Im Angesicht des Schafotts / In the Face of the Scaffold

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

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Das Spiel scheint endgültig verloren zu sein. Wie Lina wartet nun auch Theo darauf, auf den Scheiterhaufen geführt zu werden. Jetzt kann nur Stefan alias „Bruder Eberhart“ ihnen noch helfen!

Montag, 4. April 1485, abends

Das Schlimme an Menschen wie Bruder Heinrich ist, dass sie nicht einfach nur Hass und Gewalt säen. Fast noch gefährlicher ist, dass sie sich dafür eben jener Begriffe bedienen, mit denen das Gegenteil einer von Hass und Gewalt bestimmten Welt beschworen wird.
Wenn sie schlicht dazu aufrufen würden, dass jeder seinen niedersten Instinkten nachgeben solle, wären sie schnell entzaubert. Stattdessen kleiden sie ihre Kriegslust aber in das Gewand einer Friedensrhetorik. Sie verkünden das Reich Gottes und führen ihre Anhänger in die Hölle. Sie reden von Gemeinschaft und Zusammenhalt, während sie andere bis zur physischen Vernichtung ausgrenzen.
So verwandeln sich die Utopien einer anderen Welt in ihrem Mund in einen Schutzwall für ihre vom Hass regierte Welt. Die verheißungsvollen Worte dienen ihnen lediglich dazu, sich unangreifbar zu machen. Damit aber ziehen sie nicht nur die Begriffe in den Schmutz, sondern schänden auch die Ideen, die mit diesen verbunden sind. Am Ende ist dann alles Denken so durchtränkt von ihrem menschenverachtenden Handeln, dass ein Ausweg daraus noch nicht einmal mehr in der Phantasie vorstellbar erscheint.
Dadurch gelingt es diesen Jägern des Andersartigen, ihr eigenes kümmerliches Lebensprinzip zum allgemeinen Gesetz des Handelns zu machen. Es ist ein Lebensprinzip, das auf Nicht-Erweiterung, auf Stillstand und Ausgrenzung beruht. Dabei wäre gerade die Öffnung für das Nicht-Identische die Voraussetzung dafür, dass diese Menschen ihren selbstzerstörerischen Hass auf alles, das nicht ihrem Spiegelbild entspricht, überwinden und es dadurch sich und anderen ermöglichen, in Frieden zu leben.
Der Versuch, das Andersartige abzutöten, gebiert doch nur immer neue Angst, die sich dann in immer neuen Ausbrüchen von Gewalt entlädt. Es ist, als wollte man seinen Durst mit Essig löschen: Je mehr man davon trinkt, desto durstiger wird man, desto wilder wird die Verzweiflung. Es ist eine Logik, die sich immer wieder selbst reproduziert, ein Teufelskreis im wahrsten Sinne des Wortes, ein Handeln, das geradewegs in die Hölle führt.
Leider sind auch diese Worte nur ein Beleg für den Sieg der Hassprediger. Sie sind nichts als eine bedeutungslose Klage, die schon morgen von dem Triumphgeheul derer, die mich zu Boden geworfen haben, erstickt werden wird.
Morgen, wenn ich auf den Scheiterhaufen geführt werde. Morgen, wenn mein Leben zu Asche zermahlen wird wie ein morsches Stück Holz.
Immerhin hat mein Auftritt als „Fürst der Finsternis“ dazu geführt, dass man mich erst einmal in Ruhe gelassen hat – was aus der Folterwerkstatt allerdings auch nicht gerade eine Wellness-Oase gemacht hat. In dieser Folterwerkstatt nämlich bin ich allein zurückgeblieben, nachdem Bruder Heinrich die Tür hinter sich abgeschlossen hatte. Ich kauerte mich in eine Ecke und ließ – was blieb mir auch anderes übrig! – meinen Blick von einem Martergerät zum anderen wandern.
Im Flackerlicht der Fackeln wirkten die Folterinstrumente erstaunlich lebendig. Sobald ich zwischendurch einmal einnickte, glitten ihre Konturen durch den geöffneten Vorhang meines Bewusstseins in meine Träume und richteten darin das Blutbad an, für das sie geschaffen waren. Dann stachen spitze Nadeln in meinen Rücken, meine Glieder wurden so lange zusammengepresst, bis das Blut aus ihnen herausquoll, und an meinen Gelenken wurde mit solcher Gewalt gezerrt, dass die Knochen sich nicht mehr in ihnen halten konnten.
