Der Winter als Schöpfer der russischen Seele

Auszug aus Nadja Dietrichs Roman Das russische Labyrinth

Jahre nach ihrer Russlandreise sinniert Sylvia über die helle und die dunkle Seite der russischen Seele: Hängen beide womöglich mit den harten Wintern zusammen, denen die Menschen dort ausgesetzt sind? (Auszug aus Nadja Dietrichs Roman Das russische Labyrinth)

Da das Schneetreiben noch immer nicht schwächer geworden war, hatte Sylvia beschlossen, ihren für den Abend geplanten Einkauf auf den nächsten Tag zu verschieben. Stattdessen war sie in die Küche gegangen und hatte sich einen Tee aufgebrüht. Nun saß sie, die heiße Tasse zwischen ihren Händen, wieder in ihrem Kuschelsessel und träumte in den Abend hinein.

Schwarzen Tee bereitete sie sich noch immer so zu, wie sie es in Russland gelernt hatte. Sie ließ ihn in einer kleineren Kanne ziehen, stellte diese dann auf den Samowar und goss daraus heißes Wasser auf den Tee. So war die Teezubereitung eine jener Angewohnheiten, durch die ihr Leben auch nach all den Jahren noch immer mit der russischen Kultur verbunden war.

An dem heißen Tee nippend, dachte sie zurück an die Wintertage, an denen sie zwischen dampfenden Teetassen in einer russischen Küche gesessen hatte. Die Wärme, die dabei entstanden war, war ihr fast wie eine immaterielle zweite Haut erschienen, eine Art Membran, durch die sich die Seelentore füreinander geöffnet hatten.

Vielleicht, überlegte sie, war der Winter sogar der wahre Schöpfer der russischen Seele – ihrer hellen wie ihrer dunklen Seite.

Mit seiner unerbittlichen Kälte war er ein Lehrmeister in Sachen Schutzbedürftigkeit. Jahr für Jahr führte er den Menschen aufs Neue ihr existenzielles Ausgesetztsein und ihr Angewiesensein auf die Nähe und Hilfsbereitschaft anderer vor Augen.

Er zeigte ihnen auch, dass der Frost des Daseins vor keinem Reichtum und keinem gesellschaftlichen Rang haltmacht. So lehrte er die Menschen zugleich Bescheidenheit und half ihnen, sich jenseits sozialer Schranken auf einer allgemeinmenschlichen Ebene zu begegnen.

Auf der anderen Seite war die Wahl- und Gnadenlosigkeit, mit welcher der Winter sein Zepter schwang, aber auch ein Vorbild für ein besonders rücksichtsloses, menschenfeindliches Verhalten. Er konnte die Menschen  Mitleid lehren, die leidenschaftliche Hinwendung zum Nächsten. Er zeigte ihnen aber auch, welche Macht über andere diejenigen erlangen konnten, die jedes Mitgefühl für andere in sich abtöteten.

Was Sylvia bis heute fast um den Verstand brachte, wenn sie an Russland dachte, war die Tatsache, dass sich die beiden Vorbildfunktionen des Winters nicht notwendigerweise auf verschiedene Menschen aufteilen mussten. Es war keineswegs eine unumstößliche Regel, dass die einen eine besondere Achtsamkeit, Offenheit und Hilfsbereitschaft für andere an den Tag legten, während andere durch eine gezielte Unterdrückung dieser Regungen Macht über ihre Mitmenschen zu erlangen suchten. Vielmehr konnten sich beide Aspekte der russischen Seele auch problemlos in einem einzigen Menschen vereinen.

Derselbe Mensch, der einem am Abend beim gemeinsamen Teetrinken sein Herz öffnete, konnte dieses am nächsten Morgen, am Bürotisch einer Behörde sitzend, gnadenlos gegenüber anderen verschließen. Abends Hirte, morgens Henker, vorne Madonna, hinten Medusa – das war der Riss, der die russische Kultur durchzog.

Im Alltag hatte Sylvia diesen Riss als eine Art fiebrige Spannung erlebt. Es hatte sich angefühlt wie das Leben auf einem Vulkan: Alles ist ruhig, und doch ist klar, dass die Lava sich irgendwann unter gewaltigen Eruptionen Bahn brechen wird.

Auch dieser Aspekt des Alltags hatte eine Parallele im russischen Winter. Auch bei ihm wusste niemand, wann er seine frostige Pranke auf die Erde sinken lassen und wen er damit treffen würde. Das Ergebnis konnte, wie Sylvia leidvoll erfahren hatte, eine fiebrige Spannung in einem sehr konkreten Sinn sein. An die Fieberträume, die ihr der Winter beschert hatte, konnte sie sich jedenfalls noch sehr gut erinnern.

eBook

Podcast

Dritte Episode: Russland war für Sylvia immer eine fremde Welt gewesen. Ausgerechnet in dieser fremden Welt stößt sie nun aber auf Spuren ihrer eigenen Vergangenheit.

Aljoscha erzählt

https://literaturplanetonline.com/category/videos/aljoscha-aus-das-russische-labyrinth/

Bild: Ilja Repin (1844 – 1930): Der Newski-Prospekt in Sankt Petersburg am Abend (1891); Wikimedia commons

Hinterlasse einen Kommentar

Diese Seite verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden..