Zu Wisława Szymborskas Gedicht Cień (Der Schatten)
Wisława Szymborskas Gedicht Cień (Der Schatten) greift die symbolische Bedeutung des Schattens als einer Komplementärfigur zum bewussten Ich auf. Dies kann sich sowohl auf die soziale als auch auf die innerpsychische sowie die existenzielle Ebene beziehen.
Der Schatten
Immer äffe ich wie ein Hofnarr die Königin nach.
Erhebt sie sich von ihrem Thron,
stehe ich stramm an der Wand und stoße
lachhaft mir den Kopf an der Decke.
Manchmal träume ich von einer anderen Rolle.
Doch – gefangen in meiner zweidimensionalen Welt –,
muss ich weiter mich bescheiden
mit meinem tragikomischen Schattendasein.
Winkt die Königin vom Balkon dem Volk,
stürze ich mich durch das Fenster in die Menge.
So teilen Arbeit wir und Aufgaben uns,
doch ist beides nicht gerecht verteilt.
In Wahrheit bin ich, der Schatten, der König!
Mein Zepter flackert mit machtvoller Glut,
schlaff liegt es in der Hand der Königin.
Ich bin der Herrscher, sie ist die Dienerin.
Majestätisch ist die Anmut meiner Arme,
ihr fließender Flug um meine Krone,
die auch die Krone der Königin ist,
glitzernd auf ihrem Haupt zum Abschied.
Steif steigt die Königin in den royalen Zug,
während ich, ihr Hofnarr, mich auf die Gleise werfe.
Wisława Szymborska: Cień aus: Sól (Salz), 1962
Vertonung der 2003 gegründeten, auf Gedichtvertonungen und poetische Lieder spezialisierten Band Cisza Jak Ta:
Weitere Vertonung von Andrzej Wojciech Żarnecki
Der Schatten als das Andere unseres Selbstbilds
In Mythen und Märchen kommt dem Schatten von jeher eine besondere symbolische Bedeutung zu. In der tiefenpsychologischen Lehre C.G. Jungs wird er folglich zu den Archetypen gezählt. Darunter versteht Jung Symbolkomplexe des kollektiven Unbewussten der Menschheit, in denen zentrale existenzielle Erfahrungen gebündelt sind.
Auf der innerpsychischen Ebene bezeichnet der Schatten all jene Wünsche und Triebe, deren Erfüllung wir uns selbst versagen. Der Grund für diese Entsagung kann persönlicher, aber auch sozialer Natur sein.
Das Gedicht von Wisława Szymborska scheint zunächst auf letzteren Aspekt anzuspielen. Wie die Königin ihrem Volk darin nur huldvoll winkt, während der Schatten zum Bad in der Menge ansetzt, erfüllen auch wir im sozialen Leben eine bestimmte Rolle, die dem Ausleben unserer Bedürfnisse enge Grenzen setzt.
Je stärker wir diese Bedürfnisse unterdrücken, desto weniger ist es uns allerdings möglich, sie unter Kontrolle zu halten. So drängen sie gerade dann an die Oberfläche, wenn wir sie am vollkommensten verdrängt zu haben meinen.
Weil wir diese Bedürfnisse dabei aber nicht bewusst ausleben, haben wir auch weniger Einfluss auf die Form, in der sie sich äußern. So treten sie oft in verkrüppelter, nach außen hin lächerlich wirkender Form zutage – und schaden uns dann mehr, als sie uns nutzen. Der Schatten in Szymborskas Gedicht setzt folglich nicht einfach zur Umarmung anderer an, sondern stürzt sich unkontrolliert in ihre Mitte.
Berühmte literarische Beispiele für Menschen, die an der zu starken Unterdrückung ihrer inneren Triebe zerbrechen, sind Thomas Buddenbrook und Gustav Aschenbach, die Protagonisten aus Thomas Manns „Buddenbrooks“ und seiner Novelle „Der Tod in Venedig“. Aschenbach stirbt, als er seine uneingestandene Homosexualität auf untaugliche Weise auszuleben versucht. Thomas Buddenbrook stirbt an einem vereiterten Zahn, den er, ganz in seiner Rolle als reicher Kaufmann und würdevoller Senator aufgehend, ebenso verdrängt wie die physische Grundlage seiner Existenz.
Der Schatten als das Andere unseres Fremdbilds
Auf der sozialen Ebene, als Blick von außen auf eine Person, steht der Schatten für das, was aus der von der betreffenden Person eingenommenen sozialen Rolle ausgeblendet wird.
Dies betrifft zum einen auch hier die physische Grundlage der Existenz, also die Tatsache, dass auch hochrangige Personen an Verstopfung leiden können, dass sie kopulieren und erotische Bedürfnisse haben können, die der formvollendeten Ausfüllung ihrer sozialen Rolle widersprechen.
Daneben verweist der Schatten hier aber auch auf Bedürfnisse, die jeweilige soziale Rolle anders auszufüllen, als es der Norm entspricht. In der Politik kann dies ein weniger konsensualer, absolutistischer Machtanspruch sein, wie ihn auch der Schatten in Szymborskas Gedicht andeutet. In der Wirtschaft kann es der Drang sein, die übertragenen Aufgaben stärker zum eigenen Vorteil auszunutzen, im Kollegenkreis das Bedürfnis, andere kompromisslos auszustechen, anstatt sich dialogisch mit ihnen zu verständigen.
Die entsprechenden Verhaltensweisen können dabei unterdrückte Bedürfnisse repräsentieren, aber auch im Wortsinn „im Schatten“ liegen – also real vorhanden, aber dem Blick der Öffentlichkeit oder jenen, mit denen die Betreffenden zusammenarbeiten, verborgen sein.
Der Schatten als das Andere des Lebens
Die dritte, existenzielle Bedeutungsebene des Schattens tritt am Schluss des Gedichts vor Augen: Während die Königin mit majestätischer Eleganz in den Zug steigt, fällt ihr Schatten auf die Gleise.
Dies verweist auf die grundsätzliche Absurdität der menschlichen Existenz, vor deren Hintergrund unser Tun umso lächerlicher wirkt, je formvollendeter wir es auszuführen versuchen. Der Schatten des Todes verzerrt gerade unsere seriösesten Handlungen und feierlichsten Akte zu einer Karikatur ihrer selbst.
Infos zu Wisława Szymborska in dem Beitrag Das Lächeln am Abgrund des Nichtverstehens
Podcast zu Wisława Szymborska
Zu C. G. Jung vgl. die Einführung in dessen Werk von Jolande Jacobi (Die Psychologie von C. G. Jung). Das Buch ist zuerst 1940 erschienen und danach etliche Male neu aufgelegt und dabei auch erweitert worden.