Das Spiegelprinzip. Gespräch über Lärm und Freiheitsrechte

Gespräche mit Paula/7

Lesung

„Meine Freiheit endet im­mer dort, wo sie die Freiheit eines Anderen beeinträchtigt. Ich muss mein Tun also immer in den Augen eines Anderen spie­geln, um beurteilen zu können, ob ich mir die Freiheit dazu heraus­nehmen kann.“

Ich kenne kaum jemanden, der so leiden­schaftlich fau­len­zen kann wie Paula. Im Sommer aalt sie sich oft stunden­lang in ei­nem Liegestuhl und blinzelt nur ab und zu in die Sonne, die ihr durch das dichte Laub der Bäume hindurch zuzwinkert.

Wenn sie sich aufrichtet, hat es ihr oft ir­gendein Tier angetan, das sie dann hinge­bungsvoll beobachtet. Bei ihrem letzten Be­such hat sie etwa zum ers­ten Mal einen Kleiber ent­deckt und konnte sich gar nicht sattsehen an seinem senk­rechten Spazier­gang entlang der Baumstämme, bei dem er wie mit Magnetsohlen an der Rinde festzu­kleben scheint und sich darin wie an einem reichhaltigen Insektenbuffet bedient.

Mir selbst macht es ja nichts aus, Paula zu­zusehen, wenn sie sich wie eine Katze, die sich die ersten Frühlingsstrahlen auf den Pelz brennen lässt, in der Sonne räkelt. Ich frage mich nur hin und wieder, ob das nicht für sie selbst etwas zu ereignislos ist und sie bei ihren Besu­chen hier etwas mehr erleben sollte als das, was sie in ähn­licher Form auch auf ihrer Südseeinsel haben kann.

„Komm, wir fahren in die Stadt!“ habe ich sie einmal aufzu­scheuchen versucht. „Mü­ßiggang ist aller Laster Anfang.“

„Wie bitte? Was war das?“ Paula war wohl gerade ein wenig eingenickt.

„Müßiggang ist aller Laster Anfang“, wieder­holte ich, ob­wohl mir die Redewendung beim zweiten Mal selbst ein we­nig abge­dro­schen vorkam.

Paula kniff die Augen zusammen, wohl weil ich gerade im Ge­genlicht stand. „Merkwür­dig“, sinnierte sie schläfrig. „Ich würde es genau umgekehrt sehen. Das Laster wurzelt doch eher in dieser ewigen Hektik …“ Sie gähnte herzhaft. „In der Hektik im Leben eines Menschen, der von einer Verpflich­tung zur anderen gejagt wird, der seine Mitte verliert und so von seinem Weg ab­kommt. Wer aber noch Zeit zur Muße findet und regelmäßig mit offenen Augen träumt, der ist doch weit eher davor gefeit, auf Ab­wege zu geraten.“

Ich war mir nicht sicher, ob Paula die Rede­wendung richtig verstanden hatte und ob ihre Deutung nicht auf falschen Vo­rausset­zungen beruhte. Allerdings hatte sie sich gleich wieder von mir abgewandt, um den Kunstsprüngen eines Eichhörn­chens zuzu­schauen, so dass wir das Thema nicht weiter vertieft hatten.

Einmal hatte Paula das Pech, dass ihr Auf­enthalt bei mir mit einer langen Regenpe­riode zusammenfiel. Als die Sonne endlich wieder durch die Wolken zwinkerte, konnte sie es kaum erwarten, sich erneut unter dem ausladenden Wal­nussbaum, den sie so sehr liebt, auszustrecken.

Leider war es jedoch so, dass der viele Re­gen auch das Gras kräftig hatte sprießen las­sen. Kaum hatte Paula es sich in ihrem Lie­gestuhl bequem gemacht, waren daher auch schon die ersten Rasenmäher zu hören. Paula verzog gequält das Gesicht – es musste ein schmerzhafter Kontrast zu der Stille auf ihrer Insel sein.

„Sag doch bitte deinem Nachbarn, dass mich das stört“, forderte sie mich nach einer Weile auf, als der Rasenmäher immer näher an uns heranrückte.

