Unheimliche Erinnerungsfilme

Auszüge aus Nadja Dietrichs Roman Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau

Lässt sich mit Filmen und Fotografien das Glück des Augenblicks festhalten? Oder dokumentieren sie eher dessen Vergänglichkeit?

Lidia Afanasjewna konnte sich noch gut an ihren zehnten Geburtstag erinnern. Es war ein warmer Spätsommertag gewesen, sie hatten ein paar Verwandte und Nachbarn auf die Datscha eingeladen. Die zusammengeschobenen Tische im Garten bogen sich unter mehreren Torten, Salaten, frisch eingemachten Gurken, aufgeschnittener Salami und den Waffeln mit dem bunten Bonbonpapier, von denen ihr „mischka na sjeverje“, das Eisbärchen aus dem hohen Norden, entgegenleuchtete.
Am Abend versammelten sich die Männer um den Grill. Es gab „schaschlyk“, Fleischspieße, dazu für die Männer den edlen Wodka aus dem Feinkostgeschäft, für die Frauen den süffigen „schampanskoje“ aus Moskau und für die Kinder zuckersüße Limonade.
Zu dem Geburtstag war auch ihr Onkel Andrej angereist, ein Arzt, der in der Hauptstadt Karriere gemacht hatte und sich mit Privatkunden ein lukratives Zubrot verdiente. Dieser hatte seine neue Super-8-Kamera mitgebracht, mit der er die Details der Feier festhielt: Onkel Artjom, der sich beim Umdrehen der Fleischspieße die Finger verbrennt; das Kreischen der Kinder im Plastikpool; Oma Annas stolzer Vortrag über das Rezept für ihre in Johannisbeeressig eingelegten Tomaten; Tante Oxana, eine Musiklehrerin, beim Vorsingen eines selbst gedichteten Liedes auf die kleine Jubilarin, in dessen Refrain alle einstimmen; und schließlich sie selbst, Lidia Afanasjewna, beim Verzehren eines Tortenstücks, das ihr ähnliche Probleme bereitet wie einer Schlange das Verschlingen eines zu großen Beutetiers.
Lidia Afanasjewna wusste noch genau, wie es sich angefühlt hatte, als Onkel Andrej sie bald darauf noch einmal besucht hatte, um ihnen den Film vorzuführen. Es war, als könnte man den schönen Tag ein zweites Mal durchleben, als hätte man die Vergänglichkeit der kurzen Glücksmomente überwunden. Ja, es war ein Sieg über die Zeit gewesen, die einem beständig das Beste vor der Nase wegstiehlt.
Ein trügerischer Sieg … Jahre später, bei ihrer ersten Reise nach Moskau, hatte sie mit ihren Eltern auch Onkel Andrej in seiner schönen Hauptstadtwohnung besucht. Da hatte er den alten Film noch einmal hervorgeholt und ihn abermals vorgeführt. Und da hatte sich der vermeintliche Sieg über die Vergänglichkeit auf einmal in eine Dokumentation des Vergehens verwandelt. Oma Anna war mittlerweile verstorben, Onkel Artjom lebte längst in einer anderen Stadt und hatte kaum noch Kontakt zu ihnen, der Schuppen, in dem sie als Kinder immer Verstecken gespielt hatten, war einem modernen Gewächshaus gewichen, die Häuschen in der Nachbarschaft waren größtenteils umgebaut und aufgestockt worden.
Es hatte etwas Unheimliches gehabt, die einstigen Glücksmomente aus der größeren zeitlichen Distanz zu betrachten. Ein wenig hatte es sich angefühlt, als würde man sorglosen Erdmännchen beim Spielen zuschauen, während über ihnen schon ein Raubvogel kreist, der sich in einem günstigen, nur ihm bekannten Moment auf sie herabstürzen wird.
Seit jener Zeit war es Lidia Afanasjewna unangenehm, sich Privatfilme anzuschauen. Auf Fotos reagierte sie weniger empfindlich – allerdings nur dann, wenn diese den flüchtigen Moment nicht festzuhalten, sondern in seinem Wesen zu erfassen suchten. Die technische Zauberei ging dann, so schien es ihr, in den Zauber der Kunst über.
Ein solcher Zauber ging für sie etwa von einer alten Schwarz-Weiß-Aufnahme eines ihrer Urgroßväter aus. Es war das einzige Foto, das es von ihm gab, es zeigte ihn im Profil, den Blick in die Weite eines sich in den Himmel ergießenden Feldes gerichtet. Obwohl sie dem Mann auf dem Foto nie persönlich begegnet war, hatte sie manchmal den Eindruck, ihn besser zu kennen als Onkel Artjom, Oma Anna und all die anderen Verwandten, deren Leben in die Scherben unzähliger Einzelbilder zersplittert war.

Podcast, 4. Episode (Kapitel 14 und 15):
Lidia Afanasjewna träumt von einem Frühstück mit Wladimir Putin. Das soll sie bei ihren Ermittlungen voranbringen, zugleich aber auch den Weltfrieden fördern.

Titel: Mord im Reichstag. Ermittlungen einer Putzfrau

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Bild: I.Hoffmann: Kind vor einer Datscha. AI generated.

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