Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming
Achmet macht sich auf den Weg zu seinem alten Zuhause. Während er seinem Ex-Freund Salvatore bei der Verrichtung seiner Morgenrituale zusieht, steigt sein Erregungsniveau auf gefährliche Weise an.
English Version
Hörfassung:
Gleichgültig stachen die Lanzen der Morgensonne in das verblutende Laub. Wo die Bäume sich schon zum Gerippe häuteten, trafen ihre Spitzen auch die Fußgänger, die sich ihren Weg durch den Knochenwald bahnten.
Auch ich hatte mich eingefunden zum Spießrutenlaufen in der Allee von Kastanienbäumen, die den Park in der Nähe meines einstigen Zuhauses durchzog. Zu der frühen Stunde war in dem schmalen Streifen Natur noch kaum jemand unterwegs. Vom Berufsverkehr umtost, bildete er eine brüchige Bastion der Ruhe. Das dominierende Geräusch war das Gebell eines entlaufenen Rottweilers, der mit heraushängender Zunge einer Kanalratte nachjagte, verfolgt von den hilflosen Rufen eines kleinen Jungen.
Ich ließ die wundgelegenen Wiesen und die leergeträumten Gärten hinter mir und bog in die kleine Geschäftsstraße hinter dem Park ein. Das schwerelose Gewölle aus den Auspuffen der Autos, die sich an einer Ampel stauten, drang durch die Kleider der Wartenden und verfing sich in den Abdeckungen der Kinderwagen. Vor dem Gemüseladen leckte der Morgen lustlos über die verfaulenden Früchte des Vortags. Ein Mann mit abgetragenen Kleidern bückte sich danach, ließ aber von seinem Tun ab, als er den Blick des Gemüsehändlers auf sich ruhen fühlte. Das Gasthaus an der Ecke lockte, passend zur Jahreszeit, mit Blutwurst und Schlachtplatte.
In der Nebenstraße starrten mich die tausendäugigen Wohntürme an, in denen auch ich einmal zu Hause gewesen war. Hier und da konnte man durch die Fenster einen Blick in die Höhlen werfen, die sich dahinter verbargen. Verirrte Pflanzen suchten nach dem Tag, bläuliche Lichtsäulen flackerten über die Wände, ein Schatten huschte vorbei und wurde im selben Augenblick schon wieder von der Höhle verschluckt.
Noch ein paar Schritte, und ich stand vor der Tür, wo ich vor nicht allzu langer Zeit noch vergebens um Einlass in mein altes Dasein gebettelt hatte. Nun aber blieb ich nicht mehr wie ein aus dem Nest gefallener Vogel vor dem Haus stehen. Türen und Wände hatten keine Bedeutung mehr für mich.
Salvatore schlief noch fest, als ich durch das Mauerwerk in meine alte Wohnung hinüberglitt. Ich setzte mich ans Fußende seines Bettes und versenkte mich für einen Moment in seinen Anblick. Mein Geist streifte durch seine von der Nacht zerwühlten Locken, strich über seine entspannten Lippen, durchdrang seinen traumgesättigten Atem.
Ob er wohl unbewusst meine Anwesenheit spürte? Oder war sein Schlafbedürfnis zufällig genau in diesem Augenblick befriedigt? Jedenfalls begann er sich kurz nach meiner Ankunft unruhig hin und her zu wälzen, und seine Augenlider zuckten unter den Nadelstichen des spärlichen Lichts.
Ein paar Sekunden später schlug er die Augen auf, kniff sie aber sogleich wieder zusammen. Er drehte sich noch einmal auf die Seite, warf sich wieder auf den Rücken, streckte sich, gähnte herzhaft und sah sich dann mit dem selbstvergessenen Blick des Träumers im Zimmer um. Schließlich schwang er sich mit einem Ruck aus dem Bett und torkelte schlaftrunken zur Tür.
Ich folgte ihm bis ins Wohnzimmer, wo ich mich ans Fenster stellte und den Pirouetten der Fußgänger unten auf der Straße zusah. Durch die halb geöffnete Badezimmertür drangen die Geräusche von Salvatores Morgenritualen an mein Ohr. Ich hörte das Plätschern seines Urins in der Kloschüssel, das Gurgeln der Toilettenspülung, das Klatschen des Wassers gegen sein schlafgestäubtes Gesicht.
