Briefwechsel eines Toten / Correspondence of a Dead Man

Als er wieder allein ist im Büro von Dr. France, durchsucht Achmet die Unterlagen auf dessen Schreibtisch. Dabei stößt er auf einen Brief, der die Giftmorde an ihm, Gesa und Gina zu erklären scheint.

English Version

Hörfassung:

Als ich endlich allein war im Büro von Dr. France, war es bereits wieder Abend geworden. Erst jetzt konnte ich mit meinen Recherchen beginnen.
Ich hatte gar nicht erst versucht, meine Nachforschungen aufzunehmen, ehe der letzte Todesexperte den Raum verlassen hatte. Zu deutlich stand mir noch die stumme Zurückweisung vor Augen, mit der die Dinge sich mir entzogen, solange sie im Netz der Welt gefangen waren. Erst als sie sich vollständig aus diesem gelöst hatten, konnte ich hoffen, sie zum Sprechen zu bringen.
Als Erstes wandte ich mich dem Schreibtisch von Dr. France zu. Es dauerte eine Weile, bis ich begriff, dass der soldatische Forscher selbst den scheinbaren Anflug von Anarchie, der dort herrschte, einem strengen Kategoriensystem unterworfen hatte. Auf der rechten Seite befand sich unerledigte Geschäftspost, in der Mitte lagen wissenschaftliche Zeitschriften und andere Dinge, die von professionellem Interesse waren, links stapelten sich Ausdrucke eigener Briefe und anderer Schriftstücke, die noch der Korrektur bedurften.
Ich beschloss, mich zunächst mit der Gemischtwarensammlung in der Tischmitte zu befassen, da es sich hierbei um den kleinsten Haufen handelte. Tatsächlich stieß ich darin nach einigem Wühlen und Blättern auf eine Mappe mit Zeitungsausschnitten, die mein Interesse weckten.
Die Artikel thematisierten alle Aktionen einer Organisation, die sich HumaneVisions nannte und offenbar zu den schärfsten Kritikern der Forschungsprojekte von Dr. France zählte. Auf einem Foto waren Menschen mit holzschnittartigen Gesichtszügen und Einheitskleidung zu sehen, die ein Mann mit weißem Kittel an Marionettenfäden dirigierte. Auf seinem Rücken beschrieben leuchtende Lettern dies als „Selbstbestimmung im Universum des Dr. France“.
Ein anderes Foto zeigte die Gruppe mit einer selbst gebastelten Plastik. Diese stellte ein zu einem Räderwerk mutiertes Gehirn dar, an dem ein Mann mit Rauschebart mit einem Seziermesser hantierte. Kommentiert wurde das Ganze mit der rhetorischen Frage: „GOTTVERTRAUEN?“
Ein weiterer Artikel berichtete schließlich von einem Happening, für das die Mitglieder von HumaneVisions Neandertalermasken aufgesetzt, gleichzeitig aber Schlips und Krawatte angelegt hatten. Während sie mit Pappkeulen aufeinander losgingen, hielten andere Mitglieder der Gruppe ein Plakat mit der Feststellung hoch: „Wissenschaftlicher Fortschritt sieht anders aus!“
Als Bindeglied zwischen allen Aktionen fungierte ein Banner, das bei sämtlichen Veranstaltungen hochgehalten wurde. Darauf prangte in großen Lettern der Appell: „NEIN zu Visions for Humanity!“ – ergänzt um den Kampfruf: „Gegen die Enteignung unserer Visionen!“
Ich fragte mich, wie all diese Aktionen und Berichte meiner Aufmerksamkeit hatten entgehen können. War ich in meiner früheren Existenz etwa so stark mit mir selbst beschäftigt gewesen, dass ich Dingen, die außerhalb meiner eng umgrenzten Theaterwelt lagen, keinerlei Beachtung geschenkt hatte? Oder verdankte sich das Übersehen der Artikel vielleicht dem Chip in meinem Gehirn, mit dem die Wirksamkeit des mir verabreichten Präparats kontrolliert wurde? Konnten mit seiner Hilfe womöglich bestimmte Inhalte davon abgehalten werden, die Schwelle meines Bewusstseins zu überschreiten?
Ich schob diese im Moment eher sekundäre Frage beiseite und machte mich stattdessen daran, den Stapel mit der Geschäftspost zu durchforsten. Dies erwies sich allerdings als etwas umständlich, da Dr. France die Briefe nach der Lektüre alle wieder fein säuberlich zusammengefaltet und in die Umschläge zurückgesteckt hatte. Außerdem hatte ich anfangs Schwierigkeiten, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.
Schließlich fischte ich aus der Masse der Tagungseinladungen und Allerweltsbenachrichtigungen aber doch eine unerwartet explosive Botschaft heraus. Es handelte sich dabei um ein Schreiben einer Forschungsstiftung, auf die Dr. France offenbar für die Finanzierung seiner Projekte angewiesen war. Der Brief hatte folgenden Wortlaut:

