Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/14
Um Details am Giebel einer Kapelle genauer betrachten zu können, führt Carolas Bruder Jonathan noch einmal das Fernrohr mit dem unheimlichen Eigenleben an sein Auge. Das hätte er besser nicht getan … (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).
Bericht von Carolas Bruder Jonathan über einen Spaziergang in den Weinbergen oberhalb von Bacharach:
Bei meinem Spaziergang in den Weinbergen fiel mein Blick auf den riesigen Torso einer Kapelle, die man einst für einen angeblich von Juden ermordeten Christenjungen errichtet hatte. Wie die weit aufgerissenen Augen eines Toten starrten die hohen Spitzbögen der Fenster ins Leere. Erfüllt von den ruhelosen Klagen der Unschuldigen, die der Meute der Christen zum Opfer gefallen waren, flutete der Wind durch sie hindurch.
Mein Blick wanderte über die Sträucher, die aus dem Gemäuer herauswuchsen, zu den am oberen Rand der Ruine angebrachten Figuren. Manche davon sahen aus wie Hunde, die durch irgendeinen Zauber zu Stein erstarrt waren, als sie sich eben ins Tal hatten hinabstürzen wollen. Ihre heraushängenden Zungen zeugten von der Anstrengung, mit der sie sich gegen ihre unsichtbaren Ketten stemmten, ließen aber auch die Blutgier spüren, die in ihnen loderte.
Mir graute vor diesen Hunden. Zugleich übten sie jedoch eine Anziehungskraft auf mich aus, der ich mich kaum entziehen konnte. Ich hatte das zwanghafte Gefühl, ihnen in die Augen sehen zu müssen, als wäre darin eine Botschaft verborgen, die nur für mich bestimmt war.
Angestrengt bemühte ich mich, die seltsamen Tiere genauer zu betrachten. Ich beschirmte die Augen mit meinen Händen, stieg etwas weiter nach oben, dann wieder nach unten – aber es war alles vergebens. Die steinernen Wesen waren einfach zu weit entfernt, ich konnte sie nur ungenau erkennen.
Da erinnerte ich mich wieder an das Fernrohr, das ich auf dem Weg nach Bacharach dem fahrenden Händler abgekauft hatte. Entgegen meiner Absicht hatte ich es noch nicht weggeworfen. Es befand sich noch immer in meiner Rocktasche. Ich tastete danach, ließ es eine Zeit lang unschlüssig durch die Finger gleiten, zog es auseinander – und führte es schließlich mit einem Ruck an mein linkes Auge, während ich das andere Auge zukniff.
Kaum hatte das Perspektiv mein Auge berührt, da bereute ich auch schon, was ich getan hatte. Ein Wirbelwind riss mich mit sich fort, während ich gleichzeitig das Gefühl hatte, wie festgebannt auf meinem Platz zu stehen. Zutiefst erschrocken, versuchte ich das Fernrohr wieder von meinem Auge herunterzureißen, aber es hatte sich daran festgesogen wie ein Blutegel.
Als ich das andere Auge öffnen wollte, um meine Handlungsfreiheit wenigstens teilweise zurückzugewinnen, erwies sich auch das als unmöglich. Es war so fest verschlossen, dass es mir schien, als wäre das Augenlid mit der Pupille verwachsen. So blieb mir nichts anderes übrig, als mich in den Bilderstrudel hineinziehen zu lassen, der durch das Perspektiv auf mich einströmte.
Im nächsten Augenblick starrte ich in einen Abgrund, der so tief war, dass er kein Ende zu nehmen schien. Ich hatte den deutlichen Eindruck, in eine weitläufige Gruft geraten zu sein, die Tausende von Menschen in ewiger Dunkelheit umschloss. Ein heftiges Schwindelgefühl ergriff mich. Verzweifelt suchte ich den Abgrund nach irgendwelchen Umrissen ab, an denen mein Blick sich festhalten könnte.
Es dauerte eine Zeit lang, bis ich begriff, worauf das Perspektiv gerichtet war. Erst als ich mich stärker mit den oberen Begrenzungen des Abgrunds befasste, erkannte ich, was es mir zeigte: Ich blickte in das Auge eines der Hunde, die mich dazu veranlasst hatten, das verfluchte Perspektiv aus der Tasche zu ziehen.
