Der russische Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschików/1
Über den Song Аделаида (Adelaída)
Die neue Reihe am Poetry Day auf LiteraturPlanet ist dem russischen Dichter und Singer-Songwriter Boris Grebenschtschików gewidmet. Den Anfang macht ein Song über die Utopie des Friedens, für den der Künstler sich auch mit seiner vehementen Verurteilung des Angriffs auf die Ukraine einsetzt.
Adelaída Draußen nichts als Wind, Nebel und Schnee … Wir sind ganz allein in dieser Hütte. Da, plötzlich, ein Klopfen am Fenster … Aber bleib ganz ruhig – hab keine Angst! Das ist nur mein Freund, der Nordwind, der mit mir flüstert. Wir ruhen in seiner Hand, denn er ist es, der das Verborgene bewahrt. Und er wird die Wolken vom Himmel fegen dort, wo unser Stern erscheint: der Stern Adelaída! Lippen, die schweigend erzählen, Hände, die sich ineinander verzweigen – alles versinkt im Schlund der Zeit. Doch an dem Diamanten meines Herzens bricht ihre Sense entzwei. Bald wird mich der Nordwind wecken. Dann wird glitzernd uns umfangen der Stern, der weder Bosheit kennt noch Leid, weder Verbitterung noch Groll: der Stern Adelaída!
Boris Grebenschtschikow (Борис Гребенщиков) mit der Band Aquarium(Аквариум): Аделаида (Adelaída; 1986.) Aus: Равноденствие (Rawnodjenstwije: Tagundnachgleiche; 1987)
Live-Aufnahme aus dem Jahr 2011:
ursprüngliche Albumfassung (auf Rawnodjenstwije); überarbeitete Neufassung auf dem im Jahr 2000 veröffentlichten Greatest-Hits-Album Территория (Territorija)
Eingängige Musik, kryptischer Text
Adelaída ist einer der bekanntesten Songs von Boris Grebenschtschikow und seiner Band Aquarium. Das Lied ist seit seiner ersten Fassung aus dem Jahr 1986 immer wieder überarbeitet worden. Eine besonders mitreißende Live-Version stammt aus dem Jahr 2011.
Der Text des Liedes ist allerdings nicht ganz so eingängig wie die Musik. Das ist ein Phänomen, das bei Songs von Grebenschtschikow häufiger auftritt: Die Musik geht unmittelbar ins Ohr, die Texte wirken jedoch oft kryptisch und verlangen ein genaueres Nachlesen und Hinhören.
Der Grund dafür ist, dass viele der auf den ersten Blick unverständlich erscheinenden Metaphern auf einer intuitiven Zusammenfügung verschiedener Sinnebenen beruhen. Vielfach ist es daher ratsam, sich nicht allein auf eine analytische Entschlüsselung zu verlassen, sondern das Textverständnis ebenso intuitiv anzulegen wie die Textkomposition.
Der Frieden als das „ganz Andere“
Im Falle von Adelaída leuchtet etwa unmittelbar ein, dass es sich bei dem so benannten Stern um eine Chiffre für die Utopie einer von Frieden und Versöhnung geprägten Welt handelt; einer Welt, in der nicht ressentimentgeladene Missgunst, sondern ein mitfühlendes Miteinander das Zusammenleben der Menschen prägt.
Dies passt auch gut zu dem Namen „Adelaída“. Er geht auf das althochdeutsche „Adalheida“ zurück und bedeutet ursprünglich „edles“ bzw. „reines, unbeflecktes Land“. Als Personenname verweist der Begriff auf einen entsprechend reinen, arglosen Charakter.
Der Name eignet sich somit gut für die Bezeichnung von Grebenschtschikows Friedensideal. Denn Frieden ist in seinen Liedern nicht einfach das Gegenteil von Krieg. Stattdessen deuten seine Texte immer wieder darauf hin, dass wahrer Frieden angesichts der Wolfsnatur des Menschen nur als das ganz Andere – also durch eine Abkehr von der bislang vorherrschenden Geisteshaltung – erreichbar ist.
