Die Liebe – ein luziferischer Abgrund

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/16

Nach einer enttäuschenden Liebesnacht macht Carola sich Gedanken über die Natur der Liebe und ihr ebenso göttliches wie luziferisches Wesen.

Nach der Nacht mit Friedrich war für Carola nichts mehr wie zuvor. Nicht nur hatte die Liebe jeden Zauber für sie verloren. Auch alles andere stand für sie auf einmal in Frage – Gott, die Schöpfung, die Natur, die ganze Ordnung der Welt.

Wenn wir uns schon, fragte sie sich, mit dem Körper eines geliebten Menschen vereinigen müssen: Warum muss dies dann ausgerechnet in der Mitte des Körpers geschehen? An derselben Stelle, wo sich der Körper sonst jener übel riechenden Säfte entledigt, die ihn vergiften würden, könnte er sie nicht ausscheiden? Warum erfolgt die Vereinigung nicht über eine innigere Verflechtung der Wangen, der Hände, der Augen?

Und warum waren Menschen überhaupt so beschaffen, dass sie diese körperliche Vereinigung herbeisehnten? Warum konnte nicht schon aus der Vereinigung im Geiste das Neue entstehen? War das nicht ein Beweis für die Unvollkommenheit der Schöpfung, ihr Durchtränktsein mit einer luziferischen Nebenwelt, von der sie für ihre eigene Erneuerung abhängig war – und in die folglich auch die Menschen für das Überleben ihrer Art eintauchen mussten?

Verflüchtigte sich, überlegte Carola, im Akt der körperlichen Hingabe nicht zwangsläufig der Geist – und damit auch das Ich? Hörte man dabei nicht auf, als eigenständige Person zu existieren? Wurden die Liebenden dabei nicht auf willenlose Körper reduziert, die von einem naturhaften Trieb regiert wurden?

Als der wahre Sinn der Selbstvergessenheit in der körperlichen Ekstase erschien es damit doch, das Tor des Ichs zu öffnen für den luziferischen Gegenspieler Gottes, der so den Körper als Instrument für die Reproduktion des Lebendigen nutzen konnte. War Luzifer also ein Diener Gottes – oder war es nicht eher umgekehrt?

Carola jedenfalls empfand den inneren Zwang, die Liebe körperlich werden zu lassen, um sie in den Dienst einer Erneuerung der Schöpfung zu stellen, als ungeheure Selbsterniedrigung. Am unerträglichsten erschien es ihr, dass man dabei dem, was man liebte, mit Gewalt begegnen musste. Denn die Bewegungen, durch welche die körperliche Vereinigung das Neue hervorbrachte, waren ja der bewussten Kontrolle entzogen. Das Stoßen und Sich-Hineinbohren in die Geliebte, das Aufsaugen und Verschlingen des Geliebten – auf all das hatten die Handelnden selbst keinen Einfluss. Sie mussten sich einem Rhythmus ergeben, der sie überwältigte wie der Wasserfall den Strom.

Trug damit, fragte sich Carola, nicht gerade die höchste, zarteste Form der Annäherung zweier Menschen aneinander – die Liebe – von Anfang an den Keim ihrer Zerstörung in sich? Wurde nicht, je stärker die Liebe war, auch umso schneller und heftiger jener Mechanismus in Gang gesetzt, der die Liebenden zu Automaten degradierte, die einem blinden Willen unterworfen waren? Und zwang dieser Wille sie nicht, die Liebe zu zerstören, indem er ihnen den geliebten Menschen im Augenblick seiner tiefsten Erniedrigung zeigte: als bloßes Medium einer sich selbst fortzeugenden Kraft?

Podcast, Episode 16: Die Liebesnacht Carolas mit Friedrich; außerdem: ein Brief Annies, in dem sie über die Verlegung ihres Regiments an die Front und ein Gespräch mit ihrem Kameraden Sepp über den Freiheitskampf und die Eigendynamik des Krieges berichtet

Bild: Edvard Munch (1863 – 1944): Der Kuss (1897)Oslo, Munch Museum (Wikimedia commons)

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