Wahrscheinlich hätte es aber der Alpträume gar nicht bedurft, um schlecht zu schlafen. Die Nacht auf dem harten, feucht-kalten Steinboden war allein schon ein Garant für geschundene Glieder.
Frühmorgens drehte sich der Schlüssel im Schloss, und Albertus trat in die Folterkammer. Mit den beiden Gerichtsschergen an seiner Seite wirkte er wie ein Abgesandter des Jüngsten Gerichts.
„Euer Verrat hat mich zutiefst betrübt, Bruder Theobald!“ begrüßte er mich jammervoll – wohl auch, weil sein gestriger Rausch ihm einen kräftigen Kater beschert hatte.
Mir fiel sofort auf, dass er mich nicht mehr duzte. Das konnte nichts Gutes bedeuten!
„Nie wäre mir in den Sinn gekommen, dass ein Mitglied unseres Konvents sich auf eine Buhlschaft mit einer Hexe einlässt“, redete er weiter auf mich ein. „Auf bittere Weise hat sich bewahrheitet, dass der böse Feind uns mit Vorliebe dort auflauert, wo wir am wenigsten mit seinem Erscheinen rechnen. Ich werde mir dies eine Lehre sein lassen und in Zukunft noch wacheren Sinns durch die Welt gehen.“
Ich richtete mich auf und tat einen Schritt auf ihn zu. „Albertus, ich kann das erklären, ich …“
Aber Albertus ließ mich nicht ausreden. Mit einer herrischen Geste gab er mir zu verstehen, dass er mich nicht anzuhören gedenke. „Heute, bei Tagesanbruch, ist beschlossen worden, dass Ihr, Bruder Theobald, und Eure Buhle den Feuertod sterben sollen. Morgen schon werdet Ihr auf dem Scheiterhaufen für Eure Sünden büßen.“
Mein Mitbruder warf mir einen großmütigen Blick zu. „Für Euch habe ich aus alter Freundschaft die Gnade erwirkt, vor dem Verbrennen erwürgt zu werden. Die Hexe aber soll bei lebendigem Leib in den Flammen schmoren, auf dass sie schon in dieser Welt den heißen Atem der Hölle auf ihrer Haut spüre!“
Er nickte den beiden Gehilfen zu, die bislang mit sicherem Abstand zu mir in seinem Rücken ausgeharrt hatten. Auch jetzt näherten sie sich mir eher zögerlich – offenbar war ihnen mein Gala-Auftritt vom vergangenen Abend noch in bester Erinnerung. Als sie aber sahen, dass den Fürsten der Finsternis die Kraft verlassen hatte, legten sie ihre Hände umso entschlossener um meine Arme. Schwungvoll warfen sie mich in ein Verlies neben der Folterkammer.
Dort hocke ich auch jetzt noch auf dem Boden und zähle die Stunden bis zu meinem Ende. Meine einzige Hoffnung ist, dass Stefan mir im Schutz der Dunkelheit noch die Notfalluhr und die Flugdüse bringt. Dafür müsste er allerdings direkt nach dem Eklat von gestern Abend in meine Kammer gegangen sein. Andernfalls dürften die Fluchtutensilien jetzt von staunenden Hexenjägern befingert werden. Ich bin mir sicher, dass meine Kammer mittlerweile gründlich nach Beweisen für meine Teufelsnatur durchsucht worden ist.
Selbst wenn es Stefan gelungen ist, meine Zaubermittel sicherzustellen, bleibt aber noch immer ein Problem: Ich selbst würde damit zwar meine Haut retten können. Wie und ob sie auch Lina zu einer Flucht aus dieser Zeit verhelfen können, ist mir aber nach wie vor unklar.
Mich ohne sie aus dem Staub zu machen, ist allerdings auch keine Option. Bei dem Gedanken, dass sie den Flammen zum Fraß vorgeworfen wird, während ich einfach in eine andere Zeit hüpfe, fühle ich mich schon jetzt innerlich tot. Nein, so könnte ich nicht weiterleben!
Seltsam – alles scheint mich auf einmal abzuweisen. Das dämmrige Licht in dem Luftloch oben an der Wand, die Steine, auf denen ich sitze, die Luft, die ich atme – all das vereinigt sich wie zu einer hohen Burgmauer, vor der ich stehe wie ein ungebetener Gast. Wie ein Bettler, dem der Burgherr ein Stückchen Leben hinwirft, damit er rasch wieder abzieht.
Ja, plötzlich spüre ich die Zeit wieder in meinen Adern pulsieren. Bis gestern noch war sie nichts als ein Spiel für mich, eine bloße Konvention, die ich mit einem Fingerschnippen außer Kraft setzen konnte. Erst seit ich unmittelbar davorstehe, vollständig aus dem Buch der Zeit gelöscht zu werden, fühle ich wieder ihr kaltes Richtschwert an meinem Hals.