Belustigt erwiderte ich: „Das kann ich gerne machen. Aber ich glaube kaum, dass ihn das beeindrucken wird. Schließlich ist heute ein ganz normaler Werktag. Da ist es sein gutes Recht, den Rasen zu mähen.“

„Ach so“, lenkte Paula ein. „er muss wohl das trockene Wetter nut­zen, um das Heu für die Winterfütterung einzubringen.“

„Nein“, lachte ich. „Mit Landwirtschaft hat das nichts zu tun. Es geht einfach nur darum, den Rasen kurz zu halten.“

Paula sah mich verdutzt an. „Das verstehe ich nicht. Wenn er das Gras nicht verfüttern will, sollte er es doch besser wachsen lassen. Sonst entgehen ihm ja die ganzen schönen Blüten!“

„Der Rasen ist doch nicht zum Anschauen da“, erklärte ich ihr, immer noch belustigt. „Das ist wie ein grüner Teppich – sozu­sagen ein Bodenbelag im Außenbereich, auf dem man sitzen, spielen, essen oder auch, wie du, einfach faul in der Sonne her­umliegen kann.“

„Und dafür ist es unbedingt notwendig, in regelmäßigen Ab­ständen solchen Lärm und“ – Paula rümpfte die Nase – „solchen Ge­stank zu ver­breiten?“

Ich wiegte den Kopf. „Nun ja – nicht unbe­dingt. Es gibt da schon ein paar Unterschiede zwischen den einzelnen Mähme­thoden. Elektrorasenmäher verbreiten na­türlich keinen Ge­stank, aber leiser sind sie auch nicht in jedem Fall. Ohne Lärm und Ge­stank kommt man nur aus, wenn man einen Spindelmäher benutzt. Das ist dafür aber – vor allem, wenn das Gelände nicht ganz eben ist – auch kraftaufwändi­ger.“

Paula setzte sich in ihrem Liegestuhl auf. Missmutig schaute sie in die Richtung, aus der der Lärm kam. „Hat dein Nach­bar etwa ein unebenes Gelände? Oder ist er so alt und gebrechlich, dass ihm der größere Kraftaufwand bei den leiseren Geräten nicht zuzumuten ist?“

„Nein, aber …“

„Dann kannst du ihn doch bitten, mit dem Lärm aufzuhören – denn er verstößt gegen die Verfassung“, verkündete Paula.

„Wie bitte?“ rief ich aus. „Es ist doch gerade umgekehrt! Die Verfassung garantiert ihm das Recht auf freie Persönlich­keits­entfal­tung, und deshalb …“

„Aber sein Tun verstößt doch gegen das Spiegelprinzip!“ unter­brach mich Paula. „Ist das bei euch etwa nicht in der Verfassung verankert?“

Ich sah sie verständnislos an: „Spiegelprin­zip?“

„Ja“, erläuterte Paula, „das Prinzip, dass meine Freiheit im­mer dort endet, wo sie die Freiheit eines Anderen beein­trächtigt. Ich muss mein Tun also immer in den Augen eines Anderen spie­geln, um beurteilen zu können, ob ich mir die Freiheit dazu heraus­nehmen kann. Umgekehrt kann auch ich je­derzeit gegen das Verhalten eines Anderen protestieren, wenn es meine Frei­heit ein­schränkt. Und das ist bei deinem Nachbarn nun einmal der Fall: Sein Lärm verunmög­licht meine Muße.“

„Das ist aber doch ein sehr subjektiver Frei­heitsbegriff“, gab ich zu bedenken. „Auf die­ser Grundlage kann man ja jeder­zeit die Le­bensäußerungen von anderen abwürgen. Du könntest dich doch einfach woanders in der Sonne aalen oder dir die Ohren zustöpseln.“

Diesen Vorschlag aber wies Paula brüsk zu­rück. „Das würde ja bedeuten, dass dein Nachbar das Recht hat, mich mit seinem Lärm zu vertreiben oder mich um das Ver­gnügen zu bringen, den Vögeln zuzuhören! Nein, ich bin hier eindeutig in der schwäche­ren Posi­tion. Und genau für so einen Fall ist das Spiegelprin­zip ja ge­dacht: Es schützt die jeweils schwächere Lebensäu­ßerung da­vor, von einer stärkeren verunmöglicht zu wer­den.“

