Der trügerische Duft der Almwiesen

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/8

Annie freundet sich in ihrer Garnison mit dem aus einem österreichischen Bergdorf stammenden Sepp an. Dieser erzählt ihr, wie er nach einem Sommer auf den Almen zur Armee eingezogen wurde (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).

Bericht von Sepp, einem zwangsrekrutierten jungen Bauern aus einem österreichischen Bergdorf:

Den ganzen Sommer habe ich mit den anderen Hirten des Dorfes auf den Almen verbracht. Ein prächtiger Sommer war das! Mit viel Arbeit, wie immer, aber mit nur einem einzigen schwereren Gewitter – und auch sonst gab es nur wenige unbedeutende Zwischenfälle.

Alle Kühe, welche die Bauern im Frühjahr in die Obhut von uns Almhirten gegeben hatten, waren unverletzt geblieben. So hatten wir, wie es Brauch ist, für das Leittier einen Kranz aus Blumen, Gräsern und Bändern geflochten. Mit dem Aufsetzen des Kranzes, der wie eine Krone zwischen den Hörnern des Tieres leuchtete, haben wir allerdings bis zuletzt gewartet. Schließlich wollten wir die Herde nicht zu früh in Unruhe versetzen.

Sobald die Kranzkuh geschmückt war, sind wir – nicht ohne Wehmut – ins Tal abgestiegen, begleitet von dem tausendfachen Gebimmel der Kuhglocken.

Der Abstieg hat mehrere Tage gedauert. Immer wieder mussten wir Geröll beiseiteräumen, das sich durch Steinschlag auf den Wegen angehäuft hatte. Oft glichen die Pfade eher schmalen Graten, von denen es zu beiden Seiten steil bergab ging. Die Kühe haben ganz aufgeregt gemuht, und wir hatten alle Mühe, die Herde in der Spur zu halten.

Zweimal haben wir in halb verfallenen Berghütten übernachtet, immer darauf bedacht, nicht in zu tiefen Schlaf verfallen, um bloß nicht auf den letzten Metern vor dem Ziel noch eine Kuh zu verlieren. Wie leicht hätte eines der Tiere auf dem lose herumliegenden Geröll ausrutschen und sich ein Bein brechen können – und dann hätten wir der Leitkuh den schönen Kranz wieder abnehmen müssen!

Am Nachmittag des dritten Tages waren endlich die ersten Häuser des Dorfes im Tal zu sehen. Sobald man dort das Gebimmel der Kuhglocken hörte, wurden auch schon die Kirchenglocken geläutet. Der Glockenchor im Tal vermischte sich so mit dem der vom Berg herabsteigenden Herde. Für mich war dies der bewegendste Augenblick des ganzen Almsommers. Das ganze Tal hallte von den Glocken wider. Es war ein Wechselgesang wie in der Kirche, nur ohne Worte.

Da der Bauernkalender für den Almabtrieb nur ganz bestimmte Tage vorsieht, war man im Dorf schon auf die Rückkehr der Herde vorbereitet gewesen. Zusätzlich hatten wir einen von uns Hirten vorausgeschickt, der die Rückkunft der Herde zum Rosenkranzfest – dem spätestmöglichen Termin – angekündigt hatte.

Schon diese späte Rückkehr war ein Anlass zur Freude gewesen. Im Jahr zuvor hatte das Wetter uns Almhirten nämlich schon Anfang September – einen ganzen Monat früher – ins Tal zurückgezwungen. Dadurch konnten sie unten im Dorf weniger Heu einlagern, weshalb uns zum Ende des Winters beinahe das Viehfutter ausgegangen wäre.

Im Dorf waren alle Häuser festlich geschmückt. Die Leute standen lachend davor, winkten uns zu und bewunderten den schönen Kranz der Leitkuh. Zwar mussten die Kühe noch den einzelnen Bauern übergeben werden. Von überallher aber lockte uns schon der Duft der Speisen, mit denen man uns am Abend bewirten wollte, während wir vom Sommer auf den Almen erzählen würden.

