Im Zuschauerraum seines ehemaligen Theaters sitzend, blickt Achmet auf die Bühne seines untergegangenen Daseins. Noch einmal schlüpft er in all die Rollen, die einmal sein Leben waren.
Hörfassung:
Nachdem ich festgestellt hatte, dass im Theater weder Spuren meines Todes noch meines Lebens zu finden waren, hätte ich eigentlich kehrtmachen müssen. Aber der Sog der Gewohnheit war stärker als alle Vernunft.
Anstatt mich nach rechts, in Richtung Ausgang, zu begeben, wandte ich mich nach links und schlüpfte durch den schmalen Spalt, der hinter die Bühne führte. Sogleich umfing mich die altbekannte, erwartungsvolle Dunkelheit, in der ich so oft über herumliegende Kabel und Drähte gestolpert war, jenes kreative Chaos, aus dem sich Abend für Abend eine traumbestickte Brücke erhob, auf der das Publikum in eine andere Welt hinübersteigen konnte.
Wie ein Schlafwandler trat ich hinaus auf die Bühne. Der Vorhang war heruntergelassen, aber an den Rändern sickerte doch ein schwacher Lichtstrahl aus dem Zuschauerraum zu mir durch. Ein eigentümliches Klappern und Poltern drang an mein Ohr. Es war, als würde das hauseigene Gespenst in Abwesenheit der Schauspieler sein eigenes Spektakel aufführen.
Als ich den Vorhang ein wenig zur Seite schob, erkannte ich, was die Geräusche verursachte: Die Putzkolonne war angerückt. Drei Damen in Putzuniformen wischten rhythmisch durch die Reihen. Wie Schlittschuhläuferinnen glitten sie über das Parkett und tanzten über den roten Läufer, der die Stuhlreihen in der Mitte teilte. So kehrte sich die Blickrichtung für einen Augenblick um: Der Zuschauerraum wurde zur Bühne und die Bühne zum Zuschauerraum, von wo aus man das Putzballett bestaunen konnte.
Schon bald erfüllte den ganzen Raum ein frischer Zitrusduft, der die abendliche Geruchsmischung aus Erregungsschweiß, Parfum und abgestandenem Sekt schließlich vollends überdeckte. Trotzdem blieb zweifelhaft, ob der Saal am Ende wirklich so sauber war, wie er roch. Denn während die Putzgenerälinnen den roten Läufer in der Mitte wie für einen königlichen Empfang entstaubten und desinfizierten, war ihr Tanz zwischen den Stuhlreihen eher symbolischer Natur und hatte nur eine Umverteilung von Straßendreck und Naschwerkresten zur Folge.
So fügten diese Illusionistinnen der Sauberkeit sich perfekt in den Theaterbetrieb ein. Für einen kurzen Moment war ich versucht, ihnen zu applaudieren – aber ich wusste ja, dass sie mich nicht hören konnten.
Als die Putzzeremonien zu Ende und die Lichter gelöscht waren, stieg ich über die kleine Treppe am Rand der Bühne hinunter in den Saal. Ich ließ mich in einen Stuhl fallen und gab mich der Illusion hin, im weichen Schoß der Menge zu versinken, deren erwartungstrunkenen Atem auch die intensivste Putzarbeit nicht aus der Luft waschen konnte.
Die unterschiedslose, brüderliche Dunkelheit des Zuschauerraums nahm mich in sich auf, während sich oben auf der Bühne das Feuerwerk der Phantasmagorien entzündete. Mein Inneres wurde eins mit der Bilderflut, die an mir vorüberzog, es entäußerte sich in Projektionen, die den aufblitzenden Trugbildern eine eigene, nur mir gehörende Wahrheit verliehen.
Noch einmal betraten all die schicksalsprallen Gestalten den Laufsteg meiner Erinnerung, eine jede ein Kosmos für sich: der Herrscher, den die Angst, sich handelnd in dem unauflöslichen Weltenknäuel zu verlieren, handlungsunfähig macht; der Narr, der den Mächtigen den Spiegel vorhält, indem er sich zur Karikatur ihrer selbst macht; der blinde Seher, der vor der Wahrheit seiner eigenen Visionen in den Wahnsinn flieht.
Als Nächstes traten auf: der General, der seine Ohnmacht erst erkennt, als seine Hybris ihn dazu treibt, sich an die Stelle seines Herrn zu setzen; der Vater, der, heimatlos geworden durch den Verrat seiner Töchter, ziellos durch die Welt irrt; der Liebende, der den Gegenstand seiner Liebe zerstört, weil er glaubt, ihn nur so in seiner Reinheit bewahren zu können; der Gelehrte, der, verliebt in das eigene Erkenntnisstreben, verkennt, dass das von ihm angesammelte Wissen die Welt in den Abgrund stürzen wird.
Immer schneller kreiste die Drehbühne meiner Erinnerungen um sich selbst. Der mildtätige Räuber zwinkerte mir zu, der liebestolle Philosoph vollführte alberne Bocksprünge, hinter ihm schlich gramgebeugt der reiche Geizkragen über die Bühne. Der gottesfürchtige Schurke trat ebenso auf wie der pharisäerhafte Mönch, es seufzte der gehörnte Ehemann, geiferte der eifersüchtige Ehemann, hechelte der untreue Ehemann, jammerte der reumütige Ehemann.
Und plötzlich erkannte ich: Ich hatte stets nur von Rolle zu Rolle gelebt. Mein eigenes Ich – wenn es je ein solches gegeben hatte – war zerrieben worden zwischen all den Bühnengeistern, denen ich mein Leben geliehen hatte.
Ein seltsames Bedürfnis begann sich in mir zu regen. Ich verspürte den Drang, auf den Friedhof zu gehen, um mir selbst gegenüberzutreten und mich so meiner selbst zu vergewissern. Es war mir auf einmal, als könnte ich nur dann erfahren, wer ich wirklich gewesen war, wenn ich an mein eigenes Grab treten würde.
Ich wusste natürlich, dass das, was da unter der Erde in einem unaufhaltsamen Prozess zerfiel und zerfloss, nur die Hülle war, in der meine Existenz sich einst ausgeprägt hatte. Das unbestimmte Gefühl, diesen mir geweihten Ort könnte eine ganz bestimmte Aura umgeben, aus der mich die Essenz meines gewesenen Daseins anwehen würde, wirkte auf mich aber dennoch wie eine Art Sirenenruf, dem ich mich nicht entziehen konnte.

