Neue literarische Reise auf LiteraturPlanet

Reiseziel: eine unbekannte Südseeinsel

Heute startet auf LiteraturPlanet eine neue literarische Reise. Auf ihr sind wir noch einmal mit der geheimnisvollen Südseeschönheit Paula unterwegs.

Auf Paulas kleiner Südseeinsel gibt es keine Gefängnisse und keine Armee, keine Parteien und keinen Besitz. Vieles von dem, was für uns selbstverständlich ist, betrachtet sie deshalb mit staunenden Kinderaugen.

Die Welt mit Paulas Augen zu sehen, ist manchmal nicht ganz einfach. Am Ende steht aber oft ein Gefühl der Befreiung, wie wenn man sich an ei­nem kühle­n Augustabend doch noch dazu aufge­rafft hat, ein Bad in einem von der Sommerhitze aufgewärmten See zu nehmen.

So ergeht es jedenfalls dem Erzähler, der in den Gesprächen mit Paula von seinen Begegnungen mit der geheimnisvollen Südseeschönheit berichtet. Die Gespräche standen vor ein paar Jahren schon einmal im Mittelpunkt einer literarischen Reise auf LiteraturPlanet. Da es sie mittlerweile auch in einer Hörfassung gibt,  steuern wir Paulas Südseereich nun noch einmal mit unserem literarischen Kreuzfahrtschiff an.

Die Texte sind dafür leicht überarbeitet worden. Außerdem gibt es jetzt eine PDF mit allen Gesprächen sowie ein bebildertes Ebook. Als Ergänzung zu den Gesprächen dient der Essayband Palmweinphilosophie. Darin werden die Themen der Gespräche mit Paula aus einer fachlichen Perspektive vertiefend beleuchtet.

Gespräche mit Paula:

PDF

Ebook

Gedrucktes Buch

Palmweinphilosophie:

PDF

Ebook

Gedrucktes Buch

Podcast (Hörfassung):

Gespräche mit Paula (neue Episoden werden sukzessive hochgeladen)

Heute berichtet unser Erzähler zunächst einmal davon, wie er Paula kennengelernt hat:

Wie ich Paula kennenge­lernt habe

Eine Halluzination?

Obwohl ich Paula nun schon seit mehreren Jah­ren kenne, ist mir noch immer vieles an ihr ein Rätsel. Wenn sie gerade nicht bei mir ist, frage ich mich manchmal sogar, ob ich mir ihre Existenz womöglich nur ein­bilde – ob es sich bei ihr also um ein reines Hirngespinst han­delt, ein Trugbild, das meiner Phantasie entsprungen ist.

So ist es mir mit ihr im Grunde schon immer er­gangen, vom ersten Augenblick unserer Bekannt­schaft an. Als ich sie zum ersten Mal gesehen habe, war ich gerade auf dem Weg zum Kiosk an der Ecke, um mir meine Morgenzeitung zu holen. Da kam mir Paula plötzlich auf der Straße entge­gen.

Mit ihrem Wickelkleid, auf dem exotische Vögel in knallbunten Farben schrien, dem wie aus Ebenholz geschnitzten Gesicht, den dichten schwarzen Haaren, in denen das Sonnenlicht Funken zu schlagen schien, und ihren geschmei­digen Füßen, deren Glätte einen auffallenden Kontrast zu dem rissigen Asphalt bildete, wirkte sie so fremdartig auf mich, dass sie mir vorkam wie eine Halluzination.

Ich konnte die Augen nicht von ihr wenden, ihre Erschei­nung fesselte meinen Blick – und so war es auch nicht weiter er­staunlich, dass Paula mich ansprach. „Sagen Sie“, fragte sie mich mit dem getragenen Singsang, der all ihre Sätze durch­zieht, „bin ich hier richtig in Europa?“

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich danach ge­braucht habe, um den Mund wieder zuzuklappen, und ich erinnere mich auch nicht mehr daran, was ich schließlich geantwortet habe. Klar ist je­doch, dass ich ihre merkwürdigen Worte in der naheliegends­ten, wohl einzig denkbaren Weise gedeutet habe – nämlich so, dass es sich bei ihr um eine illegale Einwande­rin handle, die gerade irgendwo von einer finsteren Schlep­perbande aus dem noch finstereren Bauch eines Lastwagens gestoßen worden sei. Diese Deutung war für mich natürlich auch insofern vorteilhaft, als sie mir dabei half, alle Hem­mungen zu überwinden und Paula umstandslos zu mir nach Hause einzu­laden.

