Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/17
Bei einem Maskenball meint Jonathan zu erkennen, wie ein verkleideter Mönch die von ihm gesuchte Eleonore entführt. Kurzentschlossen eilt er ihm hinterher.
Über einen schmalen und steinigen Weg trug der falsche Mönch meine Eleonore hinauf zu der Burgruine, die auf einem Hügel über der Stadt thronte. Es war sehr windig, so dass ich auf dem glatten Pfad mehrfach ins Rutschen geriet. Einmal strauchelte ich sogar und riss mir das Knie an einem vorragenden Felsbrocken auf.
Endlich erreichten wir die Burgruine. Hier hoffte ich den Unhold, der meine Eleonore wie eine willenlose Puppe geschultert hatte, zu stellen. Anders als ich gedacht hatte, bogen wir allerdings nicht in den ehemaligen Burghof ein, wo ich – in irgendeinem verlassenen Tunnel oder Kellergewölbe – das Versteck der Bande vermutet hatte. Vielmehr ging es außen an den Burgmauern vorbei, einen Pfad entlang, der sich zum höchsten Punkt der Burg hinaufschlängelte.
Ein heftiger Windstoß empfing mich, als ich die kreisrunde Anhöhe, die noch die mächtigen Ausmaße des einstigen Wehrturms erahnen ließ, betrat. Tief unter mir wand sich der Rhein durch das Tal, das sich in der Dunkelheit wie der Schlund eines mächtigen Raubtiers vor mir auftat. Ich schüttelte meine momentane Benommenheit ab und wandte wieder alle Aufmerksamkeit der schwarzen Gestalt zu. Mit dem menschlichen Bündel zu einem einzigen großen Schatten verbunden, huschte sie geradewegs auf das Ende der ringförmigen Mauer zu.
Sobald der falsche Mönch den Rand der Anhöhe erreicht hatte, drehte er sich abrupt um und lief auf eine Stelle in der Mauer zu, die sich schräg hinter mir befand. Dabei blies ihm der Wind direkt ins Gesicht, so dass seine Kapuze nach hinten gedrückt wurde.
Ich blickte in ein hageres, ausdrucksloses Gesicht, dessen Züge in einem spöttischen Grinsen erstarrt zu sein schienen. Wie gebannt starrte ich in die dunkelleuchtenden Augen. So bemerkte ich zu spät, wie der auf mich zueilende Schatten zur Seite glitt und an mir vorbeihuschte. Als ich mich nach ihm umdrehte, sah ich ihn nur noch in der Mauer verschwinden.
Ich ging natürlich davon aus, dass sich an der Stelle eine Tür befinden müsse, die mir nur noch nicht aufgefallen wäre. Aber so angestrengt ich auch suchte, ich konnte nichts dergleichen entdecken. Noch nicht einmal den kleinsten Spalt fand ich in der Mauer.
Kurzentschlossen lief ich bis zum Rand der Anhöhe und rannte von dort auf eben jene Stelle zu, in der ich den Entführer mit seiner Beute hatte verschwinden sehen. Vielleicht blieb die Tür ja durch irgendeine List unsichtbar und tat sich erst auf, wenn man mit voller Wucht gegen sie stieß.
Zwar bemerkte ich nicht, dass sich eine Tür öffnete, als ich – ungebremst – auf die Mauer prallte. Ich spürte jedoch deutlich, wie mich die Steine in sich aufnahmen, sobald ich sie berührte. Nur fühlten sie sich gar nicht an wie Steine. Eher hatte ich den Eindruck, von einer weichen Masse umschlossen zu werden, in der ich langsam, unendlich langsam versank. Gleichzeitig war es mir, als würde ich mich darin ausbreiten, als würden sich meine Glieder überall in der weichen Masse verteilen, wie ein ins Wasser fallender Tropfen. Ich war der Tropfen, aber zugleich auch das Wasser, dessen Wellenbewegungen sich als gleichmäßiges Kribbeln auf meine Haut übertrugen.
Am Ende fand ich mich auf der moosbedeckten Lichtung eines Waldes wieder. Der Wind hatte sich gelegt, stattdessen lag ein dichter Nebel über allem, der jede Orientierung unmöglich machte. Von Eleonore war nicht die geringste Spur zu sehen. Obwohl es mir aber schien, als hätte ich sie für immer verloren, fühlte ich mich ihr doch gerade in dem Moment so nahe wie nie zuvor.
Podcast, Episode 17: Bei einem Maskenball zum Beginn der Karnevalssaison wird Jonathan in eine Protestaktion gegen die französische Besatzung verwickelt. Unter den Protestierenden meint er zwei bekannte Gesichter zu erkennen.
Bild: Die Ruine der Bacharacher Burg Stahleck im Jahr 1840; Stahlstich eines unbekannten Künstlers; aus: Stüber, Heinrich: Burg Stahleck über Bacharach. Von der Stauferburg zur Jugendherberge, Bacharach 2004: Verein für die Geschichte der Stadt Bacharach und der Viertäler (Wikimedia commons).
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Sehr informativ
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