Eine literarische Reise in vier Etappen mit Zacharias Mbizos Novelle
Glücklose Heimkehr. Der Tote, der den Mord an sich aufklärte/4
Im Glauben, den Schlüssel für die Lösung seines Falles nur bei Dr. France finden zu können, begibt Achmet sich noch einmal in das Büro des Forschers. Dort erlebt er eine Überraschung.
Worum es geht
Im Wartesaal des Todes angelangt, beschleicht Achmet Ahmadi das Gefühl, vor der Zeit aus dem Leben abberufen worden zu sein. So erwirkt er die Erlaubnis für eine vorübergehende Rückkehr in die Welt, um den mutmaßlichen Mord an sich aufzuklären.
Leseprobe: Der Hofstaat des Todes
Wie an einem arbeitsfreien Tag zu erwarten, fand ich das Büro von Dr. France verlassen vor. Die Verlassenheit war jedoch von anderer Art, als ich gedacht hatte. Direkt mir gegenüber, hinter seinem breiten, von einem kreativen Chaos bedeckten Schreibtisch, saß Dr. France. Oder vielmehr: Er lag dort, fürsorglich in die stabile Rückenlage gebracht von seinem Schreibtischsessel.
Im Reich des Todes beheimatet und nur auf Urlaub in der Welt der Lebenden, erkannte, nein: spürte ich sofort, dass in diesem Körper kein Leben mehr war.
Ich stellte mir vor, wie der Körper des großen Experimentators, unterstützt von seinem Sesselsklaven, vielleicht zuerst blitzartig nach vorne geschnellt war; wie die Rückenlehne seines servilen Dieners sich als schützender Arm an seine Schultern geschmiegt hatte; wie der getreue Knappe den zuckenden Leib sanft aufgefangen hatte, als dieser unvermittelt nach hinten weggesackt war; wie er auch dann noch vornehm geschwiegen, nur vielleicht kurz aufgeseufzt hatte, als sein Herr sich noch fester gegen ihn gepresst und seinen nach hinten wegrutschenden Kopf hilfesuchend an ihm abgestützt hatte; wie er schließlich in andächtiger Ruhe erstarrt war, als sich die Augen seines Herrn zu zwei blinden Spiegeln geweitet hatten und sein Mund in einer letzten, sprachlosen Frage erstarrt war, auf die es keine Antwort gab.
Das Geräusch einer sich öffnenden Tür, gefolgt von näherkommenden Schritten, brachte meine Gedankenkaskaden mit einem Schlag zum Erliegen. Für einen Moment blitzte der Impuls in mir auf, mich zu verstecken. Dann aber verharrte ich doch, meiner Unsichtbarkeit für die Augen dieser Welt gewiss, ruhig neben dem toten Körper.
Wenige Sekunden später stieß eine Hand mit blutroten Fingernägeln die Tür auf. Wie sich herausstellte, gehörte sie zu der Empfangsdame von Dr. France, die mir damals den Weg zu dessen Arbeitszimmer gewiesen hatte. Vielleicht hatte sie nur etwas im Büro vergessen, vielleicht hatte ihr Chef sie auch extra einbestellt, um ihm bei seinen Überstunden zu assistieren oder ihm diese mit gewissen Nebentätigkeiten zu versüßen.
Ich sah, wie der Mund der Dame sich zu einem erstickten Schrei öffnete und wie sie dann eine Hand vor die Lippen presste, als wollte sie verhindern, dass der in dem Zimmer ausströmende Todeshauch in sie eindrang. Sie trat einen Schritt auf ihren indisponierten Dienstherrn zu, wich dann aber, als sie in dessen gesichtsloses Gesicht blickte, zitternd vor ihm zurück und eilte ins Nebenzimmer.
Erst dort tat sie, was sie ebenso gut in Anwesenheit des Abwesenden hätte tun können: Sie stürzte sich in eine wahre Telefonorgie, rief Rettungswagen, Notarzt und Polizei herbei, forderte die Unterstützung von Feuerwehr, Bergwacht und Katastrophenschutz an, um nur ja nicht mit sich selbst und dem entsetzlichen Etwas hinter der Wand allein sein zu müssen. Ihre sich überschlagende Stimme klang, als wollte sie mit ihrer Energie den frühzeitig Abberufenen ins Leben zurückrufen.
Erst als sie die Liste der Verwandten, Freunde und Bekannten abzutelefonieren begann, ging ihre Stimme in ein tränenersticktes Lamento über. Es war nicht ganz klar, ob sie damit eher den Verlust ihres Chefs oder den ihres Arbeitsplatzes beklagte, der wohl zwangsläufig mit jenem einhergehen würde.
Kurz darauf verwandelte sich das Büro von Dr. France in eine Bühne für den Hofstaat des Todes. Todesbekämpfer traten auf und gestanden mit ritterlicher Geste ihre Niederlage ein. Todesbegutachter nahmen mit Kennermiene das Werk des dunklen Meisters in Augenschein. Todesverhinderer versuchten an dem leblosen Körper Strategien ihres Gegners abzulesen, um präventiv gegen ihn vorgehen zu können.
Sogar Todesbeklagerinnen traten in Erscheinung, die sich weinend über den servilen Sessel und seine Fracht beugten und so bezeugten, dass der teure Verblichene doch nicht nur in seine Arbeit verliebt gewesen war. Ihnen folgten, als krönender Schlussakkord, noch die Erntehelfer des Todes. In ehrfurchtsvollem Schweigen betteten sie die erstarrte Frucht in ihre Beutetruhe.
Podcast, vierte Episode:
Im Büro von Dr. France stößt Achmet auf aufschlussreiche Unterlagen. Er ist überzeugt, damit den Mord an sich aufklären zu können. Gesa, die sich während eines Gesprächs mit ihm im Nebel auflöst, zeigt ihm, dass ihm dafür nicht mehr allzu viel Zeit bleibt.
Interview mit Zacharias Mbizo (PDF, S. 27 – 32)
Bild: Jakob von Will (1586 – 1619): Totentanz (Wikimedia Commons)