Der Zauberstab der Liebe

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/12

„Die Liebe ist wie ein Spiegel, der uns unsere verborgenen Möglichkeiten enthüllt.“ Ein Gespräch Carolas mit ihrer Schwester Lina über die verändernde Kraft der Liebe (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).

Verwundert blickte Carola auf die Veränderungen, die mit ihrer Schwester Lina vor sich gegangen waren. Seit sie Antoine begegnet war, hatte ihr ganzes Wesen eine Art Metamorphose durchlaufen.

Auch ihr Körper strahlte eine größere Lebendigkeit aus als früher. Es war, als hätte er das Gefängnis verlassen, in das die Krankheit – die Tuberkulose – ihn eingesperrt hatte. Dies ging zugleich mit einer größeren Freiheit des Geistes einher: Die Ketten, die diesen an den körperlichen Verfall gebunden hatten, schienen gelöst zu sein.

Neulich, als Carola mit ihrer Schwester in ihrer kleinen Sofaecke saß, hatte sie ihr ihre Beobachtungen mitgeteilt. Lina lächelte amüsiert – halb, weil ihr Carolas Überlegungen offenbar gefielen, halb, weil sie sich eben immer noch als deren große Schwester fühlte, die auf tiefgründige Überlegungen der Jüngeren wie die Mutter auf ein philosophierendes Kind reagiert.

„Ich denke, deine Gedanken treffen einen wahren Kern“, sagte sie schließlich, wieder ernster werdend. „Die Liebe scheint in der Tat immer das Andere in einem Menschen hervorzubringen. Dadurch, dass wir in der Liebe ganz auf einen anderen Menschen gerichtet sind, lösen sich die Fesseln, an die unser Ich gebunden ist, und wir nehmen selbst eine andere Gestalt an.“

Nach Worten tastend, ergänzte sie: „Man könnte also sagen, dass wir … dass wir dann gewissermaßen aus uns heraustreten und in uns selbst wie … wie in einen Spiegel blicken, der uns unsere verborgenen Möglichkeiten enthüllt. So hilft uns die Liebe, uns zu häuten: Sie zeigt uns das andere Ich, das wir auch sind, und verleiht uns zugleich den Mut, uns diesem anzunähern.“

Während Lina an der Milch nippte, die ihre Tante ihnen gebracht hatte, fragte Carola: „Hast du dich denn auch schon ‚gehäutet‘, wie du es nennst? Ich meine: Wie sieht denn für dich persönlich dieses ‚andere Ich‘ aus, das die Liebe in uns weckt?“

„Das ist schwer zu sagen“, entgegnete Lina. „Um die Veränderungen, die mit mir vorgehen, ganz erfassen zu können, müsste ich sie ja schon durchlaufen haben. Ich müsste bereits an dem Ziel angelangt sein, zu dem die Liebe mich führt. Dort aber werde ich nie ankommen, weil die Liebe in ihrem Wesen unendlich ist.“

Nach kurzer Überlegung setzte sie hinzu: „Mir scheint deshalb, dass wir uns in der Liebe immer selbst voraus sind. Das, was sie aus uns macht, verbleibt stets in einer Art Schwebezustand: Ich bin es, zugleich bin ich es aber auch wieder nicht. Denn wenn ich es wäre, wäre ich ja wieder auf ein bestimmtes Ich festgelegt, was ein sicheres Zeichen für das Ende der Liebe wäre.“

Sie setzte ihre Tasse ab und schenkte sich etwas Milch nach. Nachdenklich die Tasse in ihren Händen haltend, sinnierte sie dann: „Das ist auch der Grund dafür, dass sich das, was die Liebe in uns zum Leben erweckt, nicht in Worte fassen lässt. Es kann keine Worte dafür geben, weil es das ganz Andere ist – und das wäre es eben nicht mehr, wenn man es problemlos benennen könnte.“

Vorsichtig nahm sie einen Schluck von der noch immer heißen Milch. „Außerdem“, setze sie dann ihre Überlegungen fort, „sind die Veränderungen, die sich durch die Liebe vollziehen, ihrem Wesen nach grenzenlos und überschreiten folglich auch die Grenzen der Sprache. Daher kommt vielleicht auch dieses tastende Sprechen der Liebenden, ihr vorsichtiges Sich-Zurechtfinden in einem unbekannten, traumartigen Land, das durch jedes falsche Wort zum Verschwinden gebracht werden könnte.“

„Ehrlich gesagt, kommst du mir doch ein wenig zu liebestrunken vor“, wagte Carola anzumerken. „Mir scheint fast, der Taumel in deinem Kopf überträgt sich auf deine Worte – mir ist schon ganz schwindlig davon!“

Lina lachte. „Da magst du Recht haben. Aber der Taumel gehört nun einmal zur Liebe dazu. Wer ihn nicht ganz auskostet, der wird die Liebe nicht kennenlernen; für den bleibt sie eine geschäftsmäßige Neigung, wie sie in so vielen Ehen vorherrscht. Die unbedingte Liebe erfasst immer den ganzen Menschen und bringt seine gesamte bisherige Welt ins Wanken. Vielleicht ist das wirklich nicht anders als bei einem ordentlichen Branntweinrausch, nur dass die Veränderungen dauerhafter sind.“

