Auszug aus Nadja Dietrichs Roman Kaiserhorst
Seine Suche nach Hinweisen auf das Wesen von „Kaiserhorst“ führt Carlo, den Protagonisten aus Nadja Dietrichs Roman Kaiserhorst, auch in eine imposante Klosterbibliothek – ein Stein gewordenes Monument des Geistes.
Wer diese Bibliothek betritt, wird zunächst unweigerlich in höhere Sphären entführt. Der die Ankommenden empfangende Prunksaal mit den von antiken Säulen eingefassten Bücherregalen, den goldumrahmten Deckenfresken und dem glänzenden Marmorboden, der die Wissensfunken in sich aufsaugt und reflektiert, ist eine veritable Kathedrale des Geistes.
Aus jeder Mauerritze atmet hier das jahrhundertelange Ringen mit den unlösbaren Rätseln des Menschseins und des Universums, die Annäherung an ein Ziel, das ewig unerreichbar bleiben wird und dessen Konturen doch in denen aufscheinen, die den steinigen Weg zu ihm auf sich nehmen. So feiert der Geist in all den prachtvollen Verzierungen zwar sich selbst, bezeugt damit aber zugleich die Ehrfurcht vor jenem anderen Geist, dessen Wege er allem andächtigen Streben zum Trotz doch stets nur bruchstückhaft ergründen kann.
Die Decke des Raumes greift mit ihrer Tiefenwirkung und den sich in der Weite des Himmels verlierenden Engelsfiguren die nie ganz zu fassende, nie an ihr Ende kommende Dynamik des Geistes auf. Dennoch drückt sich in ihr die Illusion der Vollendung aus, einer zu einem Abschluss kommenden geistigen Reise, in deren schriftlicher Dokumentation sich zumindest ein Abglanz des großen Ganzen findet.
Genau darin liegt ja der unendliche Trost von Büchern. In ihnen hallt noch der Glaube an den Stein der Weisen nach, an das eine, alles umfassende Werk, das Buch der Bücher, in dem der Geist sich ganz und unmittelbar ausspricht.
Unsere heutige Praxis, Tausende von Wissensflüssen gleichzeitig abzuschöpfen und so das ewig Suchende, ewig Unvollständige des Geistes in uns selbst abzubilden, mag zwar ehrlicher sein. Das in sich abgeschlossene Buch aber kann uns jene Hoffnung auf die Sinnhaftigkeit unseres geistigen Strebens vermitteln, ohne die wir die Kraft für dieses Streben vielleicht irgendwann verlieren würden.
Oder ist es womöglich genau umgekehrt? War der religiöse Glaube an das eine, alles umfassende Geistesprodukt nur eine Gehhilfe, mit der wir uns in der Welt des Geistes zu bewegen gelernt haben? Sind unsere heutigen elektronischen Möglichkeiten keine Überforderung unseres Geistes, sondern die notwendige Folge einer Entwicklung, die ihn befähigt, seine eigenen komplexen, tendenziell unabgeschlossenen Strukturen produktiv zu nutzen? Sind wir erst heute bereit, darin das Spiegelbild eines Kosmos zu sehen, der in seiner Entwicklungsdynamik ebenso unergründlich für uns bleibt wie die Dynamik unserer geistigen Entwicklung?
Am Ende hätte dann gerade die klösterliche Pflege des Geistes, das immer neue handschriftliche Kopieren all der geistigen Reisen, dieses jahrhundertelange Meditieren über Fragen, die immer neue Fragen aufgeworfen haben, ein neues Zeitalter des Geistes vorbereitet, in dem nicht mehr nach dessen Einheit und Wesenskern gesucht, sondern die Vielfalt der in ihm verborgenen geistigen Universen in den Blick genommen wird.
Von einer jungen Nonne begleitet, begibt Carlo sich später zu den Archivräumen:
Hinter der Tür gelangten wir auf einen dunklen Flur, in dem eine eiserne Wendeltreppe in die Tiefe führte. Der schmale Schacht wirkte wie ein Trichter, der den Widerhall unserer Schritte zu einem dumpfen Stakkato verstärkte. Immer weiter schraubten wir uns dem Grund entgegen, in immer neuen Windungen, die zusammen mit dem funzeligen Licht ein leichtes Schwindelgefühl in mir auslösten. Es war, als würden wir uns allmählich aus der Zeit herausdrehen und uns nur noch auf der Stelle bewegen.
Auf jeder Etage, an der wir vorbeikamen, fiel der Blick auf endlose Regale mit verstaubten Büchern, die im Halbdämmer niedriger Räume darauf warteten, von einer suchenden Hand erlöst zu werden. Es war der komplette Gegenentwurf zu dem prachtvollen Empfangssaal der Bibliothek. Während dieser die Höhenflüge des Geistes verklärte, die Gipfel der Erkenntnis, die Illusion des Überblicks, wurde hier, hinter einer gut verschlossenen Tür, die andere Seite des Geistes sichtbar.
Hier wurde die Mühsal der geistigen Reisen spürbar, der beschwerliche Weg durch die Nacht der Geistestäler, in denen an jeder Biegung die Gefahr des Selbstverlusts, der immerwährenden Orientierungslosigkeit lauert. Wo der Prunksaal die alles erleuchtende Macht des Geistes feierte, bezeugten die staubigen Regale die Notwendigkeit des Glaubens, und zwar jenseits aller religiösen Überzeugungen: des Glaubens an die Gnade der geistigen Erlösung, an die plötzlich aufblitzenden Verbindungspfade, die den Suchenden den Weg aus den Irrgärten des Geistes weisen.
Buch (Hardcover) erscheint im Frühjahr 2024
Bild: Arcomonte26: Klosterbibliothek in Admont/Steiermark (Wikimedia commons)

