Peinliche Befragung/1: Berauschter Beginn / Painful Interrogation/1: Inebriated Beginning

Tagebuch eines Schattenlosen. Teil 3: Zeitreisen / Diary of a Shadowless Man. Part 3: Time Travels

Theo wird von Albertus zu einer „peinlichen Befragung“ abgeholt. Er erschrickt heftig – denn er kann sich natürlich denken, wer diese Art von Folter unterzogen werden soll.

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Montag, 4. April 1485

Warum habe ich nur auf Stefan gehört? Wieso bin ich nicht gleich zu Lina zurückgegangen, um auszuprobieren, ob die Notfalluhr auch zwei Personen auf einmal auf eine Zeitreise schickt?
Jetzt ist alles verloren. Jetzt bin ich ebenso wie Lina diesem mordlüsternen Hexenjäger ausgeliefert. Im Nachhinein kommt es mir unfassbar vor, dass ich ruhig in meiner Kammer gesessen und abgewartet habe, während sich draußen vor den Klostermauern das Unheil zusammengebraut hat.
Ich hätte es doch besser wissen müssen! Ein Hetzprediger ist nichts anderes als ein Hetzjäger. Er lauert im Unterholz auf seine Beute, und wenn er sie vor seinem Versteck im vermeintlichen Schutz der Dämmerung, im Nest des hohen Grases oder eben in der Nische einer Klosterkammer zur Ruhe kommen sieht, schlägt er erbarmungslos zu. Dann jagt er so lange hinter seinem Opfer her, bis es kraftlos zu Boden sinkt und er es mit einem lässigen Zucken seiner Lippen vernichten kann.

