Die Weltenwaage / The Scales of the World

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Letzer Tagebucheintrag / Last diary entry

Am Schluss seiner Reisen durch die Zeit zieht Theo Bilanz: Waren die Reisen für irgendetwas gut? Haben sie die Welt dem Frieden wenigstens ein kleines Stückchen nähergebracht?

English Version

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Dienstag, 17. Oktober

Schlechte Nachrichten von George! Der Konvent, von dem sie das Klostergebäude für die Dunkelmänner gemietet hat, hat den Vertrag nicht verlängert. Damit ist dieses Refugium also für uns verloren.
Ich frage mich, ob da nicht jemand nachgeholfen hat. Schließlich waren die Sicherheitsbehörden durch den Spitzel, den sie offenbar bei uns eingeschleust hatten, bestens über unsere Aktivitäten im Bilde. Und sie mussten noch nicht einmal alle gesammelten Informationen preisgeben, um den Orden zu einer Kündigung des Mietvertrags zu veranlassen! Ein dezenter Hinweis auf die Art der Messen, die wir dort gefeiert haben, hätte vollauf genügt.
Seltsamerweise hat mich die Nachricht nicht so sehr getroffen, wie ich gedacht hätte. Nach all den nervenaufreibenden, teilweise lebensgefährlichen Abenteuern hätte ich ohnehin keine Lust auf ein weiteres Happening à la George gehabt. Das, wonach ich mich momentan sehne, ist eher ein stinknormales Leben – ein Leben mit einem geregelten Alltag, in dem ich nicht auf Schritt und Tritt damit rechnen muss, durch irgendwelche Falltüren aus der Zeit zu stürzen.
Gut, so richtig normal wird mein Leben wohl niemals mehr werden. Schließlich habe ich ja noch immer keinen Schatten. Und ich werde sicher kein zweites Mal so dumm sein, mich auf irgendwelche Scharlatane einzulassen, die mir im Tausch für meine Seele einen Ersatzschatten aufschwatzen wollen.
Immerhin habe ich mittlerweile gelernt, mit meiner Schattenlosigkeit umzugehen. Falls nötig, kann ich diverse Tarnkappentechniken einsetzen, durch die meine kleine Anomalie so gut wie unsichtbar wird. Das funktioniert ähnlich wie bei Zaubertricks. Unser Gehirn neigt nun einmal dazu, unvollständige Eindrücke zu einer normgerechten Gestalt zu ergänzen. Genau das kann ich mir auch für die Kaschierung meiner eigenen unvollständigen Erscheinung zunutze machen.
Gegenüber Menschen, an denen mir etwas liegt, werde ich mich aber in Zukunft offen zu meiner Schattenlosigkeit bekennen. Schließlich erscheint sie mir längst nicht mehr als so schrecklicher Makel wie am Anfang. So sollte es mir eigentlich auch ohne Schatten gelingen, meine Sehnsucht nach einem ruhigeren Leben zu erfüllen.
Mein Ruhebedürfnis ist allerdings nicht der einzige Grund dafür, dass meine Abenteuerlust derzeit recht gedämpft ist. Seit meiner Rückkehr in die Gegenwart muss ich immer wieder an das denken, was Stefan alias Bruder Eberhart bei unserem Gespräch im Kreuzgang des Klosters zu mir gesagt hat: Ich solle die Gründe, die die Kriegstreiber für ihr Tun angeben, nicht mit den tieferen Ursachen des Krieges verwechseln. Bei einem Wegfall der Gründe würde die aufgestaute Aggression sich eben ein anderes Ventil suchen. Waren das nicht – sinngemäß – seine Worte?
Etwas Ähnliches beobachte ich auch, seit wir den Präsidenten daran gehindert haben, seine Kriegspläne zu verkünden. Zwar ist die Kriegsgefahr fürs Erste gebannt. Nachdem der Präsident höchstselbst die Sinnhaftigkeit eines kriegerischen Eingreifens in Frage gestellt hat, ist es kaum mehr möglich, das Vorhaben in der ursprünglichen Form umzusetzen.