Die verzerrte Musik eines Handys durchbrach die Stille. Salvatore stürzte aus dem Bad und versuchte hektisch, das Klingelgeräusch zu orten. Schließlich wurde er unter einem der Kissen auf dem Sofa fündig, wo er das Handy wohl am vorigen Abend beim Fernsehen vergraben hatte.
Den Gesprächsfetzen, die ich nun aufschnappte, war zu entnehmen, dass es bei dem Telefonat um den Tod von Dr. France ging.
„Ja, schlimme Sache“, hörte ich Salvatore sagen. „Ich hab’s schon aus den Nachrichten erfahren.“ Dabei wusste ich genau, dass er noch mit keinerlei Nachrichten in Berührung gekommen war!
„Klar, ein sehr fragwürdiger Forscher“, stimmte er dann seinem Gesprächspartner zu, „aber eigentlich kein unangenehmer Mensch … Stimmt, damit konnte man nicht rechnen … so plötzlich … wahrscheinlich Überarbeitung …“
Salvatore schlenderte in die Küche, klemmte sich das Handy zwischen Ohr und Schulter und ließ Wasser in die Kanne der Kaffeemaschine laufen. Während das Gespräch sich anderen Themen zuwandte, goss er das Wasser um, füllte Kaffee in den Filter und schaltete dann die Maschine ein. Mit einem seufzenden Zischgeräusch nahm sie ihre Arbeit auf.
Ich war Salvatore in die Küche gefolgt und beobachtete nun, wie er, als das Gespräch beendet war, eine Tasse und eine Schüssel für sein Müsli aus dem Hängeschrank neben der Spüle nahm. Dabei pfiff er die Melodie eines seiner Lieblingslieder vor sich hin: „If paradise is half as nice as heaven that you take me to …“
Allmählich erreichte meine Erregung jenes Niveau, ab dem meine Gegenwart auch für in dieser Welt verwurzelte Wesen spürbar war. Schon zeigten sich bei Salvatore die ersten Anzeichen von Unruhe, ergriff ihn jenes für die Betroffenen unerklärliche Unbehagen, das ich schon mehrfach als Reaktion auf meine Anwesenheit erlebt hatte. Er schüttelte sich unwillkürlich, als hätte das Sirren eines blutdürstigen Insekts sein Ohr gestreift, sah sich erschrocken um, beruhigte sich dann aber wieder, als er alles unverändert vorfand.
Derartige Reaktionen waren bislang das entscheidende Alarmsignal für mich gewesen, das Zeichen zum Rückzug, zur stärkeren Kontrolle meiner Erregung. Dieses Mal aber war alles anders. Die Verunsicherung, die Salvatore an den Tag legte, reizte mich jetzt gerade dazu, ihm die Maske der Selbstgewissheit, die ich während des Telefonats an ihm beobachtet hatte, vom Gesicht zu reißen.
Mit einem Gefühl sich steigernder Lust, wie ich es nie zuvor empfunden hatte, bewegte ich mich langsam auf ihn zu. Eine Art von aufsteigender Hitze zeigte mir an, dass ich nun in die Sphäre des Sichtbaren eintrat.
Salvatore war gerade dabei, sich die erste Tasse Kaffee einzuschenken. Ich stellte mich unmittelbar hinter ihn, so dass er meine Anwesenheit in seinem Rücken spüren musste. Widerstrebend, wie jemand, der nicht wahrhaben möchte, was er instinktiv spürt, drehte er sich zu mir um.

Homecoming
Ahmet sets off for his old home. As he watches his former friend Salvatore perform his morning rituals, his excitement rises to a dangerous level.
Indifferently, the lances of the morning sun stabbed into the bleeding foliage. Where the trees were already shedding their skin and turning into a skeleton, the lance tips also struck the pedestrians making their way through the forest of bones.
I too had come to run the gauntlet in the avenue of chestnut trees that cut through the park near my former home. At that early hour, hardly anyone was walking in the narrow strip of nature. Surrounded by rush-hour traffic, it formed a fragile island of tranquillity. The dominant sound was the barking of a runaway pit bull chasing a sewer rat with its tongue hanging out, pursued by the helpless shouts of a small boy.