Gerade wollte ich – erleichtert, dass der furchtbare Abgrund nur ein Produkt meiner überreizten Phantasie gewesen war – aufatmen, da schien es mir plötzlich, als geriete das Auge des Hundes in Bewegung. Zunächst dachte ich noch, es handle sich lediglich um eine Sinnestäuschung, die sich aus dem Zittern meiner Hand ergebe. Dann aber wurde das Auge immer kleiner, bis schließlich das zweite Auge daneben deutlich zu erkennen war. Auch dieses schien voller Leben zu sein.
Gleichzeitig vernahm ich ein ungeduldiges, lüsternes Schnaufen, das – daran konnte kein Zweifel mehr bestehen – dem aufgerissenen Rachen des Untiers entströmte. Erst jetzt bemerkte ich, dass der Hund nicht mehr an der Fassade des Kapellentorsos klebte, sondern zusammen mit den anderen zuvor dort angeketteten Bluthunden durch die Luft jagte. Ich zuckte zusammen – es war ein schauderhafter Anblick! Das Schlimmste daran war jedoch die Gewissheit, dass niemand anderes als ich es gewesen war, der die wilde Horde mit dem Blick durch das Perspektiv befreit hatte.
Was hatte ich nur angerichtet! Getrieben von ihrem jahrhundertelang zurückgestauten Blutdurst, fielen die Hunde in die Stadt ein und zerrissen jeden in Stücke, den sie zu fassen bekamen. Nichts und niemand war vor ihnen sicher. Alles zermalmten sie zwischen ihren gewaltigen Kiefern.
Es dauerte nicht lange, da war die ganze Stadt nur noch ein einziger großer Kessel, in dem die Hunde sich ihren Eintopf aus Menschenleibern zubereiteten. Ein Zischen und Gluckern, Schmatzen und Gurgeln drang von dort zu mir herauf, begleitet von einem widerlichen Schwefelgeruch.
Wie gebannt starrte ich in den Kessel hinein, in dem die Blutsuppe immer schneller zu kreisen begann. Alles verschwamm darin zu einer einzigen unförmigen Masse, die sich haltlos um sich selbst drehte. Je gleichmäßiger aber die Bewegungen der Strudel wurden, desto mehr schien es mir, als zeichneten sich darin die Züge eines Gesichts ab – eines schmalen, eingefallenen Gesichts, um das jemand seine Hände presste.
Eine solche Anstrengung lag in dieser Haltung, dass es schien, als müsste der Kopf ohne die stützenden Hände auseinanderbrechen. Die Augen waren weit aufgerissen, ebenso der Mund, aus dessen dunkler Höhle ein erstickter Schrei herausbrach.
Ich erschrak heftig. Denn plötzlich erkannte ich: Dies war mein eigenes Gesicht, ich selbst war es, dessen Kopf so von Schmerzen zerrissen wurde, dass ich glaubte, ihn krampfhaft zusammenhalten zu müssen, nur dass meine Hände an das Fernrohr gebunden waren.
Torso einer Kapelle: Gemeint ist die Wernerkapelle. Diese wurde von 1293 bis 1426 als Reaktion auf einen angeblichen Mord von Mitgliedern der jüdischen Gemeinde an einem Christenjungen errichtet. Den antisemitischen Ausschreitungen, die auf die Gerüchte folgten, fielen über 40 Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer. Heinrich Heine hat das Geschehen in der Erzählung Der Rabbi von Bacherach (1840) verarbeitet.
1689, bei der Sprengung der oberhalb der Kapelle gelegenen Burg Stahleck im Pfälzischen Erbfolgekrieg, wurde auch die Wernerkapelle stark beschädigt und verkam in der Folge zur Ruine.
Podcast, Episode 14: Vollständiger Brief von Jonathan an seine Schwester Carola; außerdem: Philippine, Carolas Mitbewohnerin im Damenstift, erlebt eine heiße Liebesnacht – die leider ganz anders endet, als sie es sich vorgestellt hat.

Bild: Foto von der Wernerkapelle in Bacharach, mit Hilfe von KI bearbeitet