Zu Czesław Miłoszs Piosenka o porcelanie (Lied vom Porzellan)
In seinem Piosenka o porcelanie (Lied vom Porzellan) thematisiert der polnische Dichter Czesław Miłosz die Zerbrechlichkeit der kleinen Glücksmomente, die wir im Alltag als selbstverständlich hinnehmen. Deren Fragilität musste Milosz im Krieg selbst schmerzlich erleben.
Lied vom Porzellan
Meine morgenrotfarbenen Untertassen
und meine Wiesenblumentassen
liegen verstreut am Ufer des Flusses,
dort, wo die Panzer uns passierten.
Eine dunkle Spur durchzieht den Sand.
Der Schatten eines Apfelbaumes
bricht sich über der brüchigen Welt
meiner zerbrochenen Tassen.
Tröstend betastet sie der Wind,
und der gefiederte Himmel deckt sie
mit durchsichtigen Daunen zu,
umweht von flüchtiger Gischt.
In der Morgendämmerung vermischt sich
das Stöhnen der blutenden Erde
mit dem knisternden Geflüster
meiner morgenrotfarbenen Untertassen.
Schwanenfedern, Blütenflocken,
zerbrechliche Träume, gebannt
von Meisterhand, fließen hinab
erinnerungslos in den Unterweltfluss.
Ein Meer aus morgenrotfarbenen Scherben
knirscht unter meinen Stiefeln.
Geronnen ist die Flammenschrift,
zerstoben der blütenfarbene Tanz.
Ach, meine morgenrotfarbenen Untertassen
und meine Wiesenblumentassen –
einst haben sie meine Tage geschmückt;
nun schmückt die Nacht ihr Grab.
Czesław Miłosz: Piosenka o porcelanie aus: Światło dzienne (Tageslicht, 1953); entstanden 1947
Vertonung durch Jacek Telus, Singer-Songwriter und Mitbegründer der Rockband Poerox:
Vertonung durch den Singer-Songwriter und Regisseur Roman Kołakowski (1957 – 2019), gesungen von Monika Węgiel:
Wenn das Leben in tausend Scherben zerspringt
Wie in vielen anderen Fällen haben auch bei Czesław Miłosz die Kriegserfahrungen zu einer Veränderung des dichterischen Ausdrucks geführt. In seinem Fall hatte dies eine Abkehr von der Orientierung an formstrengen Dichtungstraditionen zur Folge. Stattdessen bemühte er sich nun verstärkt um Ausdrucksweisen, die das alltägliche Erleben und Sprechen in sich aufnahmen, gleichzeitig aber das darunter liegende Grauen menschlicher Destruktivität spüren ließen.
Ein Beispiel dafür ist das Piosenka o porcelanie. Darinwird das zerbrechliche Porzellan mit der Fragilität dessen assoziiert, was im Krieg als Erstes zerstört wird: einem geregelten Alltag und den kleinen Glücksmomenten, die er bereithält. Diese sind für uns so selbstverständlich, dass wir uns ihrer Bedeutung oft erst bewusst werden, wenn sie uns abhandenkommen.
Das Glück, nach einem langen Arbeitstag aus unserer Lieblingstasse, einem Kleinod der Alltagskunst, unser Lieblingsgetränk schlürfen zu können, ist für uns schlicht ein Teil unseres Lebens. Erst wenn unser Leben aus der Bahn geworfen wird, fällt uns auf, was diese kleinen Glücksmomente uns bedeutet haben.
Das Gedicht greift darüber hinaus auch eine Erfahrung auf, die aus vielen – nicht nur kriegerischen – Katastrophen bekannt ist. Die Zerstörungskraft, die damit verbunden ist, wird für uns erst greifbar, wenn sie von der abstrakten Ebene auf konkret fassbare Bilder und Ereignisse heruntergebrochen wird. 100.000 Tote bleiben eine Zahl, die uns emotional nicht berührt. Das Bild einer zerstörten Puppe, die ein Mädchen beim Einsturz eines Hauses verloren hat, macht die Katastrophe für uns dagegen emotional nachvollziehbar.
Infos zu Czesław Miłosz in dem Beitrag Der unmerkliche Weltungergang
Podcast zu Czesław Miłosz
Bild: Sarah Loetscher: Keramikstücke (Pixabay)