Die sich selbst voraussetzende Utopie
Es handelt sich hier demnach um eine klassische Utopie: um etwas, für das es „keinen Ort“ auf Erden gibt, das aber eben deshalb umso leidenschaftlicher ersehnt wird. Eben dies wird durch die Assoziierung der Utopie mit einem weit entfernten Gestirn zum Ausdruck gebracht.
Die Utopie ist demnach theoretisch immer da. Um sie jedoch wahrzunehmen und das Handeln danach auszurichten, müssen erst die dunklen Wolken menschlicher Niedertracht hinweggefegt werden.
Damit setzt die Utopie sich paradoxerweise selbst voraus: Um sie verwirklichen zu können, bedarf es eines Grundverständnisses für sie und einer Einsicht in die Notwendigkeit eines radikal anderen Denkens und Fühlens. Folglich kann die Utopie nur über den Weg einer schrittweisen Annäherung an ein – niemals vollständig zu erreichendes – Ziel angestrebt werden.
Klare Positionierung gegen die russische Invasion in der Ukraine
Anders als manch andere russische Kulturschaffende, die sich gegenüber dem vom Kreml angefachten Krieg gegen die Ukraine entweder gleichgültig zeigen oder ihn gar offen unterstützen, hat Grebenschtschikow die Kreml-Aggression von Anfang an klar verurteilt.
Dies entspricht der für ihn charakteristischen engen Verbindung von Leben und Werk. So beruht auch die in Adelaída ausgedrückte Vorstellung von Frieden auf einer fest in seinem Denken und Handeln verankerten pazifistischen Haltung. Hierauf wird im folgenden Beitrag noch näher eingegangen werden.
Künstlerische Anfänge unter schwierigen Bedingungen
Als Künstler, der sich stets entschieden für Menschenwürde, individuelle Freiheitsrechte und gegen Militarismus eingesetzt hat, hatte Grebenschtschikow in der Sowjetunion einen schweren Stand. Mit seiner an der freiheitlichen Mentalität der Rockszene orientierten Musik geriet er früh in das Visier der Behörden. Dies zeigte sich bereits in der Anfangszeit seiner Band Aquarium.
1953 geboren, gründete Grebenschtschikow die Band 1972 zusammen mit Anatólij Gunítskij (Анатолий Гуницкий). Während seines Mathematikstudiums in St. Petersburg (dem damaligen Leningrad) und seiner anschließenden Tätigkeit am dortigen Soziologischen Institut trat er parallel mit der bis heute in wechselnden Besetzungen bestehenden Band auf, meist in halblegalen Underground-Sessions. Außerdem rief er die im Selbstverlag (Samisdat) herausgegebene Rockzeitschrift Рокси (Roksi/Roxi) ins Leben, von der zwischen 1977 und 1990 15 Ausgaben erschienen.
Nach einem Auftritt bei einem Rock-Festival im georgischen Tiflis, das damals noch Teil der Sowjetunion war, verlor Grebenschtschikow 1980 seine Anstellung an der Universität. Zudem wurde er aus dem KOMSOMOL, der Jugendorganisation der KPdSU, ausgeschlossen.
Dennoch hielt Grebenschtschikow an seinem musikalischen Weg fest und veröffentlichte ein Jahr später ein selbst produziertes Album mit seiner Band Aquarium. 1982 half er dem legendären Musiker Viktor Tsoi (Виктор Цой), der mit seinem Song [My zhdjom] Pjerjemjén (Мы ждём Перемен: Wir warten auf Veränderungen) eine Art Hymne der Perestroika geschrieben hat, bei der Produktion seines ersten Albums (mit der Band Kinó).
Die erste Langspielplatte mit Songs von Grebenschtschikow und Aquarium erschien 1986 in den USA als Doppelalbum. Ein Jahr darauf konnte die Band auch die erste LP in der Sowjetunion herausbringen.
Internationale Karriere und Hinwendung zum Buddhismus
Im Zuge der Perestroika und des Endes der Sowjetunion startete Grebenschtschikow auch eine internationale Karriere. Er gab Konzerte in London und Paris und arbeitete mit anderen Größen des Musikbusiness zusammen, u.a. mit Dave Stewart von den Eurythmics.