Gebundene Ausgabe 2015

English Version
Role Plays
Sitting in the auditorium of his former theatre, Ahmet looks at the stage of his vanished existence. Once again he slips into all the roles that used to be his life.

Once I had realised that there were no traces of my death or my life to be found in the theatre, I should have actually left again. But the pull of habit was stronger than all reason.
Instead of turning right, towards the exit, I turned left and slipped through the narrow gap that led behind the stage. Immediately, I was enveloped in the familiar, expectant darkness in which I had so often stumbled over cables and wires lying around, that creative chaos from which night after night a dream-embroidered bridge rose up on which the audience could cross over into another world.
Like a sleepwalker, I stepped out onto the stage. The curtain was down, but at the edges a faint ray of light seeped through to me from the auditorium. A strange clattering and rumbling sound reached my ears. It was as if the theatre’s ghost was performing its own spectacle in the absence of the actors.
When I pushed the curtain aside a little, I realised what was causing the noise: the cleaning crew had arrived. Three ladies in cleaning uniforms wiped rhythmically through the rows. Like ice skaters, they glided across the parquet floor and danced over the red carpet that divided the rows of chairs in the middle. Thus, for a moment, the line of sight was reversed: The auditorium became the stage and the stage the auditorium, the place from which the cleaning ballet could be admired.
Soon the entire hall was filled with a fresh lemon scent, which finally completely masked the evening’s odour mixture of excitement sweat, perfume and stale champagne. Nevertheless, it remained doubtful whether the hall was really as clean as it smelled in the end. While the cleaning ladies dusted and disinfected the red carpet in the middle as if for a royal reception, their dance between the rows of chairs was more symbolic and only resulted in a redistribution of street dirt and snack leftovers.
So these illusionists of cleanliness fitted perfectly into the theatre business. For a brief moment I was tempted to applaud them – but I refrained, knowing that they couldn’t hear me anyway.
When the cleaning ceremonies were over and the lights extinguished, I descended the small staircase at the edge of the stage into the auditorium. I dropped into a chair and indulged in the illusion of sinking into the soft bosom of the crowd, whose breath, drunk with expectation, even the most intense cleaning work could not wash out of the air.
The indiscriminate, fraternal darkness of the auditorium absorbed me, while on the stage the fireworks of fantasy nfolded. My inner self became one with the flood of images that passed me by, it emptied itself into projections that gave the flashing mirages a truth of their own which belonged to me alone.
Once again, all the fateful figures entered the catwalk of my memory, each a cosmos in itself: the ruler who is incapable of acting for fear of losing himself in the indissoluble tangle of the world; the fool who holds up a mirror to the powerful by turning himself into a caricature of them; the blind prophet who flees from the truth of his own visions into madness.
Next came: the general who doesn’t realise his powerlessness until his hubris drives him to put himself in his master’s place; the father who, made homeless by his daughters‘ betrayal, wanders aimlessly through the world; the lover who destroys the object of his love because he believes this is the only way he can preserve it in its purity; the scientist who, lost in his quest for knowledge, fails to realise that the knowledge he has accumulated will lead to the downfall of the world.
Faster and faster the revolving stage of my memories circled around itself. The charitable robber winked at me, the lovelorn philosopher performed silly leaps, behind him the rich miser stalked across the stage, bowed in grief. The God-fearing scoundrel appeared as well as the pharisaical monk, the cuckolded husband sighed, the jealous husband raged, the unfaithful husband panted, the remorseful husband wailed.
And suddenly I realised: I had only ever lived from role to role. My own self – if there had ever been one – had been crushed between all the stage ghosts to whom I had lent my life.
A strange desire began to stir in me. I felt the urge to go to the cemetery to stand face to face with myself and thus reassure myself of who I was. It seemed to me as if I could only find out who I had really been if I went to my own grave.
I knew, of course, that what was decaying and dissolving underneath the soil in an inexorable process was only the shell in which my existence had once manifested itself. Nevertheless, the vague feeling that this place consecrated to me could emanate a special aura, which would reveal to me the essence of my former existence, was like a kind of siren call that I could not resist.
Bilder / Images: DeeDee51: Vorhang vor Wolkensternen / Curtain in front of cloudy stars (Pixabay); Sweetaholic: Bühnennebel im Scheinwerferlicht / Stage fog in the spotlight (Pixabay)

Morgenstern
Super geschrieben. Ich habe mir das eBook gekauft. Die Lesung höre ich mir dann parallel an 😉
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