Der unmerkliche Weltuntergang

Über Czesław Miłoszs Piosenka o końcu świata (Lied vom Ende der Welt)

Den Weltuntergang stellen wir uns als großen Knall vor, begleitet vom Posaunengeheul der Erzengel. Was aber, wenn sich die Apokalypse schleichend vollzieht, hinter unserem Rücken? – Über ein Gedicht des polnischen Lyrikers Czesław Miłosz.

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Lied vom Ende der Welt

Am Tag des Weltuntergangs
kreist eine Biene über einer Blüte
einer Kapuzinerkresse.
Ein Fischer bessert ein Netz
aus Sonnenperlen aus,
Delfine tollen kichernd
durch die Wellen.
Junge Spatzen zwitschern
schwatzhaft auf dem Dach,
und eine Schlange gleitet
golden glitzernd durch das Laub.

Am Tag des Weltuntergangs
spazieren unter Regenschirmen
junge Frauen über das Feld.
Am Feldrain schläft
ein betrunkener Mann,
Gemüsehändler werben
auf dem Markt für ihre Waren.
Mit gold’nem Segel fängt ein Schiff
die Morgenröte ein
und steuert lautlos eine Insel an.
Die Nacht verweht
in einem Widerhall von Sphärenklängen
vor den verblassenden Sternen.

Und alle fragen sich:
„Wo bleibt nur Gottes Zeichen?
Wo sind denn Blitz und Donner?
Wann erschallen die Posaunen
mit erzengelhafter Kraft?“
Und alle sagen sich:
„Die Sonne geht noch immer auf,
der Mond vertritt sie in der Nacht,
die Hummel küsst die Rose,
Rosenkinder reifen in ihrem Duft:
Nein, das kann er nicht sein,
der Weltuntergang!“

Nur ein ergrauter alter Mann
erkennt: Dies ist das Ende der Welt.
Er könnte ein Prophet sein,
doch prophezeit er nichts,
denn er hat Wichtigeres zu tun.
Leise murmelt er
beim Anbinden der Tomaten:
„Einen anderen Weltuntergang
wird es nicht geben.
So und nicht anders
endet die Welt.“

Czesław Miłosz: Piosenka o końcu świata aus: Ocalenie (Rettung/Erlösung; 1945)

Vertonung durch den Singer-Songwriter und Regisseur Roman Kołakowski (1957 – 2019):

Weitere Vertonungen:

Rock-Vertonung von der Band Ciabatta

Home-made-Version von Mariusz Rostkowski

Wenn sich der Weltuntergang quasi nebenbei ereignet

Das Piosenka o końcu świata (Lied vom Ende der Welt) stellt die übliche Sicht des Weltuntergangs auf den Kopf. Dieser ereignet sich hier nicht als plötzlich eintretende Katastrophe, als Folge kriegerischer, kosmischer oder naturhafter Eruptionen. Er wird auch nicht, wie in der Apokalypse des Johannes, von unheimlichen Fabelwesen und Götterboten angekündigt. Stattdessen tritt die Apokalypse hier quasi nebenbei ein, wie bei einem Fluss, der im Wüstensand versickert.

1945 veröffentlicht, hat das Gedicht natürlich einen Bezug zum Krieg. Dabei ist allerdings weniger an die Folgen des Krieges als an sein Zustandekommen zu denken. So ist gerade im Fall des Ersten Weltkriegs oft die Rede davon, dass die Nationen hier wie im Schlaf in den Krieg gestolpert sind, mit einer Zwangsläufigkeit, die sie hingenommen haben wie den regelmäßigen Wechsel von Tag und Nacht.

Das Wegschauen als Brandbeschleuniger

Ähnliche Reaktionsweisen auf krisenhafte Zuspitzungen sind auch aus anderen Zeiten und gesellschaftlichen Entwicklungsstadien bekannt. Anstatt das Schlimmste anzunehmen und alles zu tun, um sein Eintreten zu verhindern, werden die Worst-Case-Szenarien nicht selten zugunsten eines „Business as usual“ verdrängt. Gerade dadurch aber wird eine katastrophale Zuspitzung der Ereignisse wahrscheinlicher.

Derartige Formen eines inadäquaten Umgangs mit lebensbedrohlichen Krisen sind natürlich nicht nur in Bezug auf kriegerische Szenarien zu beobachten. Auch in unserer aktuellen Klima- und Biodiversitätskrise entfaltet sich das apokalyptische Potenzial ja nicht durch ein bestimmtes eruptives Ereignis, sondern schlicht dadurch, dass wir unsere Lebensweise beibehalten und einfach so weiterleben, als wäre nichts geschehen.

Der Grund dafür muss nicht unbedingt eine starrsinnige Leugnung der Fakten sein. Das Festhalten am Bekannten kann auch einfach in dem Wunsch begründet sein, sich mit einem an der Oberfläche sorglosen Alltag zu betäuben. Allerdings befeuert auf diese Weise gerade die Reaktionsweise auf die sich anbahnende Katastrophe jene zerstörerische Eigendynamik, die mit der Flucht in die Alltagsroutinen verdrängt wird.

