Auszüge aus Nadja Dietrichs Roman Der Tote im Reichstag und die verträumte Putzfrau
Vielleicht gibt es irgendwo in den Weiten des Universums einen Planeten, auf dem man jeden Tag als jemand anderes erwacht. Jeder Tag wäre dort eine Lotterie, bei der man immer wieder die Chance auf das große Los hätte.
Auf dem idealen Planeten, den Lidia Afanasjewna sich zuweilen erträumte, war kein Tag wie der andere. Manchmal stand man dort morgens mit dem Fuß auf, manchmal mit dem Kopf. Manchmal schlief man am Tag, manchmal in der Nacht, und manchmal schlief man überhaupt nicht, sondern malte, auf dem Hexenbesen durch die Nacht reitend, unergründliche Zeichen ans Firmament.
Auch die Farbe der eigenen Haut wechselte auf dem Planeten von Tag zu Tag. An manchen Tagen war sie hell, an anderen dunkel, sie konnte braun sein oder rosa, ins Rötliche oder ins Gelbliche changieren. Die Augen waren mal blau, mal grau, mal braun. Zuweilen wachte man auch mit einer Augenfarbe auf, die man selbst nicht genau bestimmen konnte, weil der Farbton andauernd in einen anderen überging. Besonders gefürchtet war das „Defekte-Ampel-Syndrom“, das sich durch ein ständiges Hin- und Herwechseln zwischen Rot und Grün auszeichnete.
So hatten die Wesen auf dem fernen Planeten immer wieder eine andere Gestalt: Sie konnten mit einem oder mit sechs Beinen aufwachen, mit zotteliger Yeti-Behaarung oder kahl wie eine Nacktschnecke. An manchen Tagen waren sie so groß, dass sie die höchsten Bäume überragten, an anderen Tagen klein wie Grashüpfer.
Auch die Lebensumstände änderten sich von Tag zu Tag. Es kam vor, dass die extraterrestrischen Kreaturen sich am Morgen in einem majestätischen Palast wiederfanden, mit Sälen, deren anderes Ende nicht zu erkennen war, wenn man sie betrat. Es konnte aber auch sein, dass sie ihren Tag in Hütten verbringen mussten, die so eng waren, dass es sich anfühlte, als wäre man in einen Schrank eingesperrt.
Man hätte nun denken können, dass die fernen Mitgeschöpfe der Erdlinge unglücklich gewesen wären über ihre Situation; dass die Unsicherheit darüber, was sie am nächsten Morgen erwarten würde, sie krank gemacht hätte. Stattdessen waren die Bewohner des fernen Planeten jedoch, davon war Lidia Afanasjewna fest überzeugt, äußerst glückliche Kreaturen.
Dies lag zum einen daran, dass das Leben in seiner Unvorhersehbarkeit für sie ein einziges großes Abenteuer war und sie keine Langeweile kannten. Zum anderen aber hatten ihre Lebensbedingungen auch zur Folge, dass es so gut wie keine Gewalt unter ihnen gab. Niemand verachtete den anderen oder machte sich über ihn lustig, wenn er unter dem gefürchteten „Defekte-Ampel-Syndrom“ litt. Schließlich konnte man schon am nächsten Morgen selbst davon betroffen sein.
Auch Neid oder Habgier kannten die extraterrestrischen Wesen nicht. Es hätte einfach keinen Sinn gehabt, anderen ihr Hab und Gut zu missgönnen oder es ihnen gar zu entreißen. Denn was man anderen heute weggenommen hätte, wäre schon morgen wieder verloren gewesen. Es war schlicht bequemer, auf die Lotterie des Lebens zu setzen und zu hoffen, dass der nächste Tag einem einen Hauptgewinn bescheren würde.
Podcast, 2. Episode (Kapitel 5 – 8):
Die Spur der Ermittlungen führt Lidia Afanasjewna ins Berliner Rotlichtmilieu. Dort macht sie eine überraschende Entdeckung.
Bild: Placidplace: Wurmloch (Pixabay)