I left the wounded meadows and empty gardens behind me and turned into the small street behind the park. The weightless pellet from the exhausts of cars jammed at a traffic light penetrated the clothes of those waiting and caught in the hoods of the prams. Outside the greengrocer’s shop, the morning licked listlessly over the rotting fruit of the previous day. A man with scuffed clothes stooped to pick up a brownish apple but backed off when he felt the greengrocer’s gaze resting on him. The inn on the corner wooed customers with black pudding and slaughter platters, in keeping with the season.
In the side street, the thousand-eyed residential blocks, where I too had once been at home, stared at me. Here and there, I could catch a glimpse of the caves hidden behind the windows. Errant plants were searching for the day, bluish columns of light flickered across the walls, a shadow flitted by and was swallowed up by the cave again in the same instant.
After a few more steps, I stood in front of the door where some days ago I had begged in vain for admission to my old existence. But now I no longer remained standing in front of the house like a bird fallen from its nest. Doors and walls no longer had any meaning for me.
Salvatore was still fast asleep when I slipped through the brickwork into my former flat. I sat down at the foot of his bed and immersed myself in the sight of him for a moment. My mind roamed through his curls tousled by the night, stroked his relaxed lips, pierced his dream-saturated breath.
I wonder if he unconsciously sensed my presence. Or did his need for sleep happen to be satisfied at that very moment? In any case, shortly after my arrival, he began to toss and turn restlessly, his eyelids twitching under the pinpricks of the sparse light.
A few seconds later he opened his eyes, but immediately squeezed them shut again. He rolled over once more, threw himself on his back again, stretched, yawned heartily and then looked around the room with the oblivious gaze of the dreamer. Finally he swung himself out of bed with a jerk and staggered sleepily to the door.
I followed him to the living room, where I stood at the window and watched the pirouettes of the pedestrians down on the street. Through the half-open bathroom door, the sounds of Salvatore’s morning rituals reached my ear. I heard the splash of his urine in the toilet bowl, the gurgle of the toilet flush, the splash of water against his face, still enveloped in sleep.
The distorted music of a mobile phone broke the silence. Salvatore rushed out of the bathroom and hectically tried to locate the ringing sound. Finally he found the phone under one of the cushions on the sofa, where he must have buried it the previous evening while watching television.
From the snatches of conversation I now picked up, it was clear that the phone call was about Dr. France’s death.
„Of course, terrible thing,“ I heard Salvatore say. „I already heard about it on the news.“ Yet I knew perfectly well that he had not yet come into contact with any news!
„Sure, a very questionable researcher,“ he then agreed with his interlocutor, „but actually not an unpleasant person … True, you couldn’t expect it … so suddenly … probably overworked …“
Salvatore strolled into the kitchen, clamped his mobile phone between his ear and shoulder and poured water into the coffee machine’s pot. While the conversation turned to other topics, he decanted the water into the coffee machine’s water container, filled the coffee into the filter and then switched on the machine. Sighing and hissing, it set to work.
I had followed Salvatore into the kitchen. After the conversation was over, I watched him take a cup and a bowl for his cereal from the wall cupboard next to the sink. As he did so, he whistled the melody of one of his favourite songs to himself: „If paradise is half as nice as heaven that you take me to …“
Gradually my excitement reached the level at which my presence could be felt by beings rooted in this world. Salvatore was already showing the first signs of unease, he was seized by that inexplicable restlessness that I had already experienced several times as a reaction to my presence. He involuntarily shook himself as if the buzzing of a bloodthirsty insect had brushed his ear, looked around in fright, but then calmed down again when he found everything unchanged.
Until now, such reactions had been the decisive alarm signal for me, the sign to retreat, to control my arousal more strongly. This time, however, everything was different. Salvatore’s insecurity now tempted me all the more to tear off the mask of self-assurance I had observed on his face during the phone call.
With a feeling of growing lust, a pleasure I had never felt before, I slowly moved towards him. A kind of rising heat indicated to me that I was now entering the sphere of visible things.
Salvatore was just about to pour himself the first cup of coffee. I stood directly behind him so that he had to feel my presence at his back. Reluctantly, like someone who does not want to admit what he instinctively senses, he turned to me.
Buch / Book:

Gebundene Ausgabe 2015

Bilder / Images: Thomas Wolter: Geist / Ghost (Pixabay); Vicki Hamilton: Geist / Ghost (Pixabay; Ausschnitt / detail)