Die Tarnkappeninsel

Die Begründung, die Paula mir dann für ihren seltsamen Auf­tritt bot, klingt noch heute wenig glaubwürdig in meinen Oh­ren. Sie lebe, erzählte sie mir, auf einer Südseeinsel, auf die noch nie ein Fremder seinen Fuß gesetzt habe. Wie es möglich sein kann, dass ihr Südseeparadies noch nicht von den Spähau­gen der allgegenwärtigen Satelliten erfasst wor­den ist, konnte Paula mir nicht erklären.

Vielleicht liegt es ja daran, dass das zerklüftete Gestein, aus dem die Insel größtenteils bestehen soll, von oben wie gekräuselte Wellen aus­sieht. Möglicherweise gibt es auch eine ganz bestimmte Art von Strahlung ab, die sich wie eine Tarnkappe um die Insel legt und auf näher kommende Schiffe eine ähnliche Abstoßungs­wirkung hat wie ein gleicharti­ger Magnetpol für den anderen.

Jahrhundertelang, so stellte Paula es mir gegen­über dar, seien sie sich in ihrem kleinen Reich selbst genug gewesen. In letzter Zeit seien jedoch von den anderen Inseln in ihrer Umgebung, mit denen sie Handel trieben, beunruhigende Nach­richten zu ihnen vorgedrungen. Diese legten den Schluss nahe, dass die technische Entwicklung schon in na­her Zukunft eine weitere Abschirmung ihrer Insel nach außen hin unmöglich machen würde.

So stellte sich die Frage, wie damit umzugehen wäre: Sollte man abwarten und darauf vertrauen, dass die bösen Vor­ahnungen sich nicht bewahr­heiten würden? Oder war es ver­nünftiger, sich recht­zeitig auf den möglichen Kontakt mit dem Rest der Welt vorzubereiten?

Am Ende wählte man einen Mittelweg. Einerseits wollte man die Existenz der Insel so gut und so lange wie möglich vor dem Rest der Welt geheim halten. Selbst den Nachbarin­seln wollte man wei­terhin die genaue Lage der Insel verheimlichen. Zu deutlich hatte man die Entfremdung und die Zerstörungen vor Augen, die der Kontakt mit den Abenteuer­reisenden, dieser Vorhut des Massen­tourismus, dort bewirkt hatte.

Andererseits beschloss man jedoch, eine Kund­schafterin zu bestimmen, die jenseits der eigenen Grenzen völkerkundli­che Studien betreiben und die „Terra incognita“ näher in Augen­schein neh­men sollte. Vielleicht könnte man dieser ja dadurch etwas von ihrem Schrecken nehmen und die Handlungsweise der Fremden – wenn sie denn eines Tages das Ufer der Insel betreten soll­ten – besser einschätzen.

Bei dieser Kundschafterin handelt es sich – wenn man ih­ren Worten Glauben schenken darf – um Paula. Nach einer Vorbereitungszeit, wäh­rend der sie auf den Nachbarin­seln Kontakte zu aus­ländischen Besuchern geknüpft und sich so lang­sam an die fremde Welt herangetastet hatte, hatte man sie schließlich mitten ins Auge des Or­kans entsandt.

Paulas Geheimnisse

Eine schöne Geschichte – bei der allerdings doch einige Fragen offen bleiben. So ist mir beispiels­weise unklar, wie Paula – wenn sie doch angeb­lich aus einer für andere nicht existenten Welt kommt – überhaupt die Grenzen anderer Länder hat überwinden können. Da sie anfangs weder über einen Pass noch über ein Visum verfügte, kann das im Grunde nur auf irgendwelchen Schleichwegen erfolgt sein.

