Die geheimnisvolle Eleonore

Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens/2

Carolas Bruder Jonathan ist eine merkwürdige Ehe eingegangen: Seine Angebetete hat ihn nur unter der Bedingung geheiratet, dass sie im Winterhalbjahr ihrer eigenen Wege gehen darf (Auszug aus Tina Reuters Roman Waisen des Lebens).

Wenn sie an Jonathans Gattin dachte, sah Carola als Erstes die blauen Teiche ihrer Augen vor sich, in denen ihr Bruder so hoffnungslos versunken war. Carola hatte diese Augen vom ersten Moment an als beunruhigend empfunden – ohne dass sie hätte sagen können, worauf dieses Gefühl beruhte.

Vielleicht war es ja nur die Kombination der blauen Augen mit den pechschwarzen Haaren, die wie das Gefieder mancher Rabenvögel bläulich schimmerten, wenn das Licht der Sonne sie streifte. Oder lag es eher an ihrem langsamen, fast schleichenden Gang, der Carola in ihrem Blick stets etwas Hinterhältiges wahrnehmen ließ, wie bei Flüssen, die ihre Strudel unter einer ruhigen Oberfläche verbargen?

Freilich gab es für ihre Beunruhigung auch prosaischere Gründe. Ebenso wie die anderen Familienmitglieder hatte Carola in Jonathans Hochzeit nicht geringe Hoffnungen gesetzt. Dafür hatte sie auch allen Grund – schließlich genoss ihr Vater aufgrund seiner erfolgreichen Tätigkeit für den Rat einiges Ansehen in der Stadt. Selbst die bedeutenderen Patrizierfamilien hätten wohl ihre Zustimmung nicht verweigert, wenn Jonathan um die Hand einer ihrer Töchter angehalten hätte.

Aber nein, er musste sich ja ausgerechnet in eine Wirtstochter verlieben! Wenn es wenigstens ein Frankfurter Gastwirt gewesen wäre und nicht ein rheinischer Wirt, den in der Stadt niemand kannte. Mürrisch und ganz in Schwarz gekleidet, als müsste er einer Beerdigung beiwohnen, war er zu der schließlich nicht mehr zu verhindernden Hochzeit seiner Tochter angereist. Sein abweisendes Auftreten hatte natürlich auch nicht gerade dazu geführt, dass die anderen Hochzeitsgäste näher mit ihm bekannt werden wollten.

Ein besonderer Schlag war die Verbindung für Carolas Vater gewesen. Angesichts seiner schweren Krankheit hatte sein Arzt ihm eine Kur verordnet. Ausgerechnet auf der Reise zu dem Kurort, bei der Jonathan ihn begleitet hatte, war es zu der Bekanntschaft mit Eleonore gekommen. „Hätten wir doch nur in einer anderen Stadt Station gemacht!“ hatte er wohl an die hundert Mal geklagt.

Schon Jonathans Zuneigung für das fremde, unnahbare Mädchen hatte bei seinen Bekannten Befremden ausgelöst. Vollends auf Unverständnis stieß allerdings Eleonores Ankündigung, Jonathan nur dann heiraten zu wollen, wenn ihr künftiger Gatte sie jeweils für das Winterhalbjahr freigäbe.

Wie alle anderen nahm auch Jonathan diese Forderung zunächst nicht ernst. Wahlweise sah er darin einen seltsamen Spaß, eine Prüfung für ihn oder einfach das Sich-Zieren der Angebeteten, mit dem seine Werbebereitschaft weiter angefacht werden sollte. Als aber Eleonore auf ihrer Forderung beharrte, gab er am Ende nach, in der Hoffnung, sie dadurch noch mehr für sich einzunehmen. Natürlich ging er dabei davon aus, dass sie von ihrem Recht nicht Gebrauch machen würde. Es stellte sich jedoch heraus, dass es ihr bitterernst war damit.

Das Ganze wurde noch dadurch verschlimmert, dass sie keinerlei Gründe für ihr Fortgehen im Winterhalbjahr nannte und Jonathan noch nicht einmal verriet, wohin sie fahren wollte. Sie ließ lediglich durchblicken, dass sie sich zunächst einmal zu ihrem Vater nach Bacharach begeben würde. Was sie dort tun wollte und ob sie die ganze Zeit über bei ihm bleiben würde, sagte sie nicht.

Es war, als folgte sie einem inneren Zwang, als zöge sie irgendetwas mit unwiderstehlicher Macht mit sich fort, so wie die Sonne sich am Ende des Tages dem Sog des Dunkels ergibt und im Schlund der Nacht versinkt. Dieser Eindruck trug natürlich nicht gerade zu Jonathans Beruhigung bei. Vielmehr bestärkte er ihn in seinem Verdacht, Eleonore befände sich in der Gewalt einer fremden Macht, die sie mit irgendwelchen finsteren Drohungen dazu zwang, ihre Gebote zu befolgen.

Podcast, Episode 2: Jonathan berichtet seiner Schwester Carola in einem Brief von dem Abschiedsschmerz, den ihm die alljährliche Trennung von seiner Frau verursacht. Allerdings hat er dieses Mal einen Vorwand gefunden, ihr nachzureisen.

Bild: Emil Krupa-Krupinski (1872 – 1924): Die Lo­reley (1899); Wikime­dia com­mons

Eine Antwort auf „Die geheimnisvolle Eleonore

  1. Avatar von Eva

    Eva

    Ich habe vor einigen Jahren den Roman „Waisen des Lebens“ auf der Leipziger Buchmesse erstanden. Der Roman selbst ist ja ein Tagebuchroman. Es war für mich jetzt spannend, die Handlung in dieser anderen Form zu lesen und vor allem zu hören. Als Leseausgabe gefiel mir die Tagebuchform etwas besser. Ich kann das Buch nur empfehlen. Es lässt einen wirklich eintauchen in die Zeit der Romantik.

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