätte.
Da wir in diesem Punkt aber nun einmal keine Wahl haben, tun wir im Alltag alles, um das Bewusstsein für die Reise, auf der wir uns befinden, zu betäuben. Auch wenn es mich schmerzt, muss ich doch zugeben: Das ist hier im Kloster nicht anders. Auch hier führen all die Regeln und Gebote, die meinen Alltag prägen, mitunter dazu, dass ich das Wesen meines Weges aus den Augen verliere. Dann fühle ich mich im Innersten ganz taub und habe das schreckliche Gefühl, das, worum mein geistiges Leben kreist, mit meinen Alltagsverrichtungen zu ersticken.
Eine Pilgerreise ist für mich die Möglichkeit, mich wieder für die Wahrheit meiner Lebensreise zu öffnen; mir wieder der Schutz- und Hilflosigkeit bewusst zu werden, mit der ich durch dieses Leben wandere. Eben dadurch kann sich meine Seele aber auch wieder für die unsichtbare Hand öffnen, die mich auf dieser Wanderung leitet und trägt.
Eine so verstandene Pilgerreise führt eben gerade nicht zu den klassischen Wallfahrtsorten, wo das Wunder an jeder Ecke zum Kauf angeboten wird. Ihr Ziel sind eher die unscheinbaren, abgelegenen Orte, die auf keiner der großen Pilgerrouten verzeichnet sind und deren Bedeutung sich allein aus der einen, unumstößlichen Gewissheit ergibt: Es gibt keine Kirche, in der Gott nicht zu Hause ist. Noch in der kleinsten Kapelle brennt sein Licht.
Vollständige Meditation als Podcast auf Literaturplanet zum Hören:
Das Wunder der verfallenen Kapelle. Vom Sinn des Pilgerns
Bild: Arnošt Hofbauer (1869 – 1944): Pilger (1905): Wikimedia commons