Oder hat Paula hierfür vielleicht eine Scheiniden­tität angenommen? Hat sie womöglich gegen­über den Behörden eines anderen Landes so ge­tan, als hätte sie ihren Pass verloren, um an ein offizielles Reisedokument heran­zukommen?

Ich scheue mich, diesen Gedanken weiterzuden­ken. Denn in letzter Konsequenz zerrinnt Paula mir so vollends zu einer Schimäre. Wer garantiert mir denn, dass die Identität, die sie mir gegen­über annimmt, der Wahrheit entspricht? Muss ich nicht damit rechnen, dass sie sich auch hier eine Maske über­streift, um ihr Inkognito zu wah­ren? Ist am Ende viel­leicht so­gar ihre Insel eine pure Fiktion, die sie nur aufrecht­erhält, um mich als Sponsor für ihre Reisen – der ich mitt­lerweile gewor­den bin – zu behalten?

In der Tat ist meine Beziehung zu Paula in dieser Hinsicht ziemlich einseitig. Mit ihrer Geschichte von dem vollständig abgeschotteten Inselreich, diesem mitten in der Welt klaf­fenden Schwarzen Loch, zwingt sie mich dazu, sie nicht nä­her nach ihrer Herkunft zu befragen und diese, soweit ich etwas darüber weiß, auch gegenüber anderen im Dunkeln zu lassen.

So heißt Paula in Wirklichkeit gar nicht Paula, und sie stammt auch nicht – wie manch einer viel­leicht schon ge­mutmaßt hat – von der Insel Pa­lau. Noch nicht einmal ich weiß, wohin genau Paula reist, wenn sie mich nach ihren periodischen Besuchen wieder verlässt. Ich buche ihr ledig­lich einen Flug in die – gemäß ihren Angaben – ihrer Insel am nächsten gelegene Stadt. Wohin und wie sie von dort weiterreist, entzieht sich meiner Kenntnis.

Eben hierin liegt das Ungleichgewicht in unserer Beziehung: Ich bin Paulas Studienobjekt, das fremdartige Etwas, das sie mit ethnologischem Interesse seziert, während sie selbst nur so viel über sich und ihre Kultur preisgibt, wie ihr oppor­tun erscheint – und selbst hierbei kann ich mir nie sicher sein, ob es sich nicht um pure Erfin­dung handelt.

Die Welt mit Paulas Augen sehen

Dennoch käme ich nie auf die Idee, die Beziehung zu Paula zu beenden. Ganz im Gegenteil: Ich bin fast schon süchtig nach ihrer Gegenwart, ich zähle die Tage bis zu ihrem nächsten Be­such, ich kann es kaum erwarten, dass die graue, paulalose Zeit wieder vorbei ist. Das liegt – ich gebe es zu – durchaus auch an Paulas exotischer Schönheit, an dem Süd­seehimmel, der mich aus ihren Augen anstrahlt, an der pal­menhaften Anmut ihres Kör­pers. Vor allem aber ist ihre Anwesenheit für mich selbst immer wie eine Reise in eine andere Welt.

Wenn ich die Welt mit Paulas Augen sehe, kann ich aus dem Käfig meines Ichs ausbrechen, wie es mir sonst nur bei Rei­sen in ferne Länder möglich ist. Das ist, wie jede Reise ins Unge­wisse, oft auch beschwerlich. Am Ende steht aber doch häufig ein Gefühl der Befreiung, wie wenn man sich an ei­nem kühle­n Augustabend doch noch dazu aufge­rafft hat, ein Bad in einem von der Sommerhitze aufgewärmten See zu nehmen.

So habe ich mich dazu entschlossen, einige mei­ner Gesprä­che mit Paula aufzuschreiben, um auch anderen Paulas Blick auf unsere Welt zu­gänglich zu machen. Letztlich ist es ja auch ganz egal, wie viel Wahrheit in dem Bild steckt, das Paula von sich zeichnet. Indem ich davon erzähle, kleide ich es ohnehin wieder in eine andere Fik­tion – eine Fiktion, die auf der Liebe zu der Fik­tion beruht, die sie von sich selbst entwirft.

Bilder: Kastazyna Bruniewska:Rudowłosa Piękność (Rot­haa­rige Schönheit); Efes: Frau über Flam­men (Pixabay)

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