Kalliopi Vetta / Chubby Checker: Misirlou
Musikalischer Adventskalender 2023: 4. Griechenland/USA / Musical Advent Calendar 2023: 4. Greece/USA
Misirlou wirkt auf den ersten Blick wie ein einfaches griechisches Liebeslied. Dahinter verbirgt sich aber eine komplexe Geschichte von Vertreibung, Heimweh und einer Sehnsucht, die kulturelle und religiöse Grenzen überwindet.
Podcast:
Misirlou
Deine Schönheit, geliebte Misirlou,
hat ein Feuer in mir entzündet.
Deine Lippen, geliebte Misirlou,
sind reinster Honig für mich.
Der Zauber deines Wesens, Misirlou,
beraubt mich meiner Sinne.
Komm mit mir, lass dich verführen
zur Reise in ein fernes Land.
Der Sternenhimmel deiner Augen, Misirlou,
und der Honigrausch deiner Lippen
haben das Tor mir geöffnet
zu einem neuen Leben.
Μισιρλού(griechischer Text mit Varianten und Geschichte des Liedes bei Panayíota Bakís Mohíeddín / shira.net)
Kalliopi Vetta: Misirlou (aus: Horizon, 2003):
Früheste bekannte Einspielung des Liedes von Tetos Demitriades (1927)
Liste aller Aufnahmen von Misirlou auf secondhandsongs.com
Jiddisch-Variante von Seymour Rechtzeit (mit jiddischem Text)
Tsifteteli-Tanz zu Misirlou von Maria Aya(2003)
Historischer Hintergrund des Liedes
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war es zwischen Griechenland und der aus den Trümmern des Osmanischen Reichs entstehenden Türkei zu kriegerischen Auseinandersetzungen gekommen. An deren Ende stand ein großangelegter Bevölkerungsaustausch: Der Großteil der türkischen Minderheit in Griechenland musste in die Türkei emigrieren, das Gleiche galt umgekehrt für die griechische Minderheit in der Türkei.
Angesichts der schwierigen Wirtschaftslage nach den Kriegsjahren wurden die Flüchtlinge in der neuen Heimat keineswegs mit offenen Armen empfangen. In Griechenland spiegelt sich dies auch in dem Namen wider, den man den Neuankömmlingen gab. Für sie, die nun in Piräus oder Thessaloniki die Hafenviertel bevölkerten, bürgerte sich die wenig schmeichelhafte Bezeichnung „rembetes“ („aus der Gosse kommend“) ein. Die türkische Herkunft des Wortes unterstreicht dabei zusätzlich, dass die Flüchtlinge in ihrer neuen Heimat als Fremde empfunden wurden.
Die Lieder der Neuankömmlinge wurden, daran angelehnt, als „Rembetika“ (auch: Rebetika) bezeichnet. Ähnlich wie der amerikanische Blues und teilweise auch der portugiesische Fado kreisen sie um die Sorgen und Sehnsüchte derer, die am Rande der Gesellschaft stehen.
Mehr als ein Liebeslied
Um ein solches Rembetiko handelt es sich auch im Falle von Misirlou. Von wem das Lied ursprünglich stammt, lässt sich nicht mehr eindeutig ermitteln. Der früheste bekannte Interpret war 1927 Theodotos (Tetos) Demetriades.
Oberflächlich betrachtet, haben wir es hier mit einem reinen Herzschmerz-Stück zu tun: Ein Mann beschwört den Zauber einer schwarzäugigen Schönheit, die ihm den Kopf verdreht hat. Er sehnt sich nach ihren honigsüßen Lippen und ihrem Liebreiz, dessen erneuter Anblick ihn von allen Nöten befreien würde.
Das Entscheidende ist hier aber die Vielschichtigkeit des Wortes „Misirlou“ (auch: Miserlou). Im osmanischen Türkisch bedeutet es so viel wie „ägyptisches Mädchen“, im modernen Türkisch erinnert es an die Entsprechung für „ägyptisch“ („mısırlı“), das auf den arabischen Begriff für „Ägypten“ („Misr“) verweist.