Andererseits läuft die Propagandamaschine schon seit Tagen auf Hochtouren. Zuerst hieß es, der Präsident habe einen Schwächeanfall erlitten und sich deshalb nicht mehr klar ausdrücken können. Neuerdings wird nun behauptet, er sei von feindlichen Kräften unter Drogen gesetzt worden – und deshalb womöglich auf absehbare Zeit unzurechnungsfähig. Logische Schlussfolgerung: Ein anderer starker Mann muss an seine Stelle treten!
Heißester Nachfolgekandidat ist natürlich der Vizepräsident. Geschickt lässt er in jede seiner öffentlichen Äußerungen die Sorge um das Wohl „unseres Landesvaters“ einfließen. Das soll zugleich mitfühlend und staatstragend klingen. Vor allem aber werden dadurch unterschwellig Zweifel an einer baldigen Genesung des Präsidenten gesät – was die Bevölkerung sukzessive auf die Übernahme der präsidentiellen Vollmachten durch seinen Stellvertreter vorbereitet.
Nichts fürchte ich mehr als eine solche Wendung der Dinge – denn der Vizepräsident erinnert mich in fataler Weise an den Schattenhändler. Woher dieser Eindruck kommt, weiß ich auch nicht genau. Vielleicht liegt es an seiner lauernden, einschmeichelnden Art des Redens und an diesem sphinxhaften Lächeln, das mir auch am Schattenhändler so unangenehm aufgefallen ist.
Oder tue ich ihm Unrecht? Sehe ich etwas in ihn hinein, das gar nichts mit ihm zu tun hat? Ohnehin neige ich seit der Rückkehr in meine alte Gegenwart ja dazu, Gespenster zu sehen. Genauer: Gespenster mit dem Gesicht des Schattenhändlers.
Als ich neulich nachts aufs Klo gegangen bin, war ich sogar der festen Überzeugung, er säße an meinem Wohnzimmertisch, wie damals, als er mich beim Frühstück dazu gebracht hat, in den Handel mit ihm einzuwilligen. Es war so real, dass ich regelrecht zusammengezuckt bin und sekundenlang den Tisch angestarrt habe, bis sich der Wachtraum endlich in nichts auflöste.
Auch beim Spazierengehen habe ich immer wieder das deutliche Gefühl, verfolgt zu werden – und zwar von niemand anderem als dem Schattenhändler. Ich höre keine Schritte, aber ich spüre ganz deutlich seine Gegenwart, den Hauch seines Atems auf meiner Haut, das werbende Tasten seiner Finger an meinem Hals, derselben kalten Finger, die er einst, vor so langer Zeit, zwischen meine geschoben hatte.
Wenn ich mich umdrehe, ist natürlich niemand da. Niemand außer ein paar harmlosen Passanten, die an den Schaufenstern der Fußgängerzone vorbeischlendern, Hunden, die staunend den Kopf schieflegen, weil ich mich so ruckartig umdrehe, oder einzelnen Krähen, die Imbissreste von den Parkbänken picken.
So fühle ich mich ein bisschen wie auf einem Vulkan. Noch ist alles ruhig. Doch irgendwann wird der Vulkan ausbrechen – nur wann genau das geschehen wird, kann niemand sagen.
War also alles umsonst? Was bringt es schon, den Vulkan heute zu bändigen, wenn er morgen doch seine Lavabomben, seine Gesteinsgranaten und Magmatorpedos auf die Welt herabregnen lässt?
Letztlich haben wir uns mit all unseren Planungen und Meditationen, Aktionen und Zeitreisen nur eine kurze Atempause verschafft. Eine Gelegenheit zum Luftholen, ehe die nächste Feuerwalze des Bösen auf uns zurollt.
Aber habe ich denn etwas anderes erwartet? Das Böse ist nun einmal in der Welt. Es wird sich nie endgültig besiegen lassen. Wir können lediglich versuchen, es in uns selbst zurückzudrängen und ihm ab und an ein Schnippchen zu schlagen.
Dann wird sich vielleicht irgendwann die Weltenwaage auf die Seite des Guten neigen. 

