Gespräche mit Paula/9
„Das Universum folgt der Logik des göttlichen Geistes, der sich irgendwann wieder in sich selbst zurückzieht, um sich dann abermals seiner selbst zu entäußern. Das ist es, was wir den Pulsschlag Gottes nennen.“
Kriegshandlungen im Wald
Selten habe ich Paula so aufgewühlt erlebt wie an dem Tag, als wir im Wald einem Jäger begegnet sind. Er saß auf seinem Hochsitz und nickte uns freundlich zu, als wir an ihm vorbeigingen. Paula aber zuckte trotzdem zusammen, als sie sein Gewehr sah, und duckte sich unwillkürlich, als wollte der Mann im nächsten Augenblick auf sie anlegen.
„Komm“, drängte sie mich, als wir außer Reichweite des Jägers waren, „schnell weg von hier! Ich möchte auf keinen Fall in die Kriegshandlungen verwickelt werden.“
„Aber das war doch nur ein Jäger!“ lachte ich.
Paula sah mich verständnislos an: „Eben – sag‘ ich doch!“
Der Jäger – ein archaischer Priester?
Es war eine jener Situationen, bei denen ich mir nicht sicher war, ob Paula nur so naiv tat oder ob sie wirklich nicht wusste, welche Aufgaben ein Jäger bei uns hat. Entsprechend kurz angebunden fiel meine Erwiderung aus: „Aber Paula! Du wirst doch wohl wissen, was ein Jäger ist!“
„Ja, natürlich“, entgegnete sie irritiert. „Jemand, der Jagd auf andere macht.“
Ich schüttelte den Kopf. „Ein Jäger ist für die Kontrolle des Wildtierbestands zuständig. Wir beide haben also gar nichts von ihm zu befürchten.“
Paula runzelte die Stirn. „Was soll das heißen – ‚Kontrolle des Wildtierbestands‘?“
„Nun, der Jäger achtet darauf, dass einzelne Wildtierbestände nicht überhand nehmen und dadurch das ökologische Gleichgewicht gefährden“, belehrte ich sie.
„Und wozu braucht er dann ein Gewehr?“ wollte Paula wissen.
„Na, um überzählige oder kranke Tiere abzuschießen“, erklärte ich.
„Wie bitte?“ rief Paula aus. „Er tötet Tiere, nur weil er der Meinung ist, dass es zu viele davon gibt? Wer gibt ihm denn das Recht dazu? Bei Menschen löst man das Problem der Überbevölkerung ja auch nicht dadurch, dass man Abschussquoten festsetzt, sondern indem man die Vermehrung einschränkt. Dasselbe könnte man doch bei den Tieren auch tun – wenn es denn unbedingt nötig ist.“
Normalerweise wäre ich auf so eine verrückte Idee nicht weiter eingegangen. Da ich aber wusste, dass Paula nicht eher Ruhe geben würde, als bis ich mich dazu geäußert hätte, bekannte ich seufzend: „Also erstens weiß ich nicht, ob so etwas möglich und effektiv genug wäre. Und zweitens werden doch sowieso immer mal wieder Wildtiere zum Verzehr geschossen. Da kann man doch gewissermaßen das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden.“
Paula blieb stehen und maß mich mit einem verächtlichen Blick. „Kannst du mir bitte erklären, was ‚angenehm‘ daran sein soll, ein anderes Lebewesen zu töten?“
„Aber das war doch nur so dahergeredet!“ wiegelte ich ab. „Ich wollte lediglich sagen, dass die getöteten Tiere – da bei uns sowieso Fleisch gegessen wird – immerhin einer sinnvollen Verwendung zugeführt werden.“
„Soll das vielleicht heißen, dass ihr in dem Jäger so etwas wie einen Zeremonienmeister seht?“ verhörte Paula mich weiter. „Jemanden, der eine Art Opferritus durchführt oder vorbereitet? Ist das womöglich ein archaischer Rest in eurer Kultur?“
„Ach was!“ lachte ich. „Fleisch ist für uns ein ganz normales Nahrungsmittel – und die Jagd ist bei seiner Produktion ja eher ein Sonderfall. In der Regel werden Tiere für die Fleischgewinnung speziell gezüchtet.“
Paula zog die Augenbrauen hoch – das verhieß nichts Gutes. „Willst du damit sagen, dass ihr Tiere nur deshalb aufzieht, um sie zu töten und zu verspeisen?“
„Nun ja“, räumte ich ein, als hätte Paula mich bei etwas Verbotenem ertappt. „Die Massentierhaltung und die industrielle Fleischproduktion haben natürlich ihre negativen Seiten. Aber die Tierschutzgesetze sind in letzter Zeit doch stark verbessert worden.“
Paula atmete auf. „Dann geht ihr jetzt also gegen diejenigen vor, die andere Lebewesen vorsätzlich töten?“
Ich schmunzelte, aber Paulas Ernst ließ mir das Lächeln auf den Lippen gefrieren. „Nein, so war das nicht gemeint“, präzisierte ich. „Die Tierschutzgesetze sollen nur verhindern, dass den Tieren unnötiges Leid zugefügt wird.“
Paula schüttelte den Kopf. „Dass es der einzige Zweck eines Lebewesens ist, getötet und von anderen verspeist zu werden, haltet ihr also nicht für unnötiges Leid?“
„Glaubt ihr an Seelenwanderung?“
Ich stöhnte genervt auf. Es ärgerte mich, dass Paula mich schon wieder mit ihren Fragen in die Enge trieb. Sie wusste doch ganz genau, dass der Fleischverzehr in unserer Kultur etwas ganz Normales, allgemein Akzeptiertes war! „Sag mal“, fragte ich daher entsprechend gereizt zurück. „Esst ihr bei euch denn gar kein Fleisch? Glaubt ihr etwa an Seelenwanderung?“
„An Seelenwanderung?“ wunderte sich Paula. „Nein – wie kommst du denn darauf?“
„Ich meine ja nur … weil du so darauf beharrst, dass man kein anderes Lebewesen töten darf“, sagte ich zögernd. Es ärgerte mich, dass ich mich zu der unbedachten Bemerkung hatte hinreißen lassen – so hatte ich ohne Not eine zweite Diskussionsfront aufgemacht.
