Ein Sommer mit Annie

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/3

Nachdem Carola und ihre Freundin Annie den Sommer im Haus von Annies Eltern in Winkel am Rhein verbracht haben, kehren beide nach Frankfurt zurück. Dafür steigen sie in Mainz auf das Marktschiff um (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).

Annie war Carolas beste Freundin. Mit ihren 18 Jahren war sie sehr sprunghaft in ihren Einfällen. Für Carola  war sie wie eine kleine Schwester. Als Ältere fühlte sie sich dazu verpflichtet, sie mit vernünftigen Ratschlägen zu versorgen. Wie oft hatte sie die Freundin schon zu mehr Beharrlichkeit in ihrem Tun ermahnt!

Annie aber hatte daraufhin stets nur lachend ihr Lockenköpfchen geschüttelt und ihr entgegnet, so sei das Leben nun einmal: Wer es nicht verfehlen wolle, müsse seine Sprünge mitmachen. Meistens unterstrich sie ihre Ausführungen dann noch mit einer Art Bocksprung, so dass Carola lachen musste und das Thema beendet war.

Wenn sie die Augen schloss, sah sie sich mit Annie auf dem Dach der Kajüte sitzen, die das Marktschiff von Mainz nach Frankfurt der Länge nach durchschnitt. Angesichts der erneuten Besetzung Frankfurts durch die französische Armee hatten sie ihre Abreise aus Winkel, wo sie im Sommerhaus von Annies Eltern den Sommer verbracht hatten, immer wieder hinausgezögert.

Die Briefe, die sie aus Frankfurt erreichten, berichteten von einer gereizten Stimmung, die auch einen erneuten Ausbruch gewalttätiger Auseinandersetzungen denkbar erscheinen ließ. Außerdem war es Carolas Tante dieses Mal nicht gelungen, sich von den Einquartierungen freizukaufen. Carola hätte daher mit den fremden Soldaten unter einem Dach leben müssen, wozu sie natürlich wenig Neigung verspürte.

Mitte August gab Tante Agathe endlich Entwarnung: Es habe ein Abkommen mit General Augereau gegeben, das die Stadt zwar teuer zu stehen komme, jedoch für die nächsten Tage eine Entspannung der Lage erwarten lasse.

Angesichts des bevorstehenden Umzugs von Carola ins Stift hatten sie gleich am nächsten Tag ihre Sachen gepackt und sich zwei Plätze in der Extrapost nach Mainz gesichert. Es hätte zwar auch in der gewöhnlichen Landkutsche noch freie Plätze gegeben, doch erhofften sie sich von der teureren Extrapost ein schnelleres und vor allem etwas bequemeres Fortkommen.

Diese Hoffnung erwies sich jedoch als trügerisch. Aufgrund des heißen Sommertags war es nicht möglich, im geschlossenen Wagen zu fahren, so dass die Fahrt – zumal es lange nicht mehr geregnet hatte – zu einem einzigen Bad im Staub der Landstraße geriet. Sie beschlossen daher, in Mainz in das Marktschiff nach Frankfurt umzusteigen.

Das Schiff war völlig überfüllt, da viele Passagiere ihre Reise nach Frankfurt ebenso wie Carola und Annie aufgrund der unklaren Lage in der Stadt immer wieder aufgeschoben hatten. Auch die Kaufleute hatten angesichts der von den französischen Besatzern verfügten Handelsbeschränkungen lange Zeit von ihren Geschäften mit den Frankfurter Partnern absehen müssen.

So traf nun der Vormesseverkehr mit dem lange zurückgestauten regulären Handel zusammen. Die Folge war, dass sich am Bug des Schiffes die Warenballen in so bedenklicher Menge stapelten, dass schon die geringste zusätzliche Fracht zu genügen schien, um das Schiff zum Kentern zu bringen.

In der Kajüte staute sich die Hitze der vergangenen Tage in einer Wolke aus Staub und stickiger Luft. Annie und Carola stellten daher nur kurz ihre Reisekoffer in einer Ecke ab und begaben sich dann an Deck, wo sie sich vom Wind und der vom Wasser aufsteigenden Kühle ein wenig Erfrischung versprachen.

Da die Fahrgäste bereits dicht gedrängt an der Reling standen, kletterte Annie umstandslos auf das längliche Dach der Kajüte, wohin Carola ihr nach einigem Zögern folgte. Um Kühlung zu finden, hätten sie allerdings schon ins Wasser springen müssen. Es war so heiß, dass die Kleider einem nach kurzer Zeit am Leibe klebten.

Annie versuchte zuerst, sich und ihrer Freundin durch wildes Wedeln mit den Armen Luft zuzufächeln. Als auch das nichts half – die Bewegungen führten eher dazu, dass es ihr noch heißer wurde –, rief sie dem Treidler zu: „Hee! Hüü! Immer lustig voran!“

Erwartungsgemäß wandte der Mann ihr aber noch nicht einmal das Gesicht zu. Er war vollauf damit beschäftigt, die Pferde anzutreiben – denn natürlich hätten auch diese weitaus mehr Lust gehabt, sich in den Schatten eines Baumes zu legen und zwischendurch die Nüstern in das taunasse Gras zu tauchen, anstatt das voll beladene Schiff stromaufwärts zu ziehen.

Erschöpft legte Annie schließlich ihren Kopf in Carolas Schoß. Eine Weile lang ruhte sie schweigend in dem Schatten, den der Körper ihrer Freundin auf sie warf. Dann hatte sie plötzlich eine neue Idee. „Komm mit!“ rief sie, indem sie aufsprang. „Mir ist ein alter Regenzauber eingefallen.“

Sekunden später stand sie schon unten an der Reling und spuckte mit großem Ernst drei Mal in den Fluss, dessen regungslose Oberfläche sich daraufhin jedes Mal wie widerwillig kräuselte. Dann vollführte sie mit beiden Händen abwechselnd schwungvolle Bewegungen im Wasser, zu denen sie mit beschwörender Stimme murmelte: „Humbala, bumbala, zumbala, ich rufe den großen Regentrumbala!“ Anschließend begab sie sich zur anderen Seite des Schiffes, wo sie sich aufs Neue in ihre rituellen Handlungen vertiefte.

Zu guter Letzt zelebrierte Annie ihren Regenzauber noch am Bug des Schiffes. Der Schiffsführer, der dort schwitzend das holzlöffelartige Steuer ins Wasser hielt, ermahnte sie jedoch, in ihrem Tun innezuhalten. Er war der Meinung, Annie beleidige durch ihr Verhalten die Reichsfahne, die am äußersten Ende des Bugs schlaff vom Mast herabhing. Aber Annie war so vertieft in ihren Regenzauber, dass die Einwände des Mannes sie gar nicht erreichten.

So packte dieser sie schließlich ziemlich rüde am Arm, um seinen Worten Nachdruck zu verleihen. „Jetz hör aber uff, Mädsche!“ herrschte er sie an.

Darüber erschrak Annie so sehr, dass ihr ein recht lautes Windchen entfuhr. Sie errötete, hatte sich jedoch rasch wieder unter Kontrolle. „O je!“ seufzte sie mit gespielter Betroffenheit. „Jetzt wird es ein Gewitter geben.“

Ebook (Neuausgabe)

Materialienband zum Roman

Podcast, Episode 3: Carola denkt an den Sommer mit ihrer Freundin Annie zurück: an Nachtwanderungen im Nachthemd und Regenzauber auf dem Rhein.

Bild: Das zwischen Mainz und Frankfurt verkehrende Marktschiff, um 1800 (Aqua­rell unbekannter Herkunft); Frankfurt, Historisches Museum

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