Zu dem Genesis-Song The Fountain of Salmacis (Die Quelle der Salmakis)
Musikalischer Adventskalender 2024/10
Der Genesis-Song The Fountain of Salmacis (Die Quelle der Salmakis) greift den Mythos von der Nymphe Salmakis auf. Diese verliebt sich so unsterblich in den Jüngling Hermaphroditos, dass sie die Götter darum bittet, mit ihm zu einem einzigen Wesen zu verschmelzen.
Die Quelle der Salmakis
Aus einem dichten, hohen Kiefernwald
erhebt wie eine Insel sich der Ida-Berg.*
Hier haben in einer verborgenen Höhle
Nymphen einen Jüngling versteckt:
Hermaphroditos, einen Sohn der Götter,
der sich so sehr gefürchtet hat
vor ihrer Liebe.
Eine Hirschkuh hatte ihn einst gelockt
auf eine Lichtung tief im Wald.
Und während der Himmel errötend
den Morgen gebar, rief er, verirrt:
„Wo bist du, Vater!
Zeig mir den Weg aus diesem Labyrinth!“
Doch, von der Sonne verführt,
blieb er gefangen im Waldlabyrinth.
Als seine Kräfte schwanden, sah er
in der dunkelgrünen Waldesruhe
einen Schatten seltsam sich regen:
Ein glitzernder Teich lud ihn zum Bade ein.
Die Nymphen aber, die darin wohnten,
bemerkten den fremden Besucher:
„Horch, die Wellen regen sich!
Ein fremdes Wesen bewegt sich darin.“
Ja, die Wellen regten sich,
und Salmakis, die Najadenkönigin,
wurde dadurch aufgestört.
Wie eilte der Jüngling, seinen Durst zu stillen!
Doch als sein heißer Atem auf den kalten Nebel traf,
tat sich vor ihm sprudelnd eine Quelle auf.
Und eine perlende Stimme sprach daraus zu ihm:
„Sohn der Götter, labe dich aus mir!“
Umflüstert von der Perlenstimme,
tauchte er die Lippen in die feuchten Fluten,
die mit einer fremden Süße ihn behauchten.
Zwei dunkelgrüne Augen schauten ihn daraus an.
Aufblickend sah er ein weibliches Wesen,
gehüllt in nichts als einen Schleier aus Nebel.
„Eins will ich sein mit dir“, flüsterte sie,
„vereinigt werden wir sein!“
Ja, sie wollte eins mit ihm sein.
Er aber wollte nicht mit ihr vereinigt sein.
„Lass ab von mir, du Frau mit dem kalten Blut!“ rief er.
„Dein Durst ist nicht der meine!“
Sie aber murmelte:
„Nichts soll uns auseinanderbringen!
Erhört mich, ihr Götter!“
Da senkte eine überirdische Stille
sich auf sie herab. Für immer verzweigten
ihre Körper sich zu einer Gestalt.
Langsam versank in den dunkelgrünen Wassern
das neu erschaffene Wesen,
während eine verschwimmende Stimme sprach:
„Ich bitte, bete, flehe:
Mögen alle, die diese Wasser berühren,
mein Schicksal mit mir teilen!
Eins sind wir nun, nun wir sind eins
für alle Zeiten!“
Ja, die beiden sind nun vereint,
der Halbgott und die Nymphe sind eins!
Mit allem, was sie haben,
sind sie nun vereint für immer
in der dunkelgrünen Tiefe des Teichs.
So hat der Traum einer Liebenden
am Ende sich doch noch erfüllt.
Genesis: The Fountain of Salmacis aus: Nursery Cryme (1971)
* Ida-Berg: Ort im antiken Phrygien, an dem Hermaphroditos aufgewachsen ist. Das kleinasiatische Ida-Gebirge ist heute Teil der Türkei. Seine höchste Erhebung ist mit 1774 Metern der Kırklar Tepesi, der in der antike „Gargara“ genannt wurde.
Live im belgischen Fernsehen (1972):
Mythologischer Hintergrund des Songs
Der auf eine Idee von Tony Banks zurückgehende Song The Fountain of Salmacis ist musikalisch vor allem durch den kombinierten Einsatz von Mellotron und Hammondorgel sowie das den Song beschließende Gitarrensolo von Steve Hackett geprägt. Der Text wurde von Tony Banks zusammen mit Peter Gabriel verfasst.
Das Lied greift den Mythos von der Nymphe Salmakis auf, die als eine der Najaden in einer Quelle im Wald haust. Als sie den Jüngling Hermaphroditos, Sohn des Hermes und der Aphrodite, erblickt, verliebt sie sich unsterblich in ihn.
Weil Hermaphroditos ihre Liebe nicht erwidert, zieht Salmakis ihn zu sich in die Tiefe herab, als er unvorsichtigerweise in ihrer Quelle badet. Da er sich noch immer ihrem Liebeswerben widersetzt, bittet sie die Götter darum, für immer eins zu sein mit dem Gegenstand ihrer Liebe. Diese Bitte wird ihr gewährt, schon weil der Jüngling andernfalls ertrunken wäre.
