Peinliche Befragung/2: Führung durch die Folterwerkstatt / Painful Interrogation/2: A Guided Tour through the Torture Cellar

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Vor Beginn der „peinlichen Befragung“ erhält Lina eine Privatführung durch die Folterkammer. Voller Stolz präsentiert der Scharfrichter seine Folterwerkzeuge.

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Montag, 4. April 1485, etwas später

Manchmal ist es mir, als wäre ich nicht in eine andere Zeit, sondern in ein anderes Universum geschleudert worden – in ein Universum, in dem alles der Struktur meines Organismus entgegengesetzt ist. Die Atome drehen sich andersherum, die Moleküle ordnen sich nach anderen Prinzipien an, die Luft ist aus völlig anderen Stoffen zusammengesetzt, die Bahnen der Sterne folgen anderen Gesetzen als in dem Universum, aus dem ich komme.
Meine eigene Welt ist nur noch wie der Schein einer verglühenden Kerze in mir lebendig, wie die Erinnerung an eine ferne Zukunft: Gott spielt auf den unendlich vielen, unendlich mannigfaltigen Saiten seiner Harfe, und seine Geschöpfe sind die Bausteine für die Töne, die er zu immer neuen Harmonien zusammenfügt.

  1. Führung durch die Folterwerkstatt

Harmonien … Davon war in dem Folterkeller, in den Albertus mich geführt hatte, herzlich wenig zu spüren. Schon allein die Stimme des Scharfrichters wirkte auf mich ausgesprochen disharmonisch. Sie war überraschend hoch, fast wie bei einem Kastraten. Jedes Wort sprach er überdeutlich aus, als würde er einen Gesetzestext verlesen.
„So hört denn, werte Dame“, wandte er sich an Lina, „was wir für Euch vorbereitet haben.“
Machte er sich über Lina lustig? Oder meinte er die kleine Führung durch seine Folterwerkstatt ernst? War es nur der Filter meiner einstigen Gegenwart, der mich aus seinen Worten einen ätzenden Sarkasmus heraushören ließ?
Er wies zunächst auf einen wackligen Tisch, auf dem wie auf einem Altar allerlei Utensilien drapiert waren. Neben den angeblichen Beweisstücken, die Bruder Heinrich schon bei dem Verhör im Kreuzgang vorgeführt hatte, befand sich dort auch ein unscheinbarer Kelch.
„In diesem Kelch“, erläuterte der Scharfrichter, „befindet sich das Salz, das wir Euch zu Beginn der Befragung zu kosten geben werden. Es ist von feinster Körnung und gar wohlschmeckend. Allerdings müssen wir darauf bestehen, dass Ihr den ganzen Kelch leert. Der Beförderung dieses Zweckes dient auch der Trichter, den Ihr hier seht.“
„Danach trinkst du in einem Zug ein ganzes Schnapsfass leer“, kalauerte einer der beiden Folterknechte. Er schwankte so stark, dass er sich mit beiden Händen an Lina abstützen musste, um nicht zu Boden zu fallen. Angewidert drehte sie sich von ihm weg.
„Nur dass wir dir keins anbieten werden“, lallte der andere. Beide brachen in johlendes Gelächter aus, verstummten aber sofort, als der missbilligende Blick Bruder Heinrichs sie traf.
Der Scharfrichter trat nun einen Schritt zur Seite und lenkte die Aufmerksamkeit auf etwas, das auf den ersten Blick entfernt an eine Zwiebelpresse erinnerte. Über einem perforierten Boden hing ein rechteckiges Eisenstück, das mittels einer Schraube nach oben oder unten bewegt werden konnte.
„Dieses Instrument wird ‚Daumenstock‘ geheißen“, setzte der Mann mit der feuerroten Jacke die Führung durch seine Folterwerkstatt fort. „Wenn wir Eure Finger darein legen, werden sie wie ein Fleischteig zu Fladen gepresst. Eine sehr praktische Gerätschaft! Freilich darf nicht verhehlt werden, dass die Prozedur für denjenigen, an dem die Finger hängen, mit gewissen Unannehmlichkeiten verbunden ist.“
„Wenn wir die Daumenschrauben stark genug anziehen, kannst du sogar mit deinem Buhlen die Rollen tauschen“, grölte der Folterknecht mit dem starken Anlehnungsbedürfnis. „Dann kannst du zur Abwechslung mal ihn anspritzen!“
Er stieß seinen Kollegen an, woraufhin beide wieder in ihr schnapsgetränktes Gelächter verfielen.