  1. Berauschter Beginn

Als es gestern Abend an meiner Tür geklopft hat, bin ich natürlich davon ausgegangen, dass das Stefan ist. Die Dämmerung ging gerade in die Nacht über, es war genau die Zeit, zu der er mich abholen wollte, um mich zu Lina in den Kerker zu bringen.
Ich öffnete also arglos die Tür – und blickte in das Gesicht von Albertus. Ein Dunst aus kaltem Schweiß und abgestandenem Schnaps wehte mich an. „Du mm-musst sofort mitkommen“, lallte er. „Wir brau … brauchen dich wieder als Zeugen!“
Es war, als hätte jemand glühendes Pech in meine Adern gegossen. Mein Herz raste, Sterne tanzten vor meinen Augen. „Als Zeugen?“ echote ich hilflos. „Jetzt? Mitten in der Nacht?“
„Jawohl – genau jetzt!“ bekräftige Albertus mit schwerer Zunge. „Bruder Hei … Heinrich meint, die p-peinliche Befra-fragung sssollte noch am Tag des Herrn be…ginnen.“
Er rülpste. Ich fürchtete schon, er würde sich übergeben. Es blieb jedoch dabei, dass er seinen hochprozentigen Atem in meiner Kammer verteilte. Er roch nach Hölle und redete von Gott. „Und heute ist auch noch Ki…Ki…Kirchweih!“ lallte er. „Da ist Gott uns beso…honders nahe, w-weißt du?“
Vor meinem inneren Auge entrollte sich die Szenerie, die zu diesem absonderlichen Plan geführt haben mochte. Wahrscheinlich hatten Bruder Heinrich und seine Mordbuben auf der Kirmes zusammen gebechert. Am Abend war dann wohl, wie das in solchen Fällen immer geschieht, der Rausch allmählich in Katerstimmung übergegangen.
Normalerweise betäuben die Saufkumpane ihre innere Leere dann, indem sie ihre schwitzenden Finger den Frauen in den Ausschnitt schieben und zuletzt eine Schlägerei anfangen. Aber dieses Mal hatten sie eine Hexe auf Lager! An ihr konnten sie nicht nur ihre Wut auf den eigenen Körper ausleben, der sich an ihnen für die Flut an Giften rächte, die sie in ihn hineingeschüttet hatten. Sie konnten ihre blindwütige Raserei dazu auch noch als gottgefälliges Handeln hinstellen!
Was das für Lina bedeutete, wollte ich mir lieber nicht ausmalen. Klar war jedoch, dass die „peinliche Befragung“ auf diese Weise noch um einiges peinvoller ausfallen würde. Sie würde wohl völlig außer Kontrolle geraten.
Was sollte ich nun tun? Mit dem schwankenden Albertus vor mir und meiner Angst um Lina konnte ich keinen klaren Gedanken fassen. Sollte ich Albertus abweisen und auf Stefan warten? Nein, das war unmöglich – ich konnte Lina in dieser Situation nicht allein lassen!
Sollte ich die Notfalluhr mitnehmen? Aber wie hätte ich sie vor Albertus unbemerkt aus dem Versteck in der Ecke der Kammer holen sollen? Außerdem hätte ich, um die Notfalluhr für Lina und mich gleichzeitig zu aktivieren, die vermeintliche Hexe in jedem Fall berühren müssen. Schon allein dadurch hätte ich mich verdächtig gemacht.
Was aber, wenn die Notfalluhr nur mich zum Verschwinden gebracht hätte, Lina aber zurückgeblieben wäre? Hätte das auf die mordlüsternen Folterknechte nicht wie der ultimative Beweis gewirkt, dass Lina mit dem Teufel im Bunde ist? Wäre das nicht das endgültige Todesurteil für sie gewesen?
Nein, es war zu riskant, meinen Trumpf schon jetzt auszuspielen. Ob ich wollte oder nicht – ich musste, so dachte ich, auf eine günstigere Gelegenheit dafür warten.
„Kommst du?“ drängte mich Albertus. „Die annnn-deren wwwarten schon!“
Als ich mein Skapulier überwarf, fiel sein Blick auf das Boccaccio-Büchlein, das mir als Tagebuch diente. „Eine gar gewitzte Sch…Schrift hast du da!“ schwadronierte er. „Die so-hollte ich auch mal wieder lesssen.“
Plötzlich peinigte mich der Gedanke, er könnte in meiner Abwesenheit in meine Kammer gehen und mit seinen fleischigen Fingern in den Gedanken wühlen, die ich dem Büchlein anvertraut hatte. Also nahm ich das Buch zusammen mit meinem Bleistiftstummel kurzentschlossen an mich und verstaute beides in meinem Umhang. Dann folgte ich ihm zum Keller des Rathauses, wo die „peinliche Befragung“ stattfinden sollte.
Dort angelangt, führte Albertus mich nicht in Linas Kerker, sondern in einen angrenzenden, deutlich größeren Raum. Im Schein der Fackeln, die ringsum an den Wänden angebracht waren, konnte ich diverse Gerätschaften erkennen – offenbar das Instrumentarium für die peinliche Befragung. Der mir entgegenströmende Geruch knüpfte nahtlos an die Ausdünstungen von Albertus an. Es fühlte sich an, als würde ich ein Gasthaus betreten, das lange nicht mehr gelüftet worden war.
Bruder Heinrich, der Scharfrichter und seine Gehilfen warteten schon aus uns. Lina stand zwischen den beiden Folterknechten, die ihre Arme von zwei Seiten fest umklammert hielten. Als sie mich eintreten sah, warf sie mir einen hilfesuchenden Blick zu. Jetzt bereute ich es doch, dass ich die Notfalluhr nicht mitgenommen hatte.
Ratsherren waren dieses Mal nicht zugegen. Offenbar war dieser Teil des Prozesses dann doch zu schmutzig für sie.
Albertus begab sich zu einem in der Ecke stehenden Pult, wo er die so genannte „Befragung“ protokollieren sollte. Ob er dazu in seinem Zustand noch in der Lage war, wage ich allerdings zu bezweifeln. Wahrscheinlich verstand er selbst nicht, was er da mit schwungvoll-berauschten Federstrichen in das kostbare Pergament ritzte.
Nachdem ich mich neben den Gehilfen eingereiht hatte, senkte Bruder Heinrich den Kopf und faltete seine Hände zum Gebet. Seinem geröteten Gesicht nach zu urteilen, hatte auch er den geistigen Getränken kräftig zugesprochen. Vielleicht tanzte aber auch nur der Widerschein der Flammen auf seinen Wangen. Seine Zunge hatte er jedenfalls weit besser im Zaum als Albertus.
„Gütiger Gott“, sprach er mit fester Stimme, „wir bitten Dich: Steh uns bei in dieser schweren Stunde! Mach, dass uns Deine Wahrheit offenbar wird durch das Werk, das wir zu Deinen Ehren verrichten! Gib uns die Kraft, Deiner Weisheit auch dort zu folgen, wo wir sie nicht verstehen!“
Er ließ seine Worte kurz nachklingen, dann nickte er dem Scharfrichter zu. Dieser trat daraufhin einen Schritt auf Lina zu. Mit seiner dunkelroten Jacke wirkte er in dem flackernden Licht wie eine lebendige Fackel.

Verlies in der ehemalige Alte Ratsfronfeste, heute Stadt- und Waagenmuseum Oschatz, Frongasse 1 in Oschatz 08973784

English Version

Painful Interrogation/1: Inebriated Beginning

Theo is picked up by Albertus for a „painful interrogation“. He gets a terrible fright – because of course he knows exactly who is to be subjected to this kind of torture.

Monday, April 4, 1485

Why did I only listen to Stephen? Why didn’t I go back to Lina right away to try out whether the emergency watch can also send two people on a time journey simultaneously?
Now it’s game over. Now I am just as much at the mercy of this murderous witch hunter as Lina. In retrospect, it seems inconceivable to me that I sat idly in my chamber while disaster was brewing outside the monastery walls.
After all, I should have known better! A rabble-rouser is nothing other than a pursuit predator. He lurks in the undergrowth for his prey, and when he sees it coming to rest in the supposed protection of twilight, in the nest of the tall grass or, as in my case, in the alcove of a monastery chamber, he pounces mercilessly on his victim. Then he chases after it until it sinks powerlessly to the ground and he can finish it off with a casual twitch of his lips.