„Also was ist jetzt?“ drängte mich Paula schließlich. „Sagst du nun deinem Nachbarn Bescheid?“

„Ich weiß nicht“, zögerte ich. „Bei uns wird Freiheit nun einmal anders buchstabiert. Außerdem kommt der Lärm ja mittlerweile von mehreren Seiten.“

„Na gut“, beschloss Paula. „Dann regle ich die Sache eben selbst.“

„Ich weiß nicht, ob das eine gute Idee ist“, versuchte ich sie zu bremsen – aber da hatte sie sich schon auf den Weg ge­macht.

Kurz bevor sie das Gartentor aufstieß, drehte sie sich noch einmal zu mir um. „Stell doch schon mal ein bisschen was zu naschen auf den Tisch!“ rief sie mir zu. „Dann haben wir eine entspanntere Atmosphäre für unser Versöhnungsgespräch.“

Versöhnungsgespräch? dachte ich. Wenn das mal nicht ins Ge­genteil ausartet! Den­noch kam ich natürlich Paulas Bitte nach und besorgte beim Bäcker um die Ecke ein paar Stück Kuchen.

Als ich zurückkam, herrschte rund um Paulas Garteninsel eine himmlische Ruhe. Aha, dachte ich – die Mäharbeiten sind of­fenbar beendet! Dann hat sich das Problem ja ganz von selbst erledigt.

Trotzdem warf ich vorsichtshalber die Kaf­feemaschine an, trug den Gartentisch nach draußen und deckte ihn. Ich hatte kaum Platz genommen, da bog Paula auch schon um die Ecke, im Schlepptau die gesamte Ra­senmähermannschaft der Umge­bung. Die Blicke der Männer klebten fest an Pau­las Rücken, genauer gesagt an dessen Verlänge­rung. Es sah aus wie eine Aufführung der Goldenen Gans aus Grimms Mär­chen.

So konnte ich die hohe Kunst der Süd­seedi­plomatie nun einmal aus der Nähe be­obachten. Offenbar hatte Paula den Män­nern in ihrem Gefolge ihre Beschwerde noch gar nicht vorgetragen, sondern sie unter ir­gendeinem Vorwand zum Kaffeetrinken ein­geladen. Entspre­chend konfliktfrei verlief anfangs unsere Un­terhaltung.

Geschickt lenkte Paula das Gespräch auf al­lerlei unverfängli­che Themen – zunächst natürlich auf das Wetter. Außerdem sparte sie nicht mit Lob an den Blumenrabatten des einen Nachbarn und äußerte sich anerken­nend zu dem Gemüse­beet eines ande­ren.

Ob sie sich wohl bewusst war, dass ihre Gäste weniger auf ihre Worte achteten als auf ihr nachlässig zusammengebunde­nes Wickelkleid und auf den koketten Schwung, mit dem sie ihre Haarmähne zurückwarf? Wahr­scheinlich hätten sie ebenso an ihren Lippen gehangen, wenn Paula, statt honig­süße Kom­plimente zu verteilen, über den Lebenszyklus des Fadenwurms referiert hätte.

Tatsächlich gelang es Paula – argwöhnisch beäugt von dem weiblichen Teil der Nach­barschaft, der mittlerweile ebenfalls einge­trudelt war –, von ihrer Charmeoffensive nahtlos zu ihrem eigentlichen Anliegen überzuleiten. Allerdings hütete sie sich da­vor, dieses als solches zu benennen.

„Was für einen Rasenmäher benutzen Sie eigentlich?“ fragte sie betont beiläufig einen der Männer.

„Wir haben uns gerade ein leistungsstärke­res Gerät ange­schafft“, prahlte dieser. „Un­sere alte Stotterkiste ist zum Schluss ja alle paar Meter stehen geblieben.“

„Ich habe seit letztem Jahr einen Aufsitzmä­her“, erklärte ein anderer. „Bei so einem großen Gelände wie unserem ist der einfach unschlagbar. Außerdem brauche ich mich seitdem ums Rasenmähen gar nicht mehr zu kümmern. Meine Enkel stehen Schlange, um mit dem Ding Runden zu drehen. Für die ist das wie Autoscooterfahren.“

Alle lachten. Auch Paula bemühte sich, amü­siert zu wirken.