Damit ist Misirlou nicht einfach nur ein Liebeslied. Vielmehr drückt sich darin auch die Sehnsucht nach der verlorenen orientalischen Heimat und der Zwanglosigkeit der Beziehungen zwischen den Kulturen aus.
Eine Liebe über die Grenzen der Religionen hinweg mag zwar auch in der Zeit des multiethnischen Kleinasiens nicht unproblematisch gewesen sein. Nach den ethnischen Säuberungen war sie aber sogar als Traum kaum noch vorstellbar. So erweist sich das Lied als zwar einfacher, dafür aber umso wirksamerer Widerstand gegen die Praxis der Herrschenden, Menschen in ethnisch-religiöse Schubladen zu stecken und sie wie Schachbrettfiguren hin und her zu schieben.
Begleittänze zu Misirlou
Die Rembetika waren von Anfang an auch mit einer Reihe von Tänzen verbunden. Hierzu gehörten Kreistänze wie der Syrtos (Sirtos), aber auch der Tsifteteli. Dieser ist hauptsächlich als Bauchtanz bekannt, wird aber auch als gegenseitiges „Sich-Umtanzen“ von Mann und Frau praktiziert. Charakteristisch sind in jedem Fall die andeutungsreichen Hüftbewegungen.
Angelehnt an eine Syrtos-Variante, den Syrtos Haniotikos, ist ein Tanz zu Misirlou, den die Professorin Brunhilde Dorsch 1945 an der Duquesne University in Pittsburgh (Pennsylvania) zusammen mit ihrer griechisch-amerikanischen Studentin Mercine Nesotas entwickelt hat. Dieser Tanz erhielt später ebenfalls den Namen „Misirlou“.
Häufiger findet sich als Begleittanz zu dem Lied allerdings der Tsifteteli, oft auch in einer verwestlichten, an den Twist erinnernden Variante. Dies hängt eng mit der Karriere des Liedes in den USA zusammen.
Wie John Travolta zum Bauchtänzer wurde
1941 brachte Nicholas (Nick) Roubanis, der 1925 in die USA emigriert und dort Professor an der New Yorker Columbia University geworden war, eine neue, mit Jazz-Elementen versetzte Fassung des Liedes heraus. Daraus entwickelten sich in den 1950er und 60er-Jahren etliche Cover-Versionen, die von zahlreichen Größen des Show-Business eingespielt wurden – u.a. von Chubby Checker (1962), den Beach Boys, Dick Dale (als „Surf Rock“-Fassung mit den Del Tones) und Paul Anka (jeweils 1963).
Die meisten Neueinspielungen waren Instrumentals. Einige Interpreten – darunter auch Chubby Checker und Paul Anka – trugen zu der Musik jedoch auch die neue Textfassung vor, die Fred Wise, Sidney Keith Russell und Milton Leeds mittlerweile entwickelt hatten. Dieser Text beschwört neben der Liebesbeziehung auch das aus der Ferne exotisch wirkende Ambiente, in dem die Liebe sich hier entfaltet.
Zum modernen Klassiker wurde der Song allerdings außer durch die Interpretation des Songs durch Twist-König Chubby Checker vor allem durch die mitreißenden Instrumentalfassungen. Dies gilt erst recht, seit die Instrumentalversion 1994 in Quentin Tarantinos Kult-Film Pulp Fiction als Titelmusik verwendet worden war. In dem Film führen John Travolta und Uma Thurman eine augenzwinkernde Synthese aus Twist und Tsifteteli vor.
So ist Misirlou ein schönes Beispiel für die völkerverbindende Kraft der Musik, mit der sich scheinbar unüberwindbare kulturelle Grenzen spielerisch überspringen lassen.
Amerikanische Neufassung von Misirlou
Misirlou
Finster schleichen die Schatten
über den purpurroten Wüstensand.
Betend knien die Nomaden
vor ihren abendroten Zelten.
