Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/4
Carola besucht ihre tuberkulosekranke Schwester Lina. Sie unterhalten sich über den Geist und den Tod, die in Linas Augen beide eine befreiende Wirkung haben können (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).
Das Unangenehme an ihren Besuchen bei ihrer tuberkulosekranken Schwester Lina war für Carola, dass davon in letzter Zeit immer eine Schwermut in ihr zurückblieb, die sich in ihren Adern ausbreitete wie ein langsam wirkendes Gift. Manchmal war es ihr, als wäre Lina gar nicht mehr ihre Schwester, oder schlimmer noch: als wäre sie gar kein Mensch mehr, sondern nur noch ein undefinierbares Etwas, das sich die Maske des Menschseins aufgesetzt hatte und dieses in abstoßender Weise nachäffte.
Es tat ihr weh, so etwas zu empfinden, es tat ihr weh, es zu denken – aber was hätte es für einen Sinn gehabt, sich selbst über die eigenen Gefühle zu belügen?
Das Bild, das Lina bei ihrem schweren Hustenanfall bot, ging Carola einfach nicht aus dem Kopf: ihr Körper, der sich in wilden Krämpfen wand, hin und her geworfen wie von einem übermächtigen, unsichtbaren Schatten, der sie von hinten gepackt hatte und ihre Seele aus ihr herauszuschütteln versuchte; die zerwühlten Laken auf ihrem Bett, ihre zusammengeballten Hände, die sich wie zwei fremdartige Tiere in die Kissen in ihrem Rücken krallten; und natürlich ihr schnappender Atem, der immer wieder aussetzte, verdrängt von einem hektischen, anfallsartigen Husten, der sie fast von innen heraus zerriss, während aus ihrer Lunge ein Gluckern und Rasseln wie von tausend Kieselsteinen drang.
Da Lina wegen ihrer häufigen Kopfschmerzen nur augenschonendes, lindgrünes Papier für ihre Lieblingsbeschäftigung – das Schreiben von Gedichten – benutzte, sah es um sie herum aus wie unter einem Baum, durch den ein starker Wind gefahren war. Wie Miniaturvögel verteilten sich ihre zierlichen Schriftzeichen auf den Blättern, die während ihres Hustenanfalls über das ganze Bett verstreut worden waren.
Es schien Carola eine Ewigkeit zu dauern, bis sich der Husten abschwächte. Nach einer Weile aber war das Schlimmste überstanden, Lina sank schwer atmend in die Kissen zurück.
„Meinst du nicht, du müsstest viel öfter rauskommen aus dieser Kammer?“ fragte sie ihre Schwester vorsichtig, als sie merkte, dass Lina wieder aufnahmefähig war. „Das viele Dichten zehrt doch nur zusätzlich an deiner Gesundheit. Außerdem ersetzt es ja nicht das Bad im wirklichen Leben! Manchmal kommt es mir vor wie ein Pakt mit dem Teufel: Für jedes Stückchen Welt, das der Fürst der Finsternis dich in Dichtung verwandeln lässt, musst du ihm einen weiteren Funken deiner Seele überlassen, bis dein Feuer schließlich ganz erloschen ist.“
Lina setzte sich in ihren Kissen auf und blickte ihre Schwester wie aus weiter Ferne an: „Das Bad im wirklichen Leben …“, wiederholte sie mechanisch. „Wenn du damit Spiel und Tanz, Reisen und Wanderschaft meinst, bin ich davon in der Tat meilenweit entfernt.“
Sie hüstelte noch einmal, dann setzte sie mit schwacher, aber doch fester Stimme hinzu: „Allerdings bezweifle ich stark, dass es sich dabei um das ‚wirkliche Leben‘ handelt. Ich denke, es ist eher umgekehrt: Das, was ich durchmache, bringt mich der Wahrheit des Lebens näher. Alles andere ist nur dazu da, davon abzulenken. Meine Krankheit ist keine Abweichung von der Regel unseres Daseins, sondern sie spiegelt dessen Wahrheit in reinster Form wider. Was ist unsere Existenz denn schon anderes als eine Wunde im Meer des Seins, ein disharmonisches Kräuseln an seiner Oberfläche, das nur durch den Tod geheilt werden kann?“
„Aber du … du kannst doch nicht …“, stammelte Carola betroffen, riss sich dann aber zusammen und bemerkte kopfschüttelnd: „Das hört sich ja fast so an, als würdest du den Tod herbeisehnen!“
Lina lächelte, offenbar belustigt über den kleinen Schrecken, den sie der Schwester mit ihrer Bemerkung eingejagt hatte. „Zumindest finde ich, dass der Gedanke an den Tod etwas ausgesprochen Befreiendes hat“, bekannte sie dann, wieder ernster werdend. „Wenn dich zum Beispiel jemand zu etwas zwingen will, das du unter keinen Umständen mit deinem Gewissen vereinbaren kannst, ist dein Tod doch der entscheidende Trumpf in deiner Hand, der Garant deiner Freiheit.“
„Also wirklich!“ ereiferte Carola sich. „Was ist das denn für eine Freiheit? Wenn ich auf eine Forderung, die ich für unzumutbar halte, mit meinem Freitod reagiere, besteht meine Freiheit doch nur darin, die Strafe selbst an mir zu vollstrecken, die mir sonst im äußersten Fall für meinen Ungehorsam drohen würde!“
Lina schüttelte unwillig den Kopf. „In Extremsituationen – wie beispielsweise im Krieg, wo die Befehlsverweigerung oft gleichbedeutend ist mit der Wahl des eigenen Todes – mag das zutreffen. In den meisten anderen Situationen kann mir aber die Gewissheit, frei über mein Leben verfügen zu können, gerade zu dem Mut verhelfen, mich auch dann gegen Unrecht zur Wehr zu setzen, wenn ich dadurch mein eigenes Leben in Gefahr bringe. Unausgesprochen würde ich sonst nämlich den Wert meines eigenen Lebens höher ansetzen als den jener Menschen, deren Würde durch das jeweilige Unrecht bedroht ist. Und was für eine Rechtfertigung könnte es dafür geben, abgesehen von der animalischen Begründung, dass jeder sich selbst der Nächste ist?“
Linas zartes, eingefallenes Gesicht, das so gar nicht zu dem Heldenmut passte, der aus ihren Worten sprach, glühte vor Erregung. Wie kleine Ausrufezeichen standen ihre schwarzen Löckchen, von dem Hustenanfall heftig durcheinandergewirbelt, von ihrem Kopf ab. Nur an den Schläfen und an der Stirn, wo noch immer einzelne Schweißperlen von der Anstrengung des Hustens zeugten, klebten die Haare an ihrer Haut. Bedrohlich pochend schlängelte sich eine einzelne Ader unter ihrer Stirn entlang.