Ein Milchhäutchen hatte sich an Linas Lippen geklebt, als sie ihre Tasse geleert hatte. Sie wischte es weg, ohne sich dadurch in ihrem Gedankenfluss stören zu lassen: „Nichts von dem, was man früher für selbstverständlich gehalten hat, bleibt von dem alles verändernden Blick der Liebe verschont: der Alltag, in den du eingebunden bist, der Rhythmus, dem er unterworfen ist, die Werte, die in ihm gelten, die Gebärden, Zeichen und Worte, mit denen man sich in ihm verständigt, das Denken und Deuten, das sich in den Worten abgelagert hat – all das verliert plötzlich seine bisherige Selbstverständlichkeit.“

Sie redete tatsächlich wie im Rausch – viel schneller als sonst, auch viel unbedachter. Carola wollte sie unterbrechen, um ihr Gelegenheit zu geben, wenigstens einmal Atem zu holen zwischen ihren geistigen Höhenflügen, aber sie war nicht zu bremsen.

Mit einem fiebrigen Flackern in den Augen schwärmte sie: „Plötzlich entdeckst du den schwankenden Grund, auf dem du stehst, das Unvollständige dessen, was du bisher für ‚die Welt‘ gehalten hast, auch die vielen kleinen Grausamkeiten, aus denen der Alltag sich aufbaut. Du erschrickst – und erfährst die Sprachlosigkeit der Liebenden, ihr Nicht-mehr-Verstehen des Selbstverständlichen, ihr Stammeln und Staunen: Du erfährst, wie eng die Liebe dem Wahnsinn verwandt ist.“

„Das hört sich nicht gerade nach einer sehr angenehmen Erfahrung an“, kommentierte Carola die Worte ihrer Schwester.

„Nun ja“, räumte sie ein, „vielleicht habe ich es zu sehr aus der Perspektive dessen geschildert, was man hinter sich lässt. In Wirklichkeit ist es natürlich ein sehr befreiendes Erlebnis, wenn man alles mit neuen Augen sehen kann. Das müsstest du doch eigentlich auch schon festgestellt haben.“

Carola nickte, und dasselbe Verschwörerlächeln der Liebenden, scheu und umstürzlerisch zugleich, zeigte sich auf ihren wie auf Linas Lippen.

„Die Gefahr, die ich in der unbedingten Liebe sehe, ist eher ihr möglicher Verlust“, schob Lina nach. „Wer sich einmal ganz einem anderen Menschen hingibt, der erlebt die Verschmelzung seines Ichs mit einem anderen und überwindet so das Gefühl des Ausgestoßenseins aus der Schöpfung, das uns alle von Geburt an umtreibt. In der Liebe kehren wir gewissermaßen zurück in die Hand des Schöpfers, aus der wir in diese Welt entlassen worden sind. Verlieren wir die Liebe wieder, so verlieren wir damit zugleich die Illusion der Rückkehr ins Paradies.“

Linas Stimme nahm plötzlich einen düsteren Klang an: „Deshalb stürzt, wer aus dem Luftschloss der Liebe herausfällt, ins Bodenlose. Eine zweite Vertreibung aus dem Paradies kann kein Mensch ertragen.“

Linas Gesicht glühte vor Erregung. Der furchtbare Gedanke stieg in Carola auf, dass Liebe töten könnte, wenn sie zu stark wäre – ähnlich wie bei manchen Blumen, die sich so hingebungsvoll dem Licht entgegenstrecken, dass sie ihre eigene, viel zu große Knospe nicht mehr tragen können, sobald diese sich zur Blüte häutet: Weil der lebenspendende Wandel über ihre Kraft geht, sinken sie, statt in die allgemeine Feier des Lebens einzustimmen, vor der Zeit zu Boden und verrotten zwischen den Laubresten des Vorjahrs.

Natürlich teilte sie Lina nichts von ihren Gedanken mit, sondern entschied nur still für sich, dass es Zeit sei zu gehen. Sobald sie gegangen wäre, würde Lina sich, so hoffte Carola, vielleicht doch zu Bett legen.

Zum Abschied drückte sie ihre Schwester fester an sich als sonst, so dass sie ihre Rippen spürte, die immer spitzer unter ihrer Haut hervortraten. Sie musste an ein Schilfrohr denken, an ein Schilfrohr im Sommer, wenn der Gewitterwind durch die Gräser fährt. Als sie draußen auf der Straße von einem heftigen Windstoß in Empfang genommen wurde, verspürte sie für einen Augenblick tatsächlich den Drang, zurückzugehen, um Lina vor dem Sturm zu schützen.

Podcast, Episode 12: Bei einer Revolutionsfeier in Bacharach dämmert Carolas Bruder Jonathan wieder in einen seiner berüchtigten Tagträume hinüber. Das ist umso unangenehmer, als sein dortiger Geschäftspartner ein glühender Anhänger der Revolution ist.

Bild: Viktor Michailovitsch Vasnjetsov (Wiktor Michailowitsch Wasnezow, 1848 – 1926): Der fliegende Teppich (nach 1919; Ausschnitt); Moskau, Vasnjetsov-Haus (Wikimedia commons)

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