Mit erzengelhafter Strenge blitzte Bruder Heinrich sie an. „In diesem Verfahren ist Gott selbst der Oberste Richter! Wer es an der gebührenden Ernsthaftigkeit fehlen lässt, versündigt sich daher unmittelbar an seinem Schöpfer. Er muss dann selbst mit den Konsequenzen rechnen, die uns der Herr Scharfrichter gerade vor Augen führt.“
Betroffen senkten die beiden Folterknechte die Köpfe. Für einen Augenblick war nichts zu hören als das Kratzen von Albertus‘ Feder auf seinem Pult, wo er sich nach wie vor darum bemühte, alle Details dieser absurden Veranstaltung festzuhalten.
Der Scharfrichter ging nun weiter zu einem unweit des Tisches mit den Prozessutensilien stehenden Schemel. An diesem lehnte etwas, das für mich wie das Beinteil einer Ritterrüstung aussah. Stolz verkündete der Diener des Todes. „Hier seht Ihr nun den Spanischen Stiefel – ein besonders schönes Exemplar, mit hochwertigen Verzierungen! Dieser Stiefel tut mit Euren Beinen, was der Daumenstock mit Euren Fingern tut. Auch hier ist höchste Qualität garantiert. Die Eisenplatten umschließen zuverlässig Eure Beine und bringen Eure Knochen zum Singen. Wie wir zugeben müssen, wird dieser Gesang in Euren eigenen Ohren indes keinen allzu großen Wohlklang entfalten.“
Selbst in dem diffusen Fackelschein war deutlich zu erkennen, wie Lina erbleichte. Sie schloss für einen Moment die Augen und riss sie dann mit einem Ruck wieder auf. Wahrscheinlich dachte sie dasselbe wie ich: dass das einer dieser Alpträume sein müsse, die einem selbst dann noch ihr Zerrbild der Wirklichkeit aufzwingen, wenn man längst erwacht ist.
„Zum Abschluss darf ich Eure geschätzte Aufmerksamkeit noch auf das Prunkstück unserer Sammlung lenken“, fuhr der Scharfrichter mit seiner Fistelstimme fort.
Er trat vor eine schräg an der Wand lehnende Leiter. „Dies ist, was wir den ‚Gespickten Hasen‘ nennen. Woher dieser Name kommt, werdet Ihr spüren, wenn Ihr Euch auf die Leiter legt. Dann nämlich wird Euch das Nadelkissen in deren Mitte ein gar feuriges Stechen in Eurem Rücken verursachen.“
„Ein schöner Vorgeschmack auf den Scheiterhaufen“, murmelte einer der beiden Folterknechte – dieses Mal allerdings so leise, dass Bruder Heinrich es ignorierte.
„Das Besondere an dieser Vorrichtung ist“, dozierte der Scharfrichter weiter, „dass wir Eure Arme oberhalb der Leiter an einer Winde befestigen können. So könnt Ihr hin und her rutschen wie bei den lustigen Spielen aus Eurer Kindheit – auch wenn Ihr dabei eher jammern als jauchzen werdet. Denn das Feuer auf Eurem Rücken wird dann kräftiger lodern, und sein Prasseln wird mit dem Knacken Eurer Gelenke wetteifern. Die Knochen nämlich haben die Unart, durch das Zerren an Euren Gliedern den Gelenken die Gefolgschaft aufzukündigen.“
Damit war der Scharfrichter am Ende seines Vortrags angelangt. Lächelnd sah er Lina an. Ich würde nicht sagen, dass es ein boshaftes Lächeln war. Eher war es das Lächeln eines Mannes, der mit sich und der Welt zufrieden war, weil er Beruf und Hobby, Pflicht und Neigung in idealer Weise miteinander verbinden konnte.

English Version

Painful Interrogation/2: A Guided Tour through the Torture Cellar

Before the beginning of the „painful interrogation“, Lina is given a private guided tour through the torture cellar. Full of pride, the executioner presents his torture instruments.

Monday, April 4, 1485, a little later

Sometimes I feel as if I had been hurled not into another time but into another universe – into a universe in which everything is contrary to the structure of my organism. The atoms rotate the other way round, the molecules arrange themselves according to other principles, the air is composed of completely different substances, the orbits of the stars follow other laws than in the universe from which I come.
My own world is only alive in me like the glow of a dying candle, like the memory of a distant future: God plays on the infinitely numerous, infinitely manifold strings of his harp, and his creatures are the building blocks for the notes that he assembles into ever new harmonies.