Umstrahlt vom Glanz des Abendsterns,
erscheint vor mir die Silhouette
reinsten, ungetrübten Glücks,
der Hauch verlor’nen Blütendufts.
Du, Misirlou,
bist der Mond und die Sonne für mich,
das Schönste, das ich jemals sah.
Geleitet vom Läuten himmlischer Glocken
über dem tanzenden Sand,
wird uns’re Liebe den Weg
ihres herrlichen Schicksals beschreiten.
Du, Misirlou,
bist die Erfüllung für mich,
ein Traum, der meine Nacht erhellt.
Unter die sternenbesprühten Palmen
eines Oasentraums
wird uns der Himmel führen.
Gott wird uns’re Liebe segnen.
Fred Wise, Sidney Keith Russell und Milton Leeds: Misirlou
Chubby Checker: Misirlou
(aus: Twistin‘ Round the World, 1962):
Tanzszene zu Misirlou aus Pulp Fiction (1994):
Herzschmerz-Fassung von Paul Anka (1963)
Instrumentalfassungen (Auswahl):
Surf-Rock-Varianten:
Dick Dale & The Del Tones (1963)
Beach Boys (1963)
Gipsy- und Klezmer-Varianten:
Ara Malikian (Violinist, Live)

English Version
A Border-Crossing Love Song
Kalliopi Vetta / Chubby Checker: Misirlou
Musical Advent Calendar 2023: 4. Greece/USA
At first glance, Misirlou seems like a simple Greek love song. But behind it lies a complex story of displacement, homesickness and a longing that overcomes cultural and religious boundaries.
Misirlou
Your beauty, beloved Misirlou,
has lit a fire in me.
Your lips, beloved Misirlou,
are the purest honey for me.
The magic of your presence, Misirlou,
robs me of my senses.
Come with me, let us set out
on a journey to a faraway land.
The starry sky of your eyes, Misirlou,
and the honey of your lips
have opened the gate for me
to a new life.
Μισιρλού (Greek lyrics with variants and history of the song on Panayíota Bakís Mohíeddín’s website shira.net)
Kalliopi Vetta: Misirlou (from: Horizon, 2003):
Earliest known recording of the song by Tetos Demitriades (1927)
List of all versions of Misirlou on secondhandsongs.com
Yiddish variant by Seymour Rechtzeit (with Yiddish text)
Tsifteteli Dance to Misirlou byMaria Aya(2003)
Historical Background of the Song
After the end of the First World War, armed conflicts broke out between Greece and the new Turkey, emerged from the ruins of the Ottoman Empire. The conflicts resulted in a large-scale population exchange: Most of the Turkish minority in Greece had to emigrate to Turkey, and the same applied vice versa for the Greek minority in Turkey.
In view of the difficult economic situation after the war years, the refugees were by no means welcomed with open arms in their new homeland. In Greece, this was also reflected in the name given to the new arrivals: „rembetes“ („coming from the gutter“). The Turkish origin of the word further emphasises that the refugees were perceived as strangers in their new home.
The songs of the newcomers were, based on this, called „rembetika“ (or „rebetika“). Similar to American blues and partly also Portuguese fado, they revolve around the concerns and longings of those living on the margins of society.
More than a Love Song
Such a rembetiko is also what we are dealing with in the case of Misirlou. The original author of the song cannot be clearly determined. In any case, the earliest known interpreter was Theodotos (Tetos) Demetriades in 1927.
On the surface, Misirlou appears to be a pure heartbreak song: A man praises the magic of a black-eyed beauty who has made him all dizzy. He longs for her honey-sweet lips and her delightful appearance, whose presence would make all sorrow fall away from him.
The decisive factor here, however, is the complexity of the word „Misirlou“ (also: Miserlou). In Ottoman Turkish it means „Egyptian girl“, in modern Turkish it is reminiscent of the equivalent for „Egyptian“ („mısırlı“), which refers to the Arabic term for „Egypt“(„Misr“).
