Die Geisterfähre

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/21

Nach längerem Herumirren im Wald gelangt Jonathan an einen Fluss. Dieser kommt ihm zunächst bekannt vor – bis eine Fähre mit seltsamen Passagieren am Ufer anlegt (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).

Als ich mich dem Flussufer näherte, fiel mein Blick auf ein kleines Boot, das geradewegs auf mich zusteuerte. Es schien sich um eine Fähre zu handeln. Bei genauerem Hinsehen meinte ich sogar den Fährmann zu erkennen, auf dessen Kahn ich seinerzeit nach Bacharach gelangt war. Jedenfalls wirkte er genauso zerzaust und ungepflegt wie der Schiffer, der mich damals übergesetzt hatte.
Außerdem entdeckte ich auf dem Boot mehrere weiße Laken. Ich nahm daher an, dass es sich bei den Fahrgästen um die Wäscherinnen vom gegenüberliegenden Ufer handelte. Wie freute ich mich, endlich auf Menschen zu treffen, die ich zu all den merkwürdigen Vorgänge befragen könnte!
Der Kahn hatte das Ufer schon fast erreicht, da bemerkte ich plötzlich, dass es sich bei den Laken keineswegs – wie ich zunächst vermutet hatte – um schmutzige Wäschestücke handelte. Nicht nur waren sie dazu viel zu weiß. Sie waren vielmehr auch ständig in Bewegung, und zwar ganz von selbst, ohne dass jemand sie ausgeschüttelt hätte.
Erst nach längerem Hinsehen begriff ich, dass die Laken offenbar den Passagieren als Umhänge dienten. Wollten sie sich damit etwa gegen die Kälte schützen? Aber warum waren sie dann vollständig in die Laken eingewickelt? Selbst für ihre Gesichter waren ja nur schmale Sehschlitze ausgespart!
Das Ganze begann mir unheimlich zu werden. Unwillkürlich trat ich ein paar Schritte zurück und beobachtete das Geschehen aus einigen Metern Entfernung.
Sobald die Fähre angelegt hatte, stiegen die Fahrgäste an Land. Ohne sich an den Laken zu stören, die der Bewegung doch hinderlich sein mussten, näherten sie sich der Stadt, deren Mauern unweit des Flusses in die Dunkelheit ragten. Ich gab mir einen Ruck, trat auf einen von ihnen zu und fragte ihn höflich, wo ich mich befände.
Der Angesprochene beachtete mich jedoch gar nicht, sondern ging unbeirrt weiter seines Weges. Nicht anders erging es mir bei dem nächsten Reisenden, dem ich mich näherte, und auch bei dem übernächsten war es nicht besser.
Entmutigt blickte ich den seltsamen Gestalten nach, wie sie in ihrer stummen Prozession auf das Stadttor zustrebten. Je näher sie dem Tor kamen, das sie mit unwiderstehlicher Macht anzuziehen schien, desto leichter wurden ihre Schritte, bis es beinahe aussah, als schwebten sie über dem Boden. Gleichzeitig verschwammen ihre ohnehin schon undeutlichen Umrisse zu bloßen Schemen, als die sie schließlich zum Tor hineinglitten.
Ein kalter Schauer lief mir über den Rücken. Ich beschloss, den Fährmann zu bitten, mich ans andere Ufer mitzunehmen. Doch es war zu spät. Als ich mich umdrehte, war er mit seinem Kahn bereits weit draußen auf dem Fluss. Kurz darauf verschwand er vollends am Horizont der schier unendlichen Fläche, zu der sich der Strom an dieser Stelle weitete.

Podcast, Episode 21: Nachdem er zunächst in der Geisterstadt weiter das Treiben der schwerelosen Gestalten verfolgt hat, gelangt Jonathan zu einer Burg, in der merkwürdige Dinge vor sich gehen. Derweil erfährt Carola von Philippine etwas, das sie sprachlos macht.

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