Das neu entstandene männlich-weibliche Mischwesen wiederum bewegt die Götter dazu, die Quelle durch seine Zwitternatur prägen zu lassen: Fortan sollen alle, die darin baden, in gleicher Weise beide Geschlechter in sich vereinigen.
Der Mythos im Songtext und in Ovids Metamorphosen
Der Songtext gibt zwar die Chronologie der Ereignisse in gedrängter Form wider, um sie in der gebotenen Kürze darstellen zu können, hält sich ansonsten aber in wesentlichen Punkten an die mythische Vorlage, wie sie aus Ovids Metamorphosen bekannt ist.
So spiegelt sich die Tatsache, dass die Najaden im Gefolge der Göttin Artemis (der römischen Diana) auf die Jagd gehen, in der Hirschkuh wider, der Hermaphroditos zu Beginn des Liedes folgt. Dies entspricht auch insofern dem Mythos, als seine Eltern ihn in die Obhut der Najaden gegeben hatten. Dass Salmakis abseits der Jagdgesellschaft auf den Jüngling trifft, obwohl sie selbst zu den Najaden zählt, erklärt sich dadurch, dass sie als Einzige nicht zum Jagdgefolge der Göttin zählt.
Auch das äußere Erscheinungsbild von Salmakis in dem Song entspricht der Beschreibung bei Ovid. Dies betrifft insbesondere ihr durchsichtiges Kleid, das der Songtext passend als „Nebelgewand“ umschreibt.
Lediglich die Vereinigung zwischen Salmakis und Hermaphroditos stellt der Song deutlich harmonischer dar, als es in Ovids Metamorphosen der Fall ist. Zwar schwillt die Musik in einem längeren Zwischenspiel dramatisch an, als es zur Auseinandersetzung zwischen dem Jüngling und der Nymphe kommt. Die Vereinigung selbst wird jedoch von sanfteren Klängen untermalt, in Anknüpfung an das lockend-entspannte Interludium, in dem sich in der ersten Songhälfte das Plätschern des Teichs musikalisch widerspiegelt. Dem entspricht auch die Darstellung der Vereinigung im Songtext.
Ovid vergleicht das Herabgezogenwerden des Jünglings in die Tiefe mit rankendem Efeu, Krakenarmen oder einem Schlangenleib, der sich unwiderstehlich um einen Körper windet. Der Songtext stellt die Entführung in die Tiefe dagegen eher wie eine Verführung dar, bewirkt durch die „seltsame Süße“ der Quelle, aus der Hermaphroditos trinkt, und die verlockenden dunkelgrünen Augen der Nymphe.
Der tiefere Sinn des Mythos
Die – im Vergleich zu Ovids Metamorphosen – harmonischere Vereinigung von Nymphe und Göttersohn kommt der Wahrheit des Mythos allerdings in gewisser Hinsicht näher als Ovids Beschreibung.
Wir sind es heute gewohnt, den Begriff „Hermaphrodit“ mit der Besetzung des Terminus durch die medizinisch-biologische Forschung zu assoziieren. Ein Hermaphrodit ist für uns daher ein Synonym für Intersexualität bzw. die Zwitternatur von Lebewesen, die gleichzeitig über männliche und weibliche Geschlechtsmerkmale oder Geschlechtsorgane verfügen.
Der Sinn eines Mythos ist es jedoch nicht, Vorlagen für wissenschaftliche Fachterminologie zu liefern. Mythen sind weit eher mit den Archetypen zu vergleichen, jenen von dem Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung so genannten Bildern des kollektiven Unbewussten, die komplexe Sinn- und Emotionsgefüge in prägnanter Weise zusammenfassen.
Der Mythos von Salmakis und Hermaphroditos lässt sich daher im Kern auf die Ursehnsucht der Menschen nach einer Aufhebung der Geschlechterpolarität beziehen. Er greift den Schmerz auf, nie vollständig mit dem Gegenstand der Liebe vereint sein zu können. Dahinter verbirgt sich wiederum die Sehnsucht nach der Ur-Einheit, dem Einssein mit Gott und der Natur, wie sie außer im Rausch der Liebe nur in der mystischen Versenkung oder der religiösen Ekstase erfahrbar und vollständig nur im Tod erreichbar ist.
Ovids Erzählung des Mythos von Salmakis und Hermaphroditos findet sich in Buch 4 der Metamorphosen (Kapitel 4, Vers 271 – 388).
Bilder: Petrus Berchorius: Salmakis und Hermaphroditos; Illustration zu Ovids Metamorphosen, spätes 15. Jahrhundert; Paris, Bibliothèque nationale de France, Département des manuscrits (Wikimedia commons); Peter Gabriel bei einem Auftritt im kanadischen Toronto im Oktober 1974 im Kostüm für den Song Watcher of the Skies (Wikimedia commons)
Jupp
Ich hatte keine Ahnung, wie komplex die Musikstücke von Genesis auch auf der Textebene sind. Das waren ganz schön belesene und gebildete Jungs. Danke für die interessanten Infos!
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