In geistiger Hinsicht wandte er sich fernöstlichem Gedankengut und insbesondere dem Buddhismus zu. Dies fand seinen Niederschlag sowohl in seinen eigenen Liedern als auch in Gemeinschaftsprojekten mit anderen. So brachte er etwa 1998 zusammen mit der US-amerikanischen Musikerin Gabrielle Roth und ihrer Band The Mirrors ein Album heraus, das schwerpunktmäßig aus buddhistischen Mantras bestand.
Im Jahr 2006 lernte Grebenschtschikow den aus Indien stammenden geistlichen Gelehrten Sri Chinmoy kennen, mit dessen Schülern er u.a. ein Konzert in der Londoner Royal Albert Hall gegeben hat. Außerdem hat er Schriften des tibetischen Lamas Tulku Urgyen Rinpoche und weitere religiöse Texte des Buddhismus und Hinduismus ins Russische übersetzt.
Musik-Ikone in Russland
Auch in der russischen Kulturszene wurde Grebenschtschikow nach 1990 zu einer festen Größe. Zu den Alben, die er kurzzeitig als Solo-Projekt mit der neuen „BG-Band“, dann aber wieder gemeinsam mit der Band Aquarium herausgab, wurden eigene Fernsehsendungen produziert, selbst der Kreml schmückte sich mit ihm. 2003 gab er dort ein Konzert, 2005 organisierte er ein viel beachtetes Diskussionsforum von Musikschaffenden mit Wladislaw Surkow, dem damaligen stellvertretenden Leiter der Präsidialverwaltung.
2017 wurde Grebenschtschikow zum Leiter des Festivals Части света (Tschásti svjéta; englisches Label Parts of the World) ernannt. Bereits seit 2005 hatte er eine eigene Radiosendung, die unter dem Titel Аэростат (Aerostát: Luftballon) wöchentlich im staatlichen Sender Радио России (Rádio Rossíi) ausgestrahlt wurde.
Bruch mit dem offiziellen Russland nach dem Einmarsch in die Ukraine
2022 kam es infolge des russischen Einmarschs in die Ukraine zum Bruch Grebenschtschikows mit dem offiziellen Russland. Nach seiner scharfen Verurteilung des Angriffskriegs musste er mit seiner Radiosendung auf die Internetplattform „Echo“ (Эхо) ausweichen. Eine geplante Tournee durch Russland wurde abgesagt, Grebenschtschikow zu einer hohen Geldstrafe wegen angeblicher Diskreditierung der russischen Streitkräfte verurteilt.
Seitdem lebt er im Ausland und erhebt von dort immer wieder seine Stimme gegen die kriegstreiberische Politik des Kremls. 2023 hat er mit anderen das Projekt „Heal the Sky“ (Heile den Himmel) initiiert, das vom Krieg und insbesondere von den ständigen Luftangriffen betroffenen Kindern in der Ukraine helfen soll, indem ihnen die Einnahmen aus einer unter diesem Titel herausgebrachten Songsammlung zugutekommen.
Ein Repräsentant des „anderen Russlands“
Bei den Beiträgen über Grebenschtschikow im Rahmen des Poetry Day auf Literaturplanet wird der Fokus auf dessen Liedern aus den 1990er Jahren liegen. Der Grund dafür ist die intensive Auseinandersetzung mit Kultur und Geschichte, Vergangenheit und Zukunft des eigenen Landes, die sein damaliges Werk durchzieht. Dies macht es aus heutiger Sicht besonders interessant, da es so auch Begründungsansätze für die spätere Entwicklung Russlands liefert.
Daneben verweisen Grebenschtschikows Texte aber auch immer wieder auf andere für die russische Literatur- und Kulturgeschichte zentrale Werke. Viele seiner Songs sind damit auch eine Einladung in die Schatzkammer der russischen Literatur. Auf diese Weise ist Grebenschtschikows Werk ein Gegenentwurf zu der Unkultur, mit der die Geheimdienst-Clique im Kreml derzeit das Land überzieht.

Bilder: Iasaffa: Sterntaler (Pixabay); Igor Múchin: Boris Grebenschtschikow beim Verlassen einer Telefonzelle in Leningrad (Sankt Petersburg), 1987 (Wikimedia commons)