English Version

The Scales of the World

At the end of his travels through time, Theo takes stock: Were the journeys good for anything? Have they brought the world at least a little bit closer to peace?

Tuesday, October 17

Bad news from George! The convent from which she rented the monastery premises for the Disciples of Darkness has not renewed the contract. So that refuge is lost to us.
I wonder if certain authorities didn’t have a hand in this. After all, the security authorities were well aware of our activities through the informer they had apparently infiltrated into our community. And they didn’t even have to disclose all the information they had gathered to make the Order terminate the lease! A discreet hint about the kind of Masses we celebrated there would have been fully sufficient.
Strangely enough, the news didn’t hit me as hard as I expected. After all the nerve-racking, sometimes life-threatening adventures, I don’t feel like going on missions like George keeps coming up with. What I’m longing for at the moment is rather a perfectly normal life – a life with a daily routine in which I don’t have to fear falling out of time through trap doors at every turn.
Of course, I know that my life will probably never be truly normal again. After all, I still don’t have a shadow. And I certainly won’t be stupid enough a second time to get involved with some mountebank who wants to talk me into a replacement shadow in exchange for my soul.
At least I have now learned to deal with my shadowlessness. If necessary, I can use various stealth techniques that make my little blemish almost invisible. This works in a similar way to magic tricks, which are based on the fact that our brain tends to complete fragmentary impressions into a familiar form. This is exactly what I can benefit from to conceal my own incomplete appearance.
With people close to me, however, I will openly admit my shadowlessness in the future. After all, it no longer appears to me as such a terrible flaw as it did in the beginning. So I should actually succeed in fulfilling my longing for a more tranquil life even without a shadow.
Admittedly, my need for rest is not the only reason why my adventurous spirit is quite subdued at the moment. Since my return to the present, I keep thinking about what Stephen, alias Brother Eberhart, said to me during our conversation in the cloister of the monastery: I should not confuse the reasons that the warmongers give for their actions with the deeper causes of the war. If the reasons ceased to exist, the pent-up aggression would seek another outlet. Weren’t those his words, in essence?
Unfortunately, I have observed something similar since we prevented the president from announcing his war plans. It is true that the threat of war has been averted for the time being. Now that the president himself has questioned the appropriateness of military intervention, it is hardly possible to implement the plan in its original form.
On the other hand, the propaganda machine has been running at full speed for days. First it was said that the president had suffered a fainting spell and was therefore unable to express himself clearly. Now the insinuation is being spread that he has been drugged by hostile forces – and might therefore be mentally incompetent until further notice. This suggests that another strong man must take his place.
The hottest candidate to succeed him is, of course, the vice-president. He deftly implies concern for the welfare of „our esteemed leader“ in each of his public pronouncements. This is meant to sound both compassionate and statesmanlike. Above all, however, it subliminally sows doubts about the president’s imminent recovery – which gradually prepares the population for the assumption of presidential powers by his deputy.
There is nothing I fear more than such a turn of events – because the vice-president reminds me in an unpleasant way of the shadow dealer. I can’t tell exactly where this impression comes from. Maybe it’s his lurking, ingratiating way of talking and that sphinx-like smile that also made me feel so uncomfortable about the shadow merchant.
Or am I a victim of my prejudiced perception here? Am I seeing something in the vice-president that has nothing to do with him at all? In fact, I must admit that since I have returned to my home time, I tend to see ghosts. More precisely: ghosts with the face of the shadow dealer.
When I went to the toilet the other night, I was even convinced he was sitting at my living room table, just like the morning he got me to agree to the deal with him. It was so real that I literally winced and stared at the table for seconds until the waking dream finally dissipated.
Even when I’m out for a walk, I keep feeling that someone is following me – and I’m sure it can’t be anyone else but the shadow dealer. I don’t hear any footsteps, but I clearly feel his presence, the breeze of his breath on my skin, the enticing touch of his fingers on my neck, those cold fingers that he had once, in a time so long ago, slipped between mine.
When I turn around, of course there is no one behind me. No one except a few harmless passers-by strolling along the shop windows of the pedestrian zone, dogs tilting their heads in amazement because I turn around so suddenly, or a few crows pecking leftover snacks from the park benches.
So I feel a bit like I’m on a volcano. At the moment, everything is still calm and peaceful. But at some point the volcano will erupt – except that no one can say exactly when that will happen.
So was it all for nothing? What’s the point of taming the volcano today if tomorrow it will rain down its lava bombs, rock grenades and magma torpedoes on the world all the more violently?
Ultimately, all our plans and meditations, actions and time travels have only given us a brief respite – a chance to catch our breath before the next firestorm of evil rolls towards us.
But did I expect anything else? After all, evil is a part of the world. It can never be defeated once and for all. All we can do is try to push it back within ourselves and to outsmart it from time to time.
Then perhaps at some point the scales of the world will tip to the side of good.

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Bilder / Images: Steve Bidmead: Frau mit Waage / Woman with scales (Pixabay); Claude Laprade (1682 – 1738): Allegorie der Gerechtigkeit / Allegory of Justice (1702; Ausschnitt), Museo Nacional Machado de Castro (Coímbra, Portugal); Foto von P. Lameiro

2 Antworten auf „Die Weltenwaage / The Scales of the World

  1. Avatar von Irene Stutzner

    Irene Stutzner

    Das war wirklich eine interessante Serie, die ich mit Spannung verfolgt habe. Allerdings lese ich immer lieber so etwas als Ganzes und teile es mir selber ein. Ich glaube, mir ist sogar manchmal ein Handlungsstrang „verloren“ gegangen. Schön fand ich die Möglichkeit, den Text dann auch nochmal „vorgelesen“ zu bekommen. Nun meine Frage: Gibt es den Roman Teil 3 nur digital oder wird es auch ein „richtiges“ Buch geben?- Letzteres käme mir eher entgegen ;-). Danke für die insgesamt interessante Website.

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    1. Avatar von rotherbaron

      rotherbaron

      Vielen Dank für den freundlichen Kommentar. Das analoge Buch befindet sich bereits im Druck. Sie können es gerne per Mail (kontakt@literaturplanetonline.com) vorbestellen. Wir schicken es Ihnen dann versandkostenfrei zu.

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