Carola hatte noch mehr Angst um Lina als zuvor und versuchte daher, beruhigend auf sie einzureden: „Du magst ja Recht haben mit dem, was du sagst“, erwiderte sie. „Aber andererseits: Ist denn dein Leben weniger wert als das anderer Menschen?“
Lina schien den Einwand ihrer Schwester gar nicht wahrzunehmen. Den Blick zur Decke gerichtet, fuhr sie, halb mit sich selbst sprechend, fort: „Für mich selbst spielen all diese Überlegungen im Grunde gar keine Rolle mehr. Niemand zwingt mich zu etwas, niemand stellt Forderungen, die ich nicht erfüllen könnte. Trotzdem befreit es mich, an den Tod zu denken. Denn dadurch, dass ich ihn denke, ihn mir ausmale, ihn vorwegnehme, mache ich ihn zu meinem Tod. Die Gewissheit, dass es nur von mir abhängt, meinen Qualen ein Ende zu bereiten, wenn ich sie für unerträglich halte, ist unendlich beruhigend für mich – sie gibt mir meine Unabhängigkeit und damit meine Würde zurück.“
Sie schwieg einen Moment lang. Etwas zögerlich fragte sie ihre Schwester dann: „Sag … Hast du dir noch nie deinen Tod vorgestellt?“
„Nein, und ich lege auch keinen Wert darauf“, entgegnete Carola unwillig. Es ärgerte sie, dass Lina auf der düsteren Thematik beharrte.
Lina ließ sich wieder in die Kissen zurückfallen. „Ich stelle mir meinen Tod als ein völliges Verschwinden vor. Ohne Rest, verstehst du? Ich möchte nicht, dass andere sich um die verrottende Materie kümmern müssen, die von mir zurückbleiben wird. Wenn ich sterbe, soll es wie eine Hochzeit sein, eine Vermählung mit den Elementen, die mich hervorgebracht haben. Unmittelbar, von einem Augenblick zum anderen, möchte ich mich mit ihnen verbinden, in der Art einer erlebten Verwandlung.“
„Und wie soll das konkret aussehen?“ fragte Carola, befremdet über diese makabren Gedankenspiele.
„Ach, da gibt es verschiedene Möglichkeiten“, sagte Lina leichthin. „Denk doch nur an Empedokles und seinen Sprung in den Ätna …“
Verzweifelt versuchte Carola, dieser – wie sie es empfand – Todessehnsucht eine Brücke ins Leben entgegenzusetzen: „Und was wird dann aus deinen Gedichten? Sollen die etwa auch verbrannt werden?“
„Also erstens habe ich nicht gesagt, dass ich mich verbrennen werde“, stellte Lina klar. „Empedokles‘ Sprung in den Bauch des Vulkans habe ich dir nur als Beispiel für ein Ende genannt, wie ich es mir für mich vorstellen könnte. Zweitens ist es mir ganz gleichgültig, was nach meinem Tod mit meinen Gedichten passiert.“
Carola glaubte, sich verhört zu haben: „Wie bitte? Würde es dem Wesen von Gedichten nicht vollständig widersprechen, verbrannt zu werden? Aus jedem einzelnen Vers spricht doch – ganz unabhängig von dem jeweiligen Inhalt – ein Glaube an die Gestaltungskraft des Menschen; daran, dass er mit seinem Geist etwas schaffen kann, das ihn überdauert. Und liegt darin nicht immer auch ein Lob der menschlichen Existenz, die du gerade eben als ‚Krankheit‘ und ‚Wunde‘ geschmäht hast?“
„Meine Existenz ist eine Frucht, die von innen heraus verfault“, erklärte Lina lakonisch. „Das ist die Grundlage meines Denkens, weil es die Grundlage meines Daseins ist. Ich kann diese Tatsache annehmen oder ablehnen – verleugnen kann ich sie aber nur um den Preis einer fortwährenden Unaufrichtigkeit mir selbst gegenüber. Versenke ich mich aber in die verfaulende Frucht, die meine Existenz ist, so kann es mir gelingen, aus ihr das zu befreien, was sich wie die Larve eines kostbaren Insekts darin verbirgt: den Geist.“
Podcast, Episode 4: Vollständiges Gespräch Carolas mit ihrer Schwester Lina.

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Bild: Michail Wrubel (1856 – 1910): Kopf eines Dämons (Skulptur, 1894); Sankt Petersburg, Staatliches Russisches Museum; Foto: Maxim Chlopow (Wikimedia commons)