Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/15
Nach einer Zeit der Enthaltsamkeit beginnt Carola aufs Neue mit dem Tagebuchschreiben. Nun denkt sie darüber nach, welche Bedeutung das Schreiben für sie hat.
Carola über Sinn und Zweck des Tagebuchschreibens:
Eigentlich wollte ich ja mit dem Tagebuchschreiben aufhören … Warum fange ich jetzt also doch wieder damit an? Was treibt mich dazu, andauernd die lebendige Welt in Worte zu verwandeln – in diese toten, abstrakten Zeichen, die letztlich doch mehr verdecken, als sie aussagen?
Ist das etwa eine Flucht vor der Flutwelle des Lebens? Habe ich Angst, unter dieser begraben zu werden, wenn ich sie nicht Tag für Tag mit meiner Zauberfeder berühre?
Natürlich wäre das dann nichts weiter als eine fortwährende Selbsttäuschung – denn in Wirklichkeit ändert sich doch nichts, nur weil ich es in Worte fasse.
Die entscheidende Frage ist deshalb, warum ich so zwanghaft an dieser Selbsttäuschung festhalte. Ein bisschen ist es vielleicht wie bei dem verirrten Wanderer, der vor lauter Verzweiflung mit sich selbst zu sprechen beginnt.
Das Ertönen der eigenen Stimme verschafft ihm die Illusion von Gemeinschaft, weil in der einen Stimme – so verlassen der Sprecher auch sein mag – doch die Stimmen so vieler anderer Menschen mitschwingen. Die Worte, die er spricht, hat er nicht selbst erfunden, und seine Gedanken denken nur andere Gedanken weiter. So ist jedes Selbstgespräch zugleich ein Dialog mit anderen.
Das Schreiben unterscheidet sich davon nur insofern, als das Selbstgespräch hier festgehalten wird und so wieder in den großen Kreislauf des Denkens und Weiterdenkens zurückfließen kann. Und doch stehen alle, die Selbstgespräche führen, an der Schwelle zum Wahnsinn, weil sie an die Stelle des wirklichen Gegenübers ein imaginäres setzen. Wirklichkeit und Traum gehen dadurch nahtlos ineinander über, bis sie schließlich unverwechselbar miteinander verschwimmen und die Betreffenden sich in der wirklichen Welt nicht mehr zurechtfinden.
Aber hilft dem verirrten Wanderer das Selbstgespräch nicht gerade dabei, den aufsteigenden Wahnsinn zurückzudrängen? Wäre dann also nicht auch das Schreiben ein Mittel, die Verstörung des Geistes zu heilen? Oder ist es gerade umgekehrt? Ist das Selbstgespräch bereits das erste Anzeichen der Geistesgestörtheit, so dass diese durch das Schreiben allenfalls aufgehalten, keinesfalls jedoch kuriert werden kann?
Aber vielleicht muss man hier ja auch mehr zwischen dem mündlichen und dem schriftlichen Selbstgespräch unterscheiden. Immerhin weist dieses im Vergleich zu jenem eine strengere Form auf und bewahrt die mit sich selbst Sprechenden so davor, in dem aufgewühlten Meer ihrer Gedanken zu ertrinken.
Hinzu kommt, dass sich das Schreiben ja auch nicht auf das Selbstgespräch beschränkt. Indem ich das Erlebte Schrift werden lasse, erschaffe ich die Welt noch einmal – nicht unbedingt anders oder besser, aber doch so, dass ich sie als meine Welt neu erstehen lasse. In diesem Sinne hätte das Schreiben dann doch sehr viel mit Wahnsinn zu tun – nämlich mit Größenwahn!
Jedenfalls scheint das Schreiben eine Art Sucht zu sein. Als ich in den letzten beiden Wochen versucht habe, davon abzulassen, kam mir plötzlich alles so fade, so bedeutungslos vor – während sich mir, wenn ich schreibe, die Fragmente des Lebens immer wie zu einem großen, bedeutungsvollen Gemälde zusammenfügen. So bin ich nun wieder an meinen Sekretär zurückgekehrt – obwohl ich das deutliche Gefühl habe, dass das Schreiben die Abspaltung von dem „wahren“ Leben, die ich schreibend überwunden glaube, im Endeffekt nur verstärkt.
Podcast, Episode 15: Gerade als Carola in einer Novemberdepression zu versinken droht, erhält sie Besuch von Friedrich. Der Professor erweist sich dabei als erstaunlich heißblütig.
Bild: Anja (cocoparisienne): Handschrift (Pixabay)