Die Fußfessel der Vergangenheit

Eine literarische Reise in vier Etappen mit Zacharias Mbizos Novelle

Glücklose Heimkehr. Der Tote, der den Mord an sich aufklärte/2

Achmet geht zum Friedhof, um nach seinem Grab zu suchen. Dort stößt er jedoch auf etwas ganz anderes, völlig Unerwartetes.

Worum es geht

Im Wartesaal des Todes angelangt, beschleicht Achmet Ahmadi das Gefühl, vor der Zeit aus dem Leben abberufen worden zu sein. So erwirkt er die Erlaubnis für eine vorübergehende Rückkehr in die Welt, um den mutmaßlichen Mord an sich aufzuklären.

Leseprobe: Unmögliche Begegnung

Als ich auf dem Friedhof ankam, war es bereits Nacht geworden. Mit bleichen Fingern griff der Mond durch das zerfledderte Geäst der Bäume. Ich musste an die fledermaushaften Vampire denken, an ihren lautlos-sanften Flügelschlag, ihre makellose Blässe, hinter der sich ein blutrünstiges Geheimnis verbarg.

Für einen Augenblick war ich fest davon überzeugt, dass mein Grab leer sein müsse und der Sarg geöffnet, das Leichentuch von frischem Blut befleckt. Erst dann besann ich mich wieder darauf, dass ich ja eigentlich kein Untoter, sondern eher eine Art Toter auf Heimaturlaub war, dem für seine Reise ein behelfsmäßiges Kleid übergeworfen worden war. Das Kostüm meines alten Lebens konnte demnach ungestört vor sich hinmodern.

Nach meinem Grab suchte ich jedoch vergeblich. War es also doch aus der Wirklichkeit ausradiert worden, nachdem ich in die Welt zurückgekehrt war? Oder hatte ich mich vielleicht im Friedhof geirrt?

Gedankenversunken schlenderte ich vorbei an der Reihe der frisch ausgehobenen Gräber, in der Absicht, sie noch einmal genauer in Augenschein nehmen. Vielleicht hatte ich ja irgendetwas übersehen.

Da fiel mein Blick plötzlich auf eine Gestalt, die mir fast wie ein Spiegelbild meiner selbst erschien. Das Mondlicht umgoss sie mit einem Schleier aus geschmolzenem Wachs, und da ihre Füße von den Grabsteinen verdeckt waren, sah es so aus, als würde sie schweben. Wie ich schien auch sie nach Spuren ihres Todes zu fahnden.

Eine merkwürdige Unruhe stieg in mir auf. Ich schob sie jedoch auf meine erfolglose Suche und maß ihr weiter keine Bedeutung bei. Achtlos ging ich auf die fremde Gestalt zu, in der Annahme, ich wäre für sie genauso unsichtbar wie für alle anderen Menschen, denen ich nach meiner Rückkehr in die Welt begegnet war.

Noch bevor ich die Gestalt erreicht hatte, blieb sie aber stehen und schaute mich unverwandt an. Im Widerschein des Mondes sah ich ein Gesicht aufleuchten, das mir fremd und zugleich seltsam vertraut vorkam. Es war, als würde die fahle Schrift der Nacht ihm sein ursprüngliches, lange verschüttetes Wesen zurückgeben.

Ein schwaches Flüstern mischte sich in das Rascheln des Laubs: „Achmet? Bist du das?“

Die Worte wirkten auf mich wie ein Windhauch, der in mir die Saiten eines verstaubten Instruments zum Schwingen brachte. Bilder tauchten vor meinem inneren Auge auf, die selbst während meiner Reise durch die Kammer der Erinnerung die Schwelle meines Bewusstseins nicht überschritten hatten. Ich sah mich selbst in inniger Umarmung mit einer Frau, mein Fleisch brandete gegen ihres, tauchte ein in den fremden Körper, durchdrang ihn mit meinem Dasein, verlor sich in der Höhle seiner Wirklichkeit.

Das Seltsame daran war: Ich erlebte das Ganze als lustvoll, ich empfand nicht jenen Widerwillen, jene halb unbewusste innere Abwehr, die mich später jeden weiblichen als mütterlichen Schoß meiden ließ.

Und plötzlich erkannte ich: Die Frau, deren Bild da in mir aufgetaucht war, war dieselbe, die in jenem Augenblick vor mir stand.

„Ich kenne Sie …“, murmelte ich unbeholfen, mehr im tastenden Selbstgespräch als im Versuch, eine Unterhaltung zu beginnen.

Ein bitteres Lächeln glitt über das Gesicht der vertrauten Fremden. „Das will ich meinen“, entgegnete sie. „Schließlich waren wir ja auch mal miteinander verheiratet.“

Podcast, zweite Episode:

Durch die Begegnung mit Gesa erinnert Achmet sich auch an ein verhängnisvolles Experiment, an dem er teilgenommen hat. Zunächst aber begibt er sich zu seiner alten Wirkungsstätte: dem Theater.

Ebook

Interview mit Zacharias Mbizo (PDF, S. 27 – 32)

Bild: Eugeniu Voinescu (1842 – 1909): Erscheinung (Ausschnitt); Wikimedia commons

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