Eine literarische Reise in vier Etappen mit Zacharias Mbizo
1. Etappe: Das vom Tod geschenkte Leben
Zu Zacharias Mbizos Novelle Glücklose Heimkehr – Der Tote, der den Mord an sich aufklärte ist eine neue Audiofassung verfügbar. Aus diesem Anlass machen wir den Text in den nächsten vier Wochen zum Ziel unserer literarischen Reise auf LiteraturPlanet.
Worum es geht
Im Wartesaal des Todes angelangt, beschleicht Achmet Achmedi das Gefühl, vor der Zeit aus dem Leben abberufen worden zu sein. So erwirkt er die Erlaubnis für eine vorübergehende Rückkehr in die Welt, um den mutmaßlichen Mord an sich aufzuklären.
Leseprobe: Im Amtszimmer des Todesengels
Im Amtszimmer des Todesengels bestanden alle Wände aus Glas, auch die Decke und der Fußboden, so dass der Blick sich überall im leuchtenden Blau des Himmels verlor. Es war mir, als würde ich in der Luft schweben. Anscheinend war der Raum wie eine Wabe an das übrige Gebäude angebaut und mit diesem nur verbunden wie ein Schwimmer, der gerade dabei war, sich vom Beckenrand abzustoßen.
Mir gegenüber, bis zur Hüfte verdeckt durch eine Art Theke, erblickte ich eine Gestalt, welche die gravitätische Anmut eines Apostels und gleichzeitig die Strenge eines Todesengels ausstrahlte. Über dem bodenlangen Gewand, das den Körper umspielte wie eine sich ständig erneuernde Welle, schimmerte mir ein faltenfreies Gesicht entgegen. Die Haut war so zart, dass sie fast schon transparent wirkte, wie bei einer Fata Morgana.
Das Tun der anmutigen Gestalt war allerdings weit profaner, als es das grazile Äußere vermuten ließ: Sie blätterte erkennbar gelangweilt in einem Aktenordner. Ich wunderte mich, dass mir nicht – wie in solchen Fällen üblich – angeboten wurde, Platz zu nehmen. Dann jedoch stellte ich fest, dass es in dem ganzen Raum nirgends Sitzgelegenheiten gab. Auch mein Gegenüber schien hinter seinem Arbeitsplatz zu stehen – auch wenn ich nicht erkennen konnte, ob die Füße den Boden berührten.
„Haben Sie sich schon in das Buch des Todes eingetragen?“ fragte mich die Gestalt unvermittelt, als sie meine Akte gefunden hatte. Als sie mir in die Augen sah, traf mein Blick auf ein Blau, dessen Makellosigkeit an die absolute Leere grenzte.
Mir wurde schwindlig. Es war, als würde ich in einen tiefen, grundlosen Brunnenschacht blicken.
„Nein“, murrte ich, verärgert durch die Beiläufigkeit, mit der man mir diese Ungeheuerlichkeit abverlangte. „Und ich werde das auch nicht tun.“
Mein Gegenüber neigte den Kopf leicht zur Seite. „Dann haben Sie also noch nicht Ihren Frieden gemacht mit dem Unabänderlichen?“
„Wie könnte ich meinen Frieden machen mit etwas, das ganz und gar unfriedlich ist?“ fragte ich unwirsch zurück.
Ein Anflug von Ironie huschte über das durchscheinende Gesicht. „So-so … Dann haben wir es hier also mit einem passionierten Empörer zu tun? Mit jemandem, der sich auch gegen das Unausweichliche auflehnt?“
„Ganz richtig!“ bekannte ich. „Denn nur so bekommt das Leben einen Sinn.“
„Und wie kommen wir in diesem speziellen Fall zu der Ehre, das Objekt Ihrer Auflehnungsbegierde zu sein?“ wurde ich aus dem leuchtenden Nebel heraus gefragt.
Ich wollte wieder zu einer allgemeinen philosophischen Erklärung ausholen, doch genau in diesem Moment blitzten Bruchstücke meiner verschüttet geglaubten Erinnerung in mir auf. Ich sah mich vor einem großen Spiegel sitzen, ich war ich selbst und zugleich jemand anderer, meine Hand streckte sich nach einem Glas aus, ich trank daraus, ein bitterer Geschmack legte sich um meine Zunge …
Obwohl es mir nicht gelang, die Erinnerungssplitter zu einem Ganzen zu ordnen, bestärkten sie mich doch in der Gewissheit, zu Unrecht an diesen Ort entführt worden zu sein. „Meine Zeit war noch nicht gekommen“, erwiderte ich daher mit fester Stimme. „Man hätte mich der Welt noch nicht entreißen dürfen.“
„Hm“, murmelte mein Gegenüber, sich mit den Fingern über das Säuglingskinn streichend. „So etwas kann im Grunde gar nicht passieren … Die Zeit kommt immer dann, wenn sie kommen muss.“
„Ach was“, wischte ich den Einwand beiseite. „Jeder macht mal Fehler.“
„Nun gut“, gab die Gestalt schließlich nach. „Wenn Sie durchaus der Meinung sind, dass hier etwas nicht korrekt abgelaufen ist, müssen Sie einen Antrag auf Abberufungsüberprüfung stellen. Ich mache Sie allerdings darauf aufmerksam, dass Sie dafür in die Kammer der Erinnerung hinabsteigen müssen.“
Müssen? Ich war doch nur froh, wenn man mir das zurückgab, was man mir gestohlen hatte!
„Na und?“ entgegnete ich daher achselzuckend. „Ich wüsste nicht, was mich davon abhalten sollte.“
Ein vieldeutiges Lächeln war die Antwort. Dann sah ich, wie feingliedrige Finger in einen Aktenordner glitten und ein unscheinbares Antragsformular herauszogen. Sobald ich das Dokument, das sich seltsam ledrig anfühlte, berührte, war es, als würde sich der Boden unter mir auftun. Ich fiel und fiel, ich stürzte durch einen Abgrund, der wie ein Tor zu einer anderen Welt war.
Dann war es auf einmal ganz dunkel um mich her. Offenbar war ich in der Kammer der Erinnerung angekommen.
Podcast, erste Episode:
Mühsam tastet Achmet sich in seine alte Welt zurück. Dabei muss er feststellen, dass er sich zwar wieder lebendig fühlt, für andere aber inexistent bleibt.
Interview mit Zacharias Mbizo (PDF, S. 27 – 32)
Bild: Odilon Redon: Melancholie