  1. Inebriated Beginning

When there was a knock on my door last night, I naturally assumed it was Stephen. Dusk was just turning into night, it was exactly the time when he wanted to pick me up for Lina’s release.
So I unsuspectingly opened the door – and looked into the face of Albertus. Wafts of cold sweat and stale liquor emanated from him. „You mm-must come with me immmmediately,“ he slurred. „W-we need … need you as a w-witness again!“
It was as if someone had poured red-hot pitch into my veins. My heart raced, stars danced before my eyes. „As a witness?“ I echoed helplessly. „Now? In the middle of the night?“
„Y-yes, exactly – right n-now,“ Albertus affirmed with a heavy tongue. „Brother Hennnnry says we’d better start the p-painful innnnterrogation on the L-lord’s Day.“
He belched. I was afraid he would vomit. But he just kept on spreading his high-proof breath in my chamber. He smelled like hell and stammered about God. „And w-what is mmmore: Today is church consec… consec… this f-festival, you know? So God is especiallllly close to usss!“
In my mind’s eye, the scenery unfolded that might have led to this outlandish plan. Brother Henry and his henchmen had probably been drinking together at the fair. In the evening, as always happens in such cases, the intoxication gradually turned into a hangover.
Usually, the drinking buddies numb their inner emptiness by shoving their sweaty fingers into the women’s cleavages or by provoking a brawl. But this time they had a witch in store! On her, they could not only vent their rage on their bodies, which were taking revenge on them for the flood of poisons they had poured into them. They could even make their blind frenzy look like a godly act!
I shied away from imagining what that would mean for Lina. It was clear, however, that the „painful interrogation“ would be even more painful this way. It would probably get completely out of control.
What should I do now? With the tottering Albertus in front of me and my fear for Lina, I was incapable of any clear thought. Should I refuse Albertus‘ request and wait for Stephen? No, that was impossible – I couldn’t leave Lina alone in this situation!
Should I take the emergency watch with me? But how could I get it out of the hiding place in the corner of the chamber without Albertus noticing? Besides, in order to activate the emergency watch for Lina and me at the same time, I would have had to touch the supposed witch in any case. That alone would have made me suspicious.
And what if the emergency watch had only made myself disappear, while Lina had stayed behind? Wouldn’t that have seemed like the ultimate proof to the murderous torturers that Lina was in league with the devil, condemning her to death once and for all?
No, it was too risky to play my trump card at this stage. Whether I wanted to or not – I had to wait, I thought, for a more favourable opportunity.
„C-come on, lllet’s go,“ Albertus urged me. „The others are already wwwaiting!“
As I slipped into my cloak, his eyes fell on the Boccaccio booklet that served me as a diary. „A very wwwwise scripture you’ve g-got there!“ he babbled. „I should read it again ssssometime mmmyself.“
Suddenly I was tormented by the thought that he might enter my chamber in my absence and rummage with his fleshy fingers through the thoughts I had entrusted to the little book. So, without further ado, I took the book together with my pencil stub and stashed both in my cloak. Then I followed him to the cellar of the town hall, where the „painful interrogation“ was to take place.
Once there, Albertus did not lead me to Lina’s dungeon, but to an adjoining, much larger room. In the light of the torches mounted on the walls all around, I could make out various pieces of equipment – obviously the instruments for the painful interrogation. The stench wafting towards me was strongly reminiscent of Albertus‘ exhalations. It felt as if I were entering an inn that had not been aired out for a long time.
Brother Henry, the executioner and his helpers were already waiting for us. Lina stood between the two torture assistants, who clutched her arms tightly from two sides. When she saw me enter, she gave me a helpless look. Now I was regretting that I had not taken the emergency watch with me.
Councillors were not present this time. Apparently, this part of the trial was considered too dirty for them.
Albertus went to a desk in the corner where he was supposed to record the alleged „interrogation“. However, I doubt whether he was still able to do so in his condition. He probably didn’t even understand what he was writing on the precious parchment with his sweeping, inebriated pen strokes.
After I had lined up next to the assistants, Brother Henry bowed his head and folded his hands in prayer. Judging by his reddened face, he had not abstained from drinking either. Or was that just the reflection of the flames dancing on his cheeks? In any case, he had his tongue far better in check than Albertus.
„Merciful God,“ he declaimed in a firm voice, „we pray to you: Help us in this dark hour! Reveal Your truth to us through the work we do in Your honour! Give us the strength to follow Your wisdom even where we do not understand it!“
He let his words resonate for a moment, then nodded to the executioner. Thereupon the latter took a step towards Lina. With his dark red jacket, he looked like a living torch in the flickering light.

Bilder / Images: Philippe Jacques de Loutherbourg (1740 – 1812): etrunkener auf einem Fass; Kupferstich von Robert Blyth / Drunkard on a barrel; etching by Robert Blyth (Iconographic Collections / Wikimedia commons); Radler59: Ehemaliger Stadtkerker in Oschatz/Sachsen / Former town dungeon in Oschatz/Saxony (Wikimedia commons)

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