Häutungen

Eine literarische Reise in vier Etappen mit Zacharias Mbizos Novelle

Glücklose Heimkehr. Der Tote, der den Mord an sich aufklärte/3

Um Näheres über das Experiment zu erfahren, das sein Leben auf den Kopf gestellt hat, begibt Achmet sich in das Labor von Pierre France, dem Forschungsleiter. Dort steht er seinem toten Körper gegenüber.

Worum es geht

Im Wartesaal des Todes angelangt, beschleicht Achmet Ahmadi das Gefühl, vor der Zeit aus dem Leben abberufen worden zu sein. So erwirkt er die Erlaubnis für eine vorübergehende Rückkehr in die Welt, um den mutmaßlichen Mord an sich aufzuklären.

Leseprobe: Im Labor von Dr. France

In der Gewissheit, für den Forscher unsichtbar zu sein, trat ich mit Gesa mitten in den Raum. Dr. France stand vor einem Operationstisch, auf dem ein toter Körper lag. Dieser war vollständig von einer glänzenden Schicht überzogen, die augenscheinlich den Verwesungsprozess aufhalten sollte. Die Schädeldecke war mit einem kreisrunden Schnitt abgetrennt worden. Ungeschützt schimmerten die Gehirnwülste unter der grellen Sezierlampe.

In der Hand hielt der Forscher einen Elektrostab, mit dem er den Gehirnwülsten an unterschiedlichen Stellen Stromstöße versetzte. Je nachdem, wohin er den Stab lenkte, leuchteten, von ihm akribisch protokolliert, immer wieder andere Regionen auf. Dabei empfand ich jedes Mal eine Art Phantomschmerz, wie bei jemandem, der abgetrennte Gliedmaßen zu spüren meint – denn der Leichnam, den der Elektrostab zum Zucken brachte, war mein eigener.

Deshalb also hatte ich auf dem Friedhof vergeblich nach meinem Grab Ausschau gehalten – die Beerdigung sollte wohl erst nach Abschluss dieser postmortalen Fummelei stattfinden!

Ich stellte mich ans Fußende des Operationstischs und ließ meinen Blick über das leblose Gebilde wandern, das den Befehlen seines neuen Herrn so hilflos ausgeliefert war. Durch diese leeren, vom Licht gemiedenen Höhlen hatte also einmal der Schmuckkasten der Welt in mich hineingeleuchtet. Dieser dünne Lippenstrich hatte sich früher lustvoll geöffnet und mich die Welt verschlingen lassen, um in ihr verweilen zu können. Dieser schon etwas rissig wirkende Lederbezug, der sich über den Brustkorb spannte, hatte früher rhythmisch im Takt des Lebens vibriert. Dieser in sich zusammengesunkene Wurmfortsatz in der Körpermitte hatte früher, in einen Zauberstab des Lebens verwandelt, einen die Verwandlung der ganzen Welt erträumenden Lustrausch in mir aufsteigen lassen.

Ich war so in die Betrachtung meiner abgelegten Hülle versunken, dass ich gar nicht mehr auf Gesa geachtet hatte. Erst als ich mich nach ihr umsah, erkannte ich, dass auch sie sich vor den Überbleibseln ihrer einstigen Existenz aufgestellt hatte; denn außer meinem eigenen waren noch drei andere Körper in dem Raum aufgebahrt, darunter auch der Gesas.

Allerdings befand Gesas einstiges Daseinskleid sich, wie auch die übrigen Leichname, bereits in einem fortgeschritteneren Stadium des Verfalls. Die Gehirnwülste waren in kleine Stückchen zerschnitten, so dass sie aussahen wie ein Haufen Blutegel, die Haut pellte sich an vielen Stellen schon wie nach einem schweren Sonnenbrand vom Körper ab, und der Bauch war aufgeschlitzt. Es schien, als würde ein Nest toter Schlangen daraus hervorquellen.

Offensichtlich ließ sich der Verwesungsprozess durch die aufgetragene Salbe nur für eine begrenzte Zeit aufhalten. Dies erklärte auch, warum Dr. France zu so später Stunde noch in seinem Labor anzutreffen war: Um in der kurzen Frist alle geplanten Experimente durchführen zu können, musste er auch Nachtschichten einlegen.

Das Magma der Wut, das ich in Gesas Augen aufblitzen sah, kannte ich nur allzu gut. Ich wusste um seine Zerstörungskraft, und ich wusste auch, dass man es, wenn es einmal aufgestiegen war, kaum wieder zurückdrängen konnte. Sollte Gesa ihm aber nachgeben und vor Dr. France Gestalt annehmen, hätte sie damit die ihr gesetzte Grenze überschritten und ihr Rückkehrrecht in die Welt verwirkt.

Das Problem war nur: Berührungen waren in meiner neuen Existenzform nicht vorgesehen. Ich konnte Gesa daher nicht am Arm packen, sie wegziehen von dem ahnungslosen Opfer, auf das sie sich mit dem Schleichräubergang einer Raubkatze zubewegte. Ich war darauf angewiesen, Blickkontakt mit ihr aufzunehmen, meine Gedanken in ihre Augen einzuschreiben.

Erst im letzten Moment, als sie schon unmittelbar hinter Dr. France stand, wandte Gesa sich zu mir um. Wir tauschten einen langen, gedankenreichen Blick miteinander. Da begriff auch sie, dass es keinen Sinn gehabt hätte, ihrem Rachedurst nachzugeben. Denn so hätte sie nicht nur das Krümelchen Existenz verloren, das ihr geblieben war. Vielmehr wäre es uns dann auch nicht mehr möglich gewesen, durch die Beobachtung des undurchsichtigen Forschers das Rätsel zu lösen, das ihren wie meinen Tod umgab.

Podcast, dritte Episode:

Nachdem Dr. France gegangen ist, sehen Achmet und Gesa sich in dessen Labor um. Dabei entdecken sie, dass das ominöse Experiment noch weitere Menschen in Gefahr bringt. Unverzüglich brechen sie auf, um die Betreffenden zu warnen – aber wie sollen sie sich bemerkbar machen, wenn sie für andere inexistent sind?

Ebook

Interview mit Zacharias Mbizo (PDF, S. 27 – 32)

Bild: Clara Siewert (1862 – 1945): Der Tod und das Mädchen (vor 1936); Wikimedia Commons

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