Sehr geehrter Herr Dr. France,
zu unserem Bedauern müssen wir Ihnen mitteilen, dass wir die Förderung Ihres Projekts „Cerebrale Optimierung“ zum Beginn des kommenden Haushaltsjahres einstellen müssen.
Im Zuge des allgemeinen Sparzwangs, der Stiftungen wie die unsrige mit besonderer Härte trifft, haben wir uns genötigt gesehen, die Richtlinien für die von uns unterstützten Forschungsprojekte noch einmal zu überprüfen. Entscheidendes Kriterium war dabei außer der Frage der gesellschaftlichen Relevanz die empirische Nachweisbarkeit und Replizierbarkeit der Forschungsergebnisse.
Gerade letzterer Punkt ist nun aber eine entscheidende Schwachstelle Ihres oben genannten Projektes. Zwar kann nicht bestritten werden, dass die von Ihnen wissenschaftlich begleiteten Versuchspersonen sich, wie von Ihnen prognostiziert, durch eine außergewöhnliche soziale Durchsetzungsfähigkeit auszeichnen. Bis heute ist es Ihnen jedoch nicht gelungen, einen empirischen Nachweis dafür zu erbringen, dass diese Entwicklung ausschließlich oder vorwiegend auf das den Probanden verabreichte Präparat zurückzuführen ist.
Auch wenn wir uns der Tatsache bewusst sind, dass dieser Nachweis nur schwer zu führen ist, müssen wir Ihr Projekt aufgrund unserer neuen Förderrichtlinien doch von der Liste der von uns unterstützen Forschungen streichen. Sollte sich die Basis für Ihre Antragstellung in Zukunft substanziell verändern, wären wir allerdings gerne bereit, einen neuen Antrag von Ihnen in das Prüfverfahren aufzunehmen.
Für Ihre weitere Forschung wünschen wir Ihnen viel Erfolg.

Damit schien die Sache nun endgültig geklärt zu sein. Offenbar hatte Dr. France unter Druck gestanden, weil sein Hauptgeldgeber – hierin vielleicht bestärkt durch die Aktionen von HumaneVisions und die daraus folgende schlechte Presse – ihn von seinen Finanzquellen abzuschneiden drohte. Die Giftmorde sollten ihm jenen direkten Blick in die Gehirne seiner Versuchspersonen verschaffen, der allein ihm den Nachweis der Wirksamkeit seines Präparats ermöglichen konnte. Der finanzielle Druck erklärte zudem, warum er bereit war, das Risiko einzugehen, dass man seinem Wundermittel später wegen tödlicher Nebenwirkungen die Zulassung verweigern würde.
Obwohl Dr. France demnach augenscheinlich ein Opfer des selbst auferlegten Arbeitsdrucks geworden war und von ihm keine Gefahr mehr für andere ausging, empfand ich es doch als unbefriedigend, mein Wissen für mich zu behalten. Ich beschloss daher – sozusagen als Abschiedsgruß an die Welt, die einmal meine Heimat gewesen war – der Polizei einen anonymen Hinweis auf die Mordserie zu geben. Vielleicht wäre dies ja bei künftigen Todesfällen ein Ansporn zu erhöhter Wachsamkeit.
Ich fuhr den Computer hoch, stellte zunächst die Beweisdokumente zusammen und versuchte dann, diese per Mail an die nächste Polizeidienststelle zu schicken. Leider musste ich jedoch feststellen, dass dieses Vorhaben mal wieder unter die Rubrik „unerlaubte innerweltliche Kontaktaufnahme für Untote“ fiel. Erst als ich die Dokumente ohne erläuternde Begleitmail auf die Reise schickte, war mein Versuch von Erfolg gekrönt.
Auch gut, dachte ich. Dann bekommt die Abteilung Verbrechensbekämpfung eben mal eine richtig harte Nuss zu knacken. Wer weiß – vielleicht fühlen die Spürhund-Profis sich ja gerade dadurch dazu herausgefordert, sich mit der Mail zu befassen.

English Version

Correspondence of a Dead Man

Left alone in the premises of Visions for Humanity, Ahmet explores the documents on Dr. France’s desk. In doing so, he comes across a letter that seems to explain the poison murders.

