Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/19
Der jüdische Straßenhändler Gershom in einem Gespräch mit Carola:
Als ich ungefähr so alt war wie Sie jetzt, bin ich einmal in einer ähnlichen Situation zu meinem Rabbi gegangen. Er hat mir aufmerksam zugehört, und dann hat er zu mir gesagt: „Soviel du den Kot auch rührst – es bleibt doch immer Kot. In der Zeit, in der du ihn begrübelst, kannst du doch auch Perlen aneinanderreihen, dem Himmel zur Freude.“
Sich durch seinen langen Bart fahrend, bekannte er: „Ich fühlte mich damals zunächst nicht ernst genommen von meinem Rabbi. Später habe ich aber verstanden, dass es in manchen Situationen tatsächlich besser ist, erst einmal Abstand zu gewinnen, ehe man sich einem unangenehmen Erlebnis wieder zuwendet. Ansonsten besteht die Gefahr, dass dieses eine Macht über uns gewinnt, die weit über seine ursprüngliche Bedeutung für unser Leben hinausgeht.“
„Jedes Jetzt“, hat mein Rabbi damals zu mir gesagt, „hat seinen eigenen Dienst, und jeder muss seinen Dienst selber vollbringen.“ Alles, was ich Ihnen raten kann, ist demzufolge, Ihr momentanes Jetzt nicht zu versäumen, indem Sie seinen Anforderungen aus dem Weg gehen. Denn da jeder Augenblick einzigartig ist, weil er vor der Erschaffung der Welt nicht war und nie wieder sein wird, kann das Jetzt, in dem wir uns zu einem bestimmten Zeitpunkt unseres Lebens befinden, auch nie von einem späteren Jetzt aufgewogen werden, sollten wir blind an ihm vorübergehen.
Gott – gelobt sei er – kann als das absolut Vollkommene doch nichts anderes sein als die reine Freude. Also kommen wir ihm am nächsten, wenn wir in die Freude, als die er uns in der Schöpfung begegnet, in möglichst vielen Augenblicken unseres Lebens mit einstimmen. Jene Lehren, in denen die Fleischeslust und alle Freuden dieser Welt als Teufelswerk verdammt werden, führen jedoch gerade dazu, dass wir ein schlechtes Gewissen haben, wann immer wir uns an der Schöpfung erfreuen. Dies aber entfernt uns von dem Allmächtigen, anstatt uns seiner Wahrheit näherzubringen.
Wenn es so etwas wie ein luziferisches Prinzip gibt, scheint mir dieses eher in unserem Denken beheimatet zu sein als in der von Gott – gelobt sei er – geschaffenen Welt. Ich würde es als bösen Trieb bezeichnen, der uns dazu verleitet, die Vollkommenheit der Schöpfung zu bezweifeln. Aber selbst dieser böse Trieb ist gottgewollt, sonst könnte es ihn gar nicht geben. Die begehrende Glut, die in ihm liegt, spornt uns dazu an, die Harmonien der Schöpfung mit unserem Denken zu erkunden und sie so besser zu verstehen.
Die Worte Gershoms beruhen teilweise auf Ausführungen des aus Miedzybórz (Polen) stammenden Rabbis Israel ben Elieser (um 1700 – 1760) und ihm nahestehender Rabbiner. Der als Begründer des Chassidismus, einer ostjüdischen Bewegung zur Erneuerung des orthodoxen Judentums, geltende Wanderprediger wird unter dem Würde¬namen Baal-Schem-Tow („Meister des guten Namens“) verehrt. Ein ausführlicher Zitatenachweis findet sich im Materialienband zu dem Roman auf S. 127 ff.

Podcast, Episode 19: Vollständiger Besuch von Carola bei Gershom; außerdem: ein Brief von Friedrich – und: Lina ist verschwunden!

Materialband zum Roman:
Bild: Hipolit Lipiński (1846 – 1884): Fliegender jüdischer Händler aus Osteuropa (Wikimedia commons)