Das Geheimnis der Jagdhütte

Auszug aus Nadja Dietrichs Roman Kaiserhorst

Im Leben des Protagonisten aus Nadja Dietrichs Roman Kaiserhorst ist nichts mehr, wie es war, als er eines Abends bei einem Waldspaziergang an einer Jagdhütte vorbeigeht. Etwas Schreckliches scheint darin vor sich zu gehen.

Bei meinen abendlichen Spaziergängen durch den Wald kam ich fast immer an einer Jagdhütte vorbei. Sie zu umgehen, war kaum möglich, da sie sich an einem Kreuzungspunkt mehrerer Wege befand. Ich hätte schon durchs Unterholz gehen müssen, um ihr auszuweichen. Dann aber wäre ich Gefahr gelaufen, mich im Dunkeln zu verirren.
Außerdem hätte ich so mit den Jägern aneinandergeraten können, wenn sie mich abseits der Wanderwege ertappt hätten. Vielleicht hätte ich dann sogar Opfer eines „Jagdunfalls“ werden können.
Meistens waren die Fensterläden der Hütte aber ohnehin zugeklappt, und der Bau der menschlichen Raubtiere zeigte sich nur als Schattenriss, der gleich wieder in die Dunkelheit zurücksank. Nur selten war Leben in der Hütte. Das war dann allerdings oft schon von Weitem zu hören. Offenbar diente der Rückzugsort den Jägern vor allem dazu, ihre Beute zu begießen und sich auf künftige Blattschüsse einzuschwören.
Eigentlich müssten Männer, die auf die Potenzprothesen von Gewehren angewiesen sind, ja eher kleinlaut sein. Seltsamerweise ist aber in der Regel das Gegenteil der Fall – erst recht, wenn die Prothesenträger in der Gemeinschaft mit anderen in dem Stolz auf ihre Potenzsurrogate bestärkt werden. Dann fühlen sie sich vollends unschlagbar und sind umso mehr bereit, ihre unwiderstehliche männliche Kraft an jenen auszuleben, die sich nicht mehr des Rückhalts der Urhorde erfreuen.
So musste ich an den Tagen, an denen die Hütte mit Leben erfüllt war, zuweilen doch an Esthers Warnungen denken. Unwillkürlich habe ich dann meinen Schritt beschleunigt und mich bemüht, dem stechenden Blick der hell erleuchteten Fenster auszuweichen. Allerdings waren die Männer viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um darauf zu achten, ob draußen gerade jemand an ihrer Hütte vorbeiging – was nachts ja ohnehin eher selten vorkam.
Mit der Zeit verlor die Jägerhöhle daher für mich ihren bedrohlichen Charakter. Mein Herz schlug zwar immer noch schneller, wenn die unverkennbare Melange aus Kräuterschnapsgepolter, schwülstigen Männergesängen und Herrenwitzgewieher an mein Ohr drang. Ich schenkte dem jedoch weiter keine Beachtung und ging einfach schnurstracks an der Hütte vorbei.
Dann aber kam jener Abend, an dem alles anders war. Der Abend, an dem ich den Weg eingeschlagen habe, der mich in diese Kammer hier geführt hat. Der Abend, der alles verändert hat: mein Leben, mich selbst, die anderen, die ganze Welt …
Anfangs war wieder nur das übliche Gejohle zu hören, wenn auch vielleicht etwas lauter, etwas aufdringlicher als sonst. Wahrscheinlich sind die Herren schon bei der zweiten Flasche, dachte ich mir. Vielleicht gab es ja auch einen besonderen Anlass zum Feiern.
Ich war schon halb an der Hütte vorbeigegangen, da meinte ich plötzlich noch ein anderes Geräusch zu hören, das deutlich von dem übrigen Gepolter abstach. Etwas wie ein verzweifeltes Wimmern, das Wehklagen eines verwundeten Tieres.
Ich redete mir zunächst ein, dass ich mich verhört haben müsse. In der Dunkelheit, sagte ich mir, reagierten meine Sinne wohl übersensibel auf jedes Geräusch und bauschten es mangels realer Entsprechung zu einem Traumbild auf, das nichts mit der Wirklichkeit zu tun hatte.
Kurz darauf jedoch – ich hatte die Hütte schon hinter mir gelassen – schwoll das Wimmern auf einmal zu einem dumpfen Schrei an. Jetzt konnte ich der Wahrnehmung nicht mehr ausweichen. Irgendetwas Schreckliches ging in der Hütte vor sich. Sollte es sich bei diesen Jägern etwa um eine spezielle Art von Tierquälern handeln, die hier, im doppelten Schutz von Wald und Nacht, ihre sadistischen Neigungen auslebten?
Nein, ich konnte, ich durfte nicht wegschauen. Ich musste nachsehen, was sich in der Hütte abspielte. Vorsichtig pirschte ich mich, nun selbst ein Jäger, an den dunklen Holzpalast heran. Wie in dem Tai-Chi-Kurs, an dem ich Esther zuliebe einmal teilgenommen hatte, kauerte ich mich, jede Bewegung meiner Muskeln bewusst kontrollierend, unter eines der Fenster. Es war gekippt, so dass ich problemlos mit anhören konnte, was drinnen gesprochen wurde.
Die Scheiben waren vom Atemdampf der Männer beschlagen. Das hatte den Vorteil, dass ich selbst vor dem Fenster nicht auf Anhieb zu sehen war, wenn ich ins Innere der Hütte linste. Allerdings waren so auch für mich die Gestalten darin nur schemenhaft zu erkennen.
Vorsichtig hob ich meinen Kopf und spähte durch das Fenster. Durch die beschlagenen Scheiben war kaum etwas zu erkennen. Nur am unteren Rand war, bedingt durch eine davorstehende Pflanze, ein kleiner Spalt frei geblieben. Hinter dem Wald aus Blättern und Stängeln sah ich ein paar Männer, die mitten im Raum einen Kreis bildeten. Sie schienen sich um etwas versammelt zu haben, das von ihren Körpern verdeckt wurde.
Was sollte ich tun? Einfach anklopfen und nachsehen, was in der Hütte vor sich ging? Oder die Polizei anrufen? Aber was, wenn die Männer einfach nur einen feucht-fröhlichen Herrenabend feierten?
Ratlos verharrte ich vor dem Fenster – bis jener Augenblick kam, der mein gesamtes Leben in ein Vorher und ein Nachher unterteilte. 

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Interview mit der Autorin

Bild: ThankYouFantasyPictures: Hütte im Wald (Pixabay)

Eine Antwort auf „Das Geheimnis der Jagdhütte

  1. Avatar von Svetlana

    Svetlana

    Hiermit bestelle ich das Buch schon mal vor. Ich habe keinen eBook-Reader und lese lieber analog. Die Auszüge und das Interview haben mich schon mal neugierig gemacht. Habe Ihnen eine Nachricht geschickt.

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