When I was finally left alone in Dr. France’s office, it was already evening again. Only now could I begin my investigations.
I had not even tried to start my inquiries before the last death expert had left the room. The silent rejection with which things eluded me as long as they were caught in the web of the world was all too clear before my eyes. Only when they had had completely detached themselves from the magnet of the world could I hope to make them speak.
The first thing I turned to was Dr. France’s desk. It took me a while to realise that the soldierly researcher had subjected even the apparent touch of anarchy at his workplace to a strict system of categories. On the right side I found unfinished business mail, in the middle lay scientific journals and other things of professional interest, and on the left were piled up printouts of his own letters and other correspondence that still needed proofreading.
I decided to deal with the miscellaneous documents in the middle of the table first, as it was the smallest pile. In fact, after some rummaging and leafing through them, I came across a folder of newspaper cuttings that aroused my interest.
The articles all revolved around the actions of an organisation called HumaneVisions, which was apparently one of the harshest critics of Dr. France’s research projects. One photo showed people with woodcut-like facial features and uniform clothing being moved around on puppet strings by a man in a white coat. On his back, bright letters described this as „Self-determination in the universe of Dr. France“.
Another photo showed the group with a self-made sculpture. It depicted a brain that had mutated into a wheelwork, on which a man with a thick white beard was wielding a dissecting knife. The whole thing was commented with the rhetorical question: „BLIND TRUST?“
Finally, yet another article reported on a happening for which the members of HumaneVisions had donned Neanderthal masks, but at the same time had put on ties. While they attacked each other with cardboard maces, other members of the group held up a poster saying: „Scientific progress looks different!“
The link between all the actions was a banner that was held up at all the events. It was emblazoned in large letters with the appeal: „NO to Visions for Humanity!“ – supplemented by the battle cry: „Against the expropriation of our visions!“
I wondered how all these actions and reports could have escaped my attention. Had I been so preoccupied with myself in my previous existence that I had paid no attention to things outside my narrow theatre world? Or had I perhaps overlooked the articles because of the chip in my brain that controlled the effectiveness of Dr. France’s compound? Had certain contents been prevented from crossing the threshold of my consciousness with its help?
I put this rather secondary question aside and instead set about sifting through the pile of business correspondence. This proved to be a bit cumbersome, though, as Dr. France had neatly folded up all the letters again after reading them and put them back in the envelopes. Moreover, at first I had difficulties distinguishing between important and unimportant things.
Eventually, however, I picked out an unexpectedly explosive message from among the mass of conference invitations and everyday notifications. It was a letter from a research foundation on which Dr. France apparently depended for funding his projects. The letter read as follows:

Dear Dr. France,
to our regret, we have to inform you that we have to stop funding your project „Cerebral Optimisation“ from the beginning of the next financial year.
As a result of the general pressure to save money, which hits foundations like ours particularly hard, we have been compelled to review the guidelines for the research projects we support. In addition to the question of social relevance, the decisive criterion for this was the empirical verifiability and replicability of the research results.
It is precisely the latter aspect that is a weak point of your above-mentioned project. Admittedly, it cannot be denied that the test subjects scientifically monitored by you show exceptional social assertiveness, as you predicted. To date, however, you have not succeeded in providing empirical evidence that this development is exclusively or predominantly due to the compound administered to the test subjects.
Even though we are aware of the fact that this proof is difficult to provide, we still have to remove your project from our list of funded research due to our new guidelines. However, if in the future the basis for your application should change substantially, we would be happy to include a new request from you in the review process.
We wish you every success for your further research.

This seemed to resolve the matter once and for all: Apparently, Dr. France had been under pressure because his main financial backer – perhaps encouraged in this by the actions of HumaneVisions and the resulting bad press – threatened to cut him off from his financial sources. The poison murders were supposed to help him achieve the only thing that could enable him to prove the efficacy of his compound: a direct look into the brains of his test subjects. The financial pressure also explained why he was ready to take the risk that his wonder drug would later be denied approval due to deadly side effects.
Although Dr. France had obviously become a victim of self-imposed work pressure and no longer was a threat to others, I felt I should not keep my findings to myself. I therefore decided – as a farewell, so to speak, to the world that had once been my home – to give the police an anonymous hint about the series of murders. Perhaps this would be an incentive for increased vigilance in future unsolved deaths.
I booted up the computer, compiled the evidence documents and then tried to send them by email to the local police station. Unfortunately, however, I had to realise that this attempt was once again blocked as „unauthorised inner-worldly contact for the undead“. Only when I sent the documents without an explanatory email was my attempt crowned with success.
Okay, so be it, I thought. This way, the Crime Investigation Department has a really tough problem to solve. Who knows – maybe this is even an incentive for the professional sleuths to take the email seriously.

Buch / Book

Gebundene Ausgabe 2015

Zum Buch


überarbeitete Ausgabe 2023

Kindle

ePub (Lehmanns)

Bilder / Images: Shahbazshah91: Unternehmer-Marionetten / Business Puppets (Pixabay); Estefano Burmistrov: Teuflische Marionettenspielerhand / Devilish puppeteer hand (Pixabay)

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..