  1. A Guided Tour through the Torture Cellar

Harmonies … There was very little of that in the torture cellar into which Albertus had led me. The executioner’s voice alone struck me as decidedly disharmonious. It was surprisingly high, almost like that of a castrato. This was all the more noticeable because he enunciated each word with exaggerated distinctness, as if reading out a legal text.
„So listen carefully, dear lady,“ he turned to Lina, „and see what we have prepared for you.“
Was he making fun of Lina? Or was he serious about this little tour through his torture studio? Was it just the filter of my former present that made me sense a biting sarcasm from his words?
To begin with, he pointed to a rickety table on which all kinds of utensils were draped like on an altar. In addition to the alleged pieces of evidence that Brother Henry had already presented during the trial in the cloister, there was now also an inconspicuous chalice.
„In this chalice,“ the executioner explained, „is the salt that you will have the honour of tasting at the beginning of the interrogation. It consists of the finest grains and is very delicious. However, we must insist that you empty the whole chalice. For this purpose we have also provided a funnel, to which I would like to draw your esteemed attention.“
„After that, you’ll drink a whole barrel of liquor in one gulp,“ one of the two torture assistants quipped. He staggered so much that he had to lean on Lina with both hands to keep from falling to the floor. Disgusted, she turned away from him.
„Except we’re not going to offer you one,“ slurred the other. They both burst out laughing, but immediately fell silent when Brother Henry’s disapproving gaze met them.
The executioner now took a step to the side and turned to something that at first glance remotely resembled an onion press. Above a perforated base a rectangular piece of iron was suspended, which could be moved up or down by means of a screw.
„This instrument is called a ‚thumbscrew‘,“ lectured the man in the flame-red jacket. „When we put your fingers in it, they are pressed into patties like meat dough. A very practical device! Admittedly, it must not be concealed that the procedure is associated with certain inconveniences for the owner of the fingers.“
„If we tighten the thumbscrews hard enough, you can even swap roles with your paramour,“ bawled the tottering torture assistant. „Then you can cum on him for once!“
He nudged his colleague, whereupon they both fell back into their liquor-soaked laughter.
Brother Henry glared at them with archangelic sternness. „In these proceedings, God Himself is the Supreme Judge! Whoever lacks due seriousness therefore sins directly against his Creator. He must then himself reckon with the consequences that are just being presented to us.“
The two torture assistants bowed their heads in dismay. For a moment, nothing could be heard but the scratching of Albertus‘ pen on his desk, where he was still struggling to record all the details of this absurd event.
The executioner now moved on to a stool not far from the table with the various utensils for the trial. Leaning against the stool was something that looked to me like the leg of a knight’s armour. Proudly, the servant of death declared: „Here we can present to you what is known as the ‚Spanish Boot‘ – a particularly beautiful specimen, with elaborate decorations! This boot does to your legs what the thumbscrew does to your fingers. Here, too, the highest quality is guaranteed. The iron plates reliably enclose your legs and make your bones sing. We have to admit, however, that this singing will not sound very harmonious to your own ears.“
Even in the diffuse torchlight, it was clear to see how Lina turned pale. She closed her eyes for a moment and then abruptly tore them open again. She probably thought the same as I did: that this must be one of those nightmares that impose their distorted image of reality on you even after you have long since awakened.
Meanwhile, the executioner announced in his falsetto voice: „Finally, I would like to draw your esteemed attention to the showpiece of our collection.“
He stepped in front of a ladder leaning diagonally against the wall. „This is what we call the ‚Spiked Rabbit‘. Admittedly, a strange name – but you will sense where it comes from when you lie down on the ladder. For then the pincushion in its centre will make you feel a truly fiery twinge in your back.“
„A nice foretaste of the funeral pyre,“ murmured one of the two torturer assistants – but this time so quietly that Brother Henry disregarded it.
„The special thing about this device,“ the executioner continued, „is that we can attach your arms to a winch above the ladder. This way you can slide back and forth like in the fun games from your childhood – even if you will rather moan than cheer on this slide. For the fire on your back will then blaze more vigorously, and its crackling will compete with the cracking of your joints. Unfortunately, the bones have the bad habit of disobeying the joints when your limbs are being torn apart.“
With that, the executioner had reached the end of his lecture. Smiling, he looked at Lina. I wouldn’t say it was a mischievous smile. Rather, it was the smile of a man who was content with himself and the world because he could combine profession and hobby, duty and inclination in an ideal way.

Bilder / Images: Émile Deschamps (1822 – 1893): Der Hexerei angeklagte Frau im Mittelalter / Woman accused of witchcraft in the Middle Ages (Wikimedia commons); Mittelalterliche Foltermethoden; Illustration aus dem Enzyklopädischen Wörterbuch von Brockhaus und Efron / Illustration from Brockhaus and Efron Encyclopedic Dictionary (1890-1907); Wikimedia commons


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