English Version

In the Face of the Scaffold

The game seems to be lost for good. Like Lina, Theo is waiting to be led to the stake. Now only Stephen, alias „Brother Eberhart“, can help them!

Monday, April 4, 1485, evening

The disturbing thing about people like Brother Henry is that they do not simply sow hatred and violence. What is almost more dangerous is that they use the very terms for their message that evoke the opposite of a world dominated by hatred and violence.
If they merely called for everyone to give in to their basest instincts, they would quickly be disenchanted. Instead, they cloak their belligerence in fireworks of peace rhetoric. They proclaim the Kingdom of God and lead their followers to hell. They talk of community and solidarity while marginalising others to the very point of physical annihilation.
Thus, the utopias of a better world in their mouths turn into a protective wall for their world ruled by hate. The promising words only serve them to make themselves unassailable. In this way, however, they not only drag the concepts through the mud, but also disgrace the ideas associated with them. Thus, in the end, all thinking is so saturated with their inhuman actions that a way out of their poisoned ideas no longer even seems imaginable.
As a result, these hunters of the different succeed in making their own puny principle of life the general law of conduct. It is a principle of life based on non-expansion, on stagnation and exclusion. Yet it is precisely the opening up to the non-identical that would be the prerequisite for these people to overcome their self-destructive hatred of everything that does not correspond to their mirror image. Only in this way could they enable themselves and others to live in peace.
The attempt to kill off what is different only gives birth to ever new fear, which then discharges itself in ever new outbreaks of violence. It is like trying to quench your thirst with vinegar: The more you drink of it, the thirstier you become, the wilder your despair. It is a logic that reproduces itself again and again, a vicious circle in the truest sense of the word, an action that leads straight to hell.
Unfortunately, even these words only testify to the victory of the preachers of hate. They are nothing but a meaningless lament that will be stifled as soon as tomorrow by the howls of triumph from those who have brought me down.
Tomorrow, when I will be led to the stake. Tomorrow, when my life will be ground to ashes like a rotten piece of wood.
At least my appearance as „Prince of Darkness“ ensured that I was left in peace for the time being – which, however, did not exactly turn the torture cellar into a wellness area. But in this very torture cellar I stayed behind after Brother Henry had locked the door behind him. I cowered in a corner and – what else could I do! – let my gaze wander from one torture instrument to another.
In the flickering light of the torches, the devices looked frighteningly alive. As soon as I dozed off for a moment, their contours slipped through the open curtain of my consciousness into my dreams, where they wreaked the carnage for which they were designed. I felt sharp needles piercing my back, my limbs being squeezed together until the blood oozed out, and my joints being torn apart with such force that the bones popped out of them with a cracking sound.
However, I would have slept badly even without the nightmares. The night on the hard, damp and cold stone floor alone was a guarantee for battered limbs.
Early in the morning, the key turned in the lock and Albertus stepped into the torture chamber. With the two court henchmen at his side, he looked like an emissary of the Last Judgement.
„Your betrayal has deeply saddened me, Brother Theobald!“ he greeted me lamentably – probably also because yesterday’s inebriation had given him a heavy hangover.
I immediately noticed that he no longer called me by my first name. That could not bode well!
„It would never have occurred to me that a member of our Convent could become involved in a courtship with a witch,“ he added. „It has proved bitterly true that the evil enemy prefers to lie in wait for us precisely where we least expect it. I will take this as a lesson and move through the world with an even more alert mind in the future.“
I straightened up and took a step towards him. „Albertus, I can explain everything, I …“
But Albertus did not let me finish. With an imperious gesture he indicated that he had no intention of listening to me. „Today, at dawn, it was decided that you, Brother Theobald, and your paramour should die a fiery death. Tomorrow you will be burnt at the stake to atone for your sins.“
My confrere gave me a magnanimous look. „For you, out of old friendship, I have obtained the mercy of being strangled before burning. But the witch shall burn alive in the flames, so that she may feel the hot breath of hell on her skin already in this world!“
He nodded to the two assistants at his back, who had so far kept a safe distance from me. Even now they approached me rather hesitantly – obviously they still remembered very well my gala performance from the previous evening. But when they saw that the Prince of Darkness had lost his strength, their hands clasped my arms all the more resolutely. Vigorously they threw me into a dungeon next to the torture chamber.
In this dungeon I am still crouching on the floor and counting the hours until my demise. My only hope is that Stephen succeeds in bringing me the emergency watch and the flight engine under cover of darkness. However, that can only happen if he went straight to my chamber after last night’s scandal. Otherwise, the escape tools might now be fingered by astonished witch hunters. I am sure that by now my chamber has been thoroughly searched for evidence of my devilish nature.
But even if Stephen has seized my magic devices in time, there still remains a significant problem: I myself would be able to use them to save my skin, to be sure. But how and whether they can also help Lina to escape from this time is still unclear to me.
Vanishing into thin air without her, though, is not an option either. The thought of her being abandoned to the flames while I just hop into another time makes me feel dead inside. No, I couldn’t go on living with this burden on my soul!
It’s strange – everything seems to reject me all at once. The dim light in the air hole at the top of the wall, the stones I’m sitting on, the air I’m breathing – all this merges as if into a high castle wall in front of which I stand like an uninvited guest. Like a beggar to whom the lord of the castle flings a bit of life so that he quickly disappears again.
Suddenly I feel the current of time pulsating in my veins again. Until yesterday, time was nothing but a game to me, a mere convention that I could suspend with a snap of my fingers. It is only since I am about to be completely erased from the book of time that I feel its cold sword against my neck again.

Bilder / Images: Odilon Redon (1840 – 1916): Betrachtungen / Reflections (1900); Wikimedia commons; Odilon Redon (1840 – 1916): Melancholie / Melancholy (1878); Wikimedia commons

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