Zacharias Mbizos Traumwelten/4
Sturmtief
Sobald du die Fenster öffnest, greift der Wind dir ins Haar, der sich da draußen dem Amoklauf seiner Klage hingibt. In blindwütiger Raserei misshandelt er die schlanken Birken und zerrt an den knorrigen Häuptern der Eichen, wie jemand, der das Liebste verloren hat und nun den Erstbesten für seinen Verlust zur Rechenschaft ziehen möchte. Und du weißt: Er wird nicht eher ruhen, als bis seine Opfer genauso entwurzelt sind wie er selbst.
Könnte er, der ewig Rasende, ewig Klagende, nur einen Augenblick lang innehalten, so würde er merken, dass niemand ihm zurückbringen kann, was er verloren hat, weil er in Wahrheit gar keinen Verlust erlitten hat.
Aber genau das ist ja sein Problem: Er ist dazu verurteilt, immer in Bewegung zu sein, nie zur Besinnung zu kommen, ewig unterwegs zu sein zu sich selbst und dabei doch nie mehr aufzustöbern als die flüchtigen Spuren, die seine rastlose Bewegung in der Materie hinterlässt. So ist die Klage seine Existenzform.
Zwar zieht der Haltlose sich zuweilen in höhere Regionen zurück oder lässt in seiner Klage nach, so dass es dir scheint, als wäre er für kurze Zeit zur Ruhe gekommen. Wenn du aber genauer hinhörst, erkennst du, dass seine Klage immer, in jeder Sekunde deines Daseins, um dich ist, dass sie dich durchdringt wie der Atem der Welt, die dich zum Tode verurteilt hat.
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