Paula verstand mich noch immer nicht – oder wollte sie mich nur nicht verstehen? „Und was hat es mit Seelenwanderung zu tun, wenn man sich gegen die Tötung anderer Lebewesen zum Fleischverzehr ausspricht?“ fragte sie.
„Ich hatte halt angenommen, ihr glaubt daran, dass die Seelen eurer Vorfahren in den Tieren weiterleben“, erklärte ich seufzend.
„Du meinst also, Tiere hätten nur dann ein eigenes Lebensrecht, wenn sie durch die Berührung mit dem menschlichen Seelen-Manna geadelt werden?“ spottete Paula.
„Na ja“, entgegnete ich kleinlaut, „ich kenne eure Glaubensvorstellungen ja nicht – und da dachte ich eben …“ Ich führte den Satz nicht zu Ende – ich wusste selbst nicht mehr, was ich mir bei der Bemerkung gedacht hatte.
Wo und was ist Gott?
Wir traten auf eine kleine Lichtung hinaus. Da die Äste der Bäume von der Seite in den freien Raum hineinwucherten, tropfte das Licht nur wie durch Butzenscheiben auf uns herab. Lediglich eine schmale Himmelskuppel wölbte sich über uns.
„Ich war eigentlich davon ausgegangen, dass unsere religiösen Vorstellungen gar nicht so weit auseinanderliegen“, bemerkte Paula nach einer Weile. „‚Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott‘ – heißt es nicht so in eurem heiligen Buch?“
Erstaunt, dass Paula die Bibel kannte, nickte ich. Ich fragte mich, worauf sie hinauswollte.
„Siehst du, und das entspricht auch genau dem, woran wir glauben“, behauptete sie kühn. „Dass das Wort im Anfang bei Gott ist, bedeutet doch wohl, dass anfangs gar nichts da ist. Erst wenn Gott sich seines Wortes, also seines Geistes, entäußert, wenn dieser sich außerhalb der Urzelle, in die er sich vor Anbeginn der Zeiten eingekapselt hatte, entfaltet, entsteht das Universum, und mit ihm auch alles andere Seiende. Dies aber bedeutet, dass alles Seiende vom göttlichen Geist durchwirkt ist und deshalb auch seine eigene Würde und seine eigene Daseinsberechtigung besitzt.“
„Nach dieser Logik dürfte man ja noch nicht einmal einen Baum fällen“, wandte ich ein.
„Streng genommen natürlich nicht“, bestätigte Paula. „Aber in der Welt, wie wir sie kennen, ist es nun einmal so, dass ständig ein Seiendes in einem anderen aufgeht. Und gerade Bäume werfen ja ohnehin immer mal wieder einzelne Äste und Zweige ab. Um Brennholz zu gewinnen oder Material für den Hausbau, darf man aber sicher auch etwas von dem Baum absägen. Dabei muss man nur stets darauf achten, dass seine Existenz in ihrer Gesamtheit keinen Schaden nimmt.“
Wahrscheinlich würden die Menschen noch immer in Höhlen leben, wenn alle diesem Grundsatz folgten, dachte ich bei mir. Für meine Antwort konzentrierte ich mich jedoch auf ein anderes, meines Erachtens schlagkräftigeres Argument: „Und was ist mit den Raubtieren? Sind die für euch etwa ein Werk des Teufels?“
„Das ist etwas anderes“, wies Paula den Einwand zurück. „Wenn ein Tier ein anderes tötet, so tut es dies stets, um zu überleben. Das Raubtier ist so, wie es ist – es hat keine andere Wahl. Der Mensch jedoch – vor allem, wenn er in einer so übersättigten Welt lebt, wie ihr sie euch geschaffen habt – hat immer eine Wahl. Er kann problemlos überleben, ohne andere Lebewesen zu töten.“
„Manchmal ist genau das aber notwendig, um das Gleichgewicht in einem Ökosystem wiederherzustellen“, gab ich zu bedenken. „Der Natur gelingt es eben nicht immer, sich selbst zu regulieren.“
„Wenn sie das nicht schafft, ist das in der Regel doch die Schuld des Menschen, der sie zuvor aus dem Gleichgewicht gebracht hat“, widersprach mir Paula. „Nur weil Menschen mehr technische Möglichkeiten haben als andere Lebewesen, haben sie noch lange nicht das Recht, sich auf den Thron Gottes zu setzen. Dadurch zerstören sie nur den sich selbst regulierenden Kreislauf der Natur. Deshalb ist es auch Unsinn, zu behaupten, sie allein könnten den durch diese Selbstvergöttlichung angerichteten Schaden wieder reparieren.“
Menschliche Hybris und göttlicher Atem
Wir verließen die Lichtung und traten in einen dichten Fichtenwald ein. Es war so finster darin, dass ich anfangs den Eindruck hatte, von völliger Dunkelheit umgeben zu sein. Erst allmählich gewöhnten sich die Augen an die neuen Lichtverhältnisse.
„Weißt du, was ich glaube?“ fragte Paula, nachdem wir eine Zeitlang schweigend nebeneinander hergegangen waren. „Dass diese Selbstbeweihräucherung des Menschen als ‚Krone der Schöpfung‘ im Grunde auf einer tiefen existenziellen Verunsicherung beruht. Denn das, was den Menschen wirklich von anderen Lebewesen unterscheidet, ist doch seine Fähigkeit, sich denkend auf sich selbst zurückzubeugen, sich seiner selbst und seiner Lebenssituation bewusst zu werden.“
„Hoppla!“ entfuhr es Paula. Im Dämmerlicht des Waldes wäre sie fast über einen morschen Ast gestolpert. Sie ließ sich davon jedoch nicht aus dem Konzept bringen und setzte ihren Gedankengang unbeirrt fort: „Was sieht es aber, das arme Menschenwürmchen, wenn es in den Spiegel seines eigenen Daseins schaut? – Dass es von Geburt an zum Tode verurteilt ist und dass seine Existenz schon nach dem Bruchteil eines Wimpernschlags wieder vorbei sein wird! Und was macht es da? Es stilisiert sich selbst zur ‚Krone der Schöpfung‘ und wiegt sich so sein Leben lang in der Illusion, allmächtig und damit auch unsterblich zu sein. Das heißt, der Mensch setzt seine besonderen geistigen Fähigkeiten nur dazu ein, sich über sein wahres Schicksal zu belügen. Und in dieser Kombination aus Blindheit und angemaßter Gottgleichheit liegt, wie mir scheint, ein ungeheuer zerstörerisches Potenzial.“
Eine Bachstelze landete auf unserem Weg und hüpfte, auf dem aufgeweichten Waldboden nach Nahrung suchend, vor uns her. Immer wenn wir sie fast erreicht hatten, flog sie ein paar Meter weiter und gab dann von neuem die Vorhut für uns.
„Ein Glück nur, dass selbst die Erde nur ein unbedeutendes Bruchstück im großen Bauplan des Universums ist“, philosophierte Paula weiter. „Die Dynamik der Selbstentfaltung des göttlichen Geistes wird durch ihren Untergang sicher in keiner Weise beeinflusst. Dies kann nur durch die dieser Dynamik selbst innewohnende Logik geschehen – dadurch, dass der göttliche Geist irgendwann wieder in seinen Ursprung zurückstrebt, dass er sich erneut in sich selbst zurückzieht, um sich dann abermals seiner selbst zu entäußern. Das ist es, was wir den Pulsschlag Gottes nennen.“
Wir traten aus dem Wald heraus und erklommen schweigend eine kleine Anhöhe, von der aus man einen weiten Blick ins Land hinaus hatte. Ein Hügelkamm reihte sich an den nächsten, bis die grünen Wellen in der Ferne ineinanderflossen und sich in der milchigen Abenddämmerung verloren. Es war, als würde man auf einen See blicken, dessen Oberfläche von einem leichten Wind gekräuselt wird.
Während unsere Augen sich in dem imaginären See verloren, hallten Paulas Worte in mir nach. Als ich aufblickte, zeigte sich am Himmel schon die bleiche Mondsichel. Folgte nicht auch sie, so musste ich unwillkürlich denken, in ihrem immer neuen Erblühen und Verblassen einer Art lautlosem Pulsschlag?
Ich drehte mich zu Paula um. Als ich aber meine Gedanken mit ihr teilen wollte, musste ich feststellen, dass sie die Augen geschlossen hatte. Andächtig sog sie die frische Abendluft ein und versenkte sich wohl gerade auf ihre Weise in den Pulsschlag des Lebens, den der laue Sommerwind ihr um die Wangen fächelte.
Bild: European Southern Observatory: Tief im Herzen des Orionnebels; eso1625de-at (eso.org, 12. Juli 2016, Pressemitteilung: VLT-Infrarotaufnahme bringt unerwartet viele Objekte niedriger Masse zu Tage)

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