Über Czesław Miłosz

Czesław Miłosz wurde 1911 im litauischen Bezirk Kaunas geboren. Seine Familie stammte aus einem alten Adelsgeschlecht und verfügte über einen Gutshof. Der Vater war als Bauingenieur tätig.

Nach dem Schulabschluss studierte Miłosz in Wilnius zunächst Polnische Philologie, machte dann aber seinen Abschluss in Jura. Er beteiligte sich an der Dichtergruppe der Żagary (litauisches Dialektwort für „Reisig“), die eine soziale und antifaschistische Ausrichtung der Literatur mit avantgardistischen Ausdrucksformen verband. Anders als die meisten Mitglieder dieser Gruppierung orientierte Miłosz sich in seinem dichterischen Frühwerk allerdings eher an klassisch-formstrengen Schreibweisen.

1937 zog Miłosz nach Warschau um und setzte dort seine Arbeit für das Polnische Radio fort, die er bereits in Wilnius begonnen hatte. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs floh er zunächst nach Rumänien, kehrte dann aber über Wilnius nach Warschau zurück, da seine künftige Frau dort zurückgeblieben war.

Während der deutschen Besatzung hielt Miłosz sich als Hausmeister der Universitätsbibliothek über Wasser. Nebenher veröffentlichte er weiterhin Gedichte und übersetzte Werke von Shakespeare und T.S. Elliot ins Polnische. Da ihm als polnischem Bürger in der Besatzungszeit der Zugang zu höherer Bildung verwehrt war, besuchte er Untergrundvorlesungen, wie sie u.a. der Philosoph und Historiker Władysław Tatarkiewicz abhielt.

Gemeinsam mit seinem Bruder rettete Miłosz jüdischen Verfolgten das Leben, wofür beide später von der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem als „Gerechte unter den Völkern“ geehrt wurden.

Auswanderung in die USA nach dem Krieg

Nach dem Krieg war Miłosz zunächst für die neuen realsozialistischen Machthaber in Paris und den USA  als Kulturattaché tätig. Es kam jedoch schon bald zum Bruch mit dem Regime, woraufhin Miłosz in Frankreich politisches Asyl beantragte und 1960 in die USA auswanderte. Dort lehrte er im kalifornischen Berkeley slawische Literatur. Gleichzeitig schrieb er weiterhin Gedichte und verfasste daneben zahlreiche Essays. In seinem späteren Werk entwickelte er auch Schreibformen, die poetische mit essayistischen Ausdrucksformen verbinden.

Aufgrund seiner Auswanderung, die 1970 in die Annahme der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft mündete, und seiner regimekritischen Arbeiten wurde Miłosz in Polen als Verräter geschmäht. Der Schriftstellerverband verfasste eine offizielle Verurteilung seiner Werke, die in Polen bis 1980 verboten waren. Noch nicht einmal sein Name durfte erwähnt werden. Gerade dies machte seine Texte aber zu einer zentralen Inspirationsquelle der Opposition, die seine Bücher nach Polen schmuggelte und im Untergrund Kopien anfertigte.

Erst als Miłosz 1980 der Literaturnobelpreis zuerkannt wurde, änderte sich die Haltung ihm gegenüber auch von offizieller Seite. Einige seiner Werke durften nun veröffentlicht werden, der Dichter selbst reiste kurz darauf nach Jahrzehnten der Emigration erstmals wieder in sein Heimatland. Er blieb allerdings umstritten, zumal er sich mit dem realsozialistischen Regime ebenso kritisch auseinandersetzte wie mit dem polnischen Nationalismus und der katholischen Kirche.

Nach dem Fall des Eisernen Vorhangs pendelte Miłosz noch eine Zeit lang zwischen Polen und den USA hin und her, ehe er sich schließlich in Krakau niederließ. Dort ist er 2004 im Alter von 93 Jahren verstorben.

Mehr Infos zu Czesław Miłosz (polnisch):

Dąbrowska, Krystyna: Czesław Miłosz (Beitrag für die von Piotr Matywiecki herausgegebene Anthologie der polnischen Poesie vom Mittelalter bis zum 21. Jahrhundert). Culture.pl, September 2008 [mit Bildern des Dichters].

Marek, Rafał: Czesław Miłosz – Biografia, wiersze, twórczość  [Leben, Dichtung, Werk]. Poezja.org, 5. Juni 2022.

Bilder: A. Ratkevičiené: Porträt von Czesław Miłosz auf einer 2011 zum 100. Geburtstag des Dichters herausgegebenen Briefmarke der litauischen Post . Bearbeitet mit KI (Wikimedia commons); Johannes Plenio: Sonnenuntergang (Pixabay)

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