„Ich benutze am liebsten den Balkenmäher“, fachsimpelte der Nächste. „Da darf das Gras ruhig mal etwas höher sein – und kleinere Sträucher schneidet der mir auch gleich mit durch.“

„Dafür ist er aber auch besonders laut“, seufzte die Frau des Mähmeisters. „Ich ma­che immer drei Kreuze, wenn das rum ist.“

Das war das Stichwort, auf das Paula gelau­ert hatte. „Es soll ja auch Rasenmäher ge­ben, die überhaupt keinen Lärm ma­chen“, warf sie, geschickt die Karte der naiven Fremden spielend, ein. „Wie heißen sie noch gleich?“ Sie sah mich fragend an.

„Spindelmäher“, half ich ihr.

„Pfui Teufel!“ winkte der Nachbar mit dem Balkenmäher ab. „Das ist doch nichts ande­res als Spielzeug. Mit so was machst du dir nur den Rasen kaputt.“

„Du – sag das nicht!“ widersprach ihm eine der Ehefrauen. „Ich habe gehört, dass sie die in England speziell zum Mähen von Golfra­sen einsetzen, weil das Ergebnis gleichmäßi­ger ist als bei anderen Rasenmähern.“

So entspann sich – fast ohne Paulas Zutun – eine Diskus­sion über den Sinn und Zweck von Rasenmähern. Erstaunli­cher­weise stellte sich dabei heraus, dass alle das Ra­senmähen für notwendig hielten, sich aber zumindest die Frauen gleichzeitig von der motorisierten Gartengestaltung der Nach­barschaft belästigt fühlten.

Am Ende kam man überein, sich für lärmin­tensivere Gar­tenar­beiten auf einen be­stimmten Zeitkorridor zu verständi­gen, so dass jeder sich auf den Lärm der anderen einstellen konnte oder gar nicht davon be­helligt wurde, da er ebenfalls gerade Lärm machte. Die Kernzeit sollte samstags zwi­schen 15 und 18 Uhr sein, als Ausweichter­min einigte man sich auf Freitagabend, 17 bis 19 Uhr. Über Abweichungen hiervon oder größere Projekte wollte man sich künf­tig im Voraus gegenseitig in Kenntnis set­zen.

Selbst der Spindelmäher sollte zumindest versuchsweise zum Einsatz gebracht wer­den. Eine der Nachbarinnen hatte eine ent­fernte Bekannte, die ein solches Gerät be­saß. Dieses wollte man ausleihen und un­verbindlich testen. Vielleicht wäre es ja we­nigstens für die Vorgärten zu gebrauchen.

So sieht es also aus, wenn eine Südseeköni­gin das Zepter schwingt, dachte ich, wäh­rend Paula mir triumphierend zu­zwinkerte. Tatsächlich hatte sie ja erreicht, was sie wollte.

Aller­dings frage ich mich, ob ihr Erfolg auch von Dauer sein wird. Ist es nicht eher so, dass die Männer in dem improvi­sierten Kaffeekränzchen sich nur deshalb auf die Vereinba­rung einge­lassen haben, weil sie – auch wenn Paula ihre Prä­ferenzen nicht of­fen zu erkennen gegeben hat – insgeheim gespürt haben, dass sie sich damit ein zu­sätzliches Südsee-Lächeln verdienen kön­nen?

Wie auch immer – der Sommer ist ja nun erst einmal vorbei. Vorerst wird kein Son­nenstrahl mehr eine Nachbarshand in mäh­bereite Zuckungen versetzen. Die entschei­dende Frage ist daher, was im nächsten Frühling passieren wird. Wird der Drang nach freier Lärmentfaltung dann nicht alle guten Vors­ätze zunichtemachen?

Bild: Beate Bachmann (Spirit111): Spiegelbild (Pi­xabay)

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