Thus Misirlou is not simply a love song. Rather, it also expresses the longing for the lost oriental homeland and the informality of relations between cultures.
Love across religious boundaries may not have been unproblematic in the time of the multi-ethnic Ottoman Empire either. After the ethnic cleansing, however, it was hardly conceivable even as a dream. Thus, the song proves to be a simple, but all the more effective resistance against the rulers‘ practice of putting people into ethnic-religious pigeonholes and pushing them back and forth like chessboard pieces.
Accompanying Dances to Misirlou
The rembetika were also associated with a number of dances. These included circle dances such as the Syrtos (Sirtos), but also the Tsifteteli. The latter is mainly known as belly dance, but is also practised as a circling of man and woman around each other. In any case, the allusive hip movements are characteristic of this dance.
Based on a Syrtos variant, the Syrtos Haniotikos, is a dance to Misirlou which professor Brunhilde Dorsch developed in 1945 at Duquesne University in Pittsburgh (Pennsylvania) together with her Greek-American student Mercine Nesotas. This dance was later also given the name „Misirlou“.
More often, however, the tsifteteli is found as an accompanying dance to the song, sometimes in a westernised version reminiscent of the twist. This has a lot to do with the song’s career in the USA.
How John Travolta Became a Belly Dancer
In 1941, Nicholas (Nick) Roubanis, who had emigrated to the USA in 1925 and had become a professor at Columbia University in New York, published a new version of the song with jazz elements. From this, several cover versions were developed in the 1950s and 60s, which were performed by numerous greats of show business – including Chubby Checker (1962), the Beach Boys, Dick Dale (as a „Surf Rock“ version with the Del Tones) and Paul Anka (all in 1963).
Most of the new recordings were instrumentals. However, some artists – including Chubby Checker and Paul Anka – also sang the new text version that Fred Wise, Sidney Keith Russell and Milton Leeds had developed in the meantime. This text evokes not only the love affair but also its special ambience and the exotic touch it gets from a distance.
However, apart from the interpretation of the song by twist king Chubby Checker, the song became a modern classic mainly because of the rousing instrumental versions. This was even more the case after the instrumental version was used as the theme music in Quentin Tarantino’s cult film Pulp Fiction in 1994. In the film, John Travolta and Uma Thurman perform a tongue-in-cheek synthesis of twist and tsifteteli.
Misirlou is thus a nice example of the power of music to unite people, of music as a means of playfully overcoming seemingly insurmountable cultural boundaries.
Links
New American text version of Misirlou by Fred Wise, Sidney Keith Russell und Milton Leeds (explanations: Shalimar means „abode of light“ in Sanskrit. It is the name of several famous parks in India and Pakistan, such as the Shalamar Gardens in Lahore, Pakistan; Kismet (destiny) is derived from Arabic „qisma“ and Turkish „kısmet“)
Chubby Checker: Misirlou
(from: Twistin‘ Round the World, 1962)
Dance scene to Misirlou from Pulp Fiction (1994)
Heartbreak version of Paul Anka (1963)
Some Instrumental Versions:
Surf-rock Versions:
Dick Dale & The Del Tones (1963)
Beach Boys (1963)
Gipsy and Klezmer Versions:
Ara Malikian (Violinist, Live)
Bilder / Images: Francesco Ballesio (1860 – 1923): Tanzvorbereitungen / Preparing for the Dance (Wikimedia commons); Édouard Frédéric Wilhelm Richter (1844 – 1913): Orientalische Tänzerin / Oriental dancer
Hintergrundmusik Podcast: Light-Musik (Polen): Memories returning (Pixabay)
Eva
Danke für diesen supertollen und spannenden Beitrag. Dass ein Liebeslied solche unerwarteten Bezüge aufweist und so viele MusikerInnen, TänzerInnen inspiriert, ist schon außergewöhnlich. Sehr unterhaltsam ist es, wenn man sich verschiedenen verlinkten Versionen anschaut. Ich freue mich schon auf die nächsten Adventstürchen!!!!
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