Voller Wiedersehensfreude bin ich schließlich zum Haus meiner Eltern gegangen. Die Begrüßung fiel allerdings weit weniger überschwänglich aus als in den Jahren davor. Ich habe sogar gemeint, eine seltsam bedrückte Stimmung im Haus wahrzunehmen. Meine Eltern haben zwar nichts gesagt, aber ich habe doch sofort gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung war. Also habe ich sie so lange bedrängt, bis sie mir gesagt haben, was los war.

Mit stockender Stimme haben sie mir erzählt, dass vor Kurzem ein paar Gesandte des Kaisers durch die Dörfer gezogen waren. Sie hatten verkündet, dass jeder Ort, abhängig von seiner Größe und Einwohnerzahl, eine bestimmte Anzahl Soldaten für die kaiserliche Armee abstellen müsse – im Falle von meinem Heimatdorf genau einen.

Daraufhin war der Dorfrat zusammengekommen, um zu beratschlagen, wie man mit der Situation umgehen sollte. Einer schlug vor, sich von der Verpflichtung freizukaufen. Ein anderer glaubte aber gehört zu haben, dass dies neuerdings nur noch den hohen Herren erlaubt sei. In jedem Fall sei es aber so gut wie unbezahlbar.

Als Nächstes hatte jemand vorgeschlagen, das Los entscheiden zu lassen. Aber auch diese Idee verwarf man, denn dies hätte auch Familien mit nur einem Sohn treffen können und wäre daher ungerecht gewesen. Deshalb wurde beschlossen, dass der zu entsendende Rekrut aus der Familie mit den meisten Söhnen kommen solle. Dafür kamen drei Familien in Betracht, unter denen das Los entscheiden sollte. Und dieses Los hat ausgerechnet mich getroffen – und ausgerechnet an einem solchen Freudentag musste ich davon erfahren!

Nachdem ich von meinem Schicksal gehört hatte, fühlte ich mich wie durch eine tiefe Schlucht von den anderen getrennt. Ich spürte, dass ich nicht mehr dazugehörte, dass ich gebrandmarkt war wie der Königssohn im Märchen, der irgendeinen kleinen, aber doch entscheidenden Fehler begangen hatte und deshalb in die weite Welt hinausziehen muss, um das verlorene Glück wiederzufinden – nur dass ich mir keines Fehlers bewusst war.

Am Abend bin ich dann trotzdem mit den anderen von Haus zu Haus gezogen, wo die Familien sich an den Feuerstellen versammelt hatten, um den Geschichten von der Alm zu lauschen. Es waren ja immer dieselben Geschichten. Sie handelten von schwierigen Geburten und ausgerissenen Kühen, von wütenden Gewittern und den wilden Tieren, die wir erfolgreich vertrieben hatten.

Besonders interessierten sich alle für den Bergriesen, der des Nachts heulend um die Almhütten schleicht. Ein angenehmes Schaudern überlief sie, wenn wir ihnen versicherten, ihn auch in diesem Jahr wieder gehört und sogar einen Schatten gesehen zu haben, der wegen seiner Größe zu niemand anderem als dem Bergriesen gehört haben könne.

Auch ich habe mich am Erzählen beteiligt, aber ich hatte doch den Eindruck, dass die anderen sich von mir fernhielten, als würde ich unter einer ansteckenden Krankheit leiden. Aber vielleicht kam mir das auch nur so vor, weil ich mit meinen Gedanken ganz woanders war und so auf die anderen abweisend wirkte.

Jedenfalls habe ich mich früher als sonst bei solchen Anlässen in dem strohgefüllten Bett verkrochen, das ich mir mit meinen beiden älteren Brüdern teile. Die haben sich freilich erst im Laufe der Nacht zu mir gelegt und sind gleich in einen tiefen Branntweinschlaf gefallen. Ich dagegen habe mich trotz der Anstrengungen des Almabtriebs hin und her gewälzt, ohne Schlaf zu finden. Schon am nächsten Morgen sind dann die Gesandten des Kaisers gekommen, um mich zu holen.

Podcast, Episode 8: Carola enthält Briefe von Friedrich, ihrem Schwarm aus Heidelberg, und ihrer Freundin Annie. Beide hinterlassen in ihr ein Gefühl der Beunruhigung, so sehr sie sich auch über die Post gefreut hat.

Bild: Eugène Burnand (1850 – 1921): Stier in den Alpen (1884); Wikimedia commons

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..