Die Todesfee in der lächerlichen Verkleidung / The Banshee in the Ridiculous Disguise

Vergeblich versuchen Achmet und Gesa, die Dose, in der sie den tödlichen Giftcocktail für Gina vermuten, unschädlich zu machen. Jetzt bleibt nur noch die Hoffnung, dass sie sich geirrt haben.

English Version

Hörfassung:

Eine Zeit lang bemühten Gesa und ich uns weiter, die vermeintlich tödliche Dose irgendwie unschädlich zu machen. Wir konnten doch nicht einfach zusehen, wie Gina das Gift in sich hineinschüttete! Aber all unsere Versuche blieben erfolglos.
Da fiel mein Blick plötzlich auf eine Hochglanzbroschüre, die Gina neben dem Flachbildschirm abgelegt hatte. Es handelte sich dabei um Werbematerial für einen Investmentfonds, etwas, das mich normalerweise völlig kaltgelassen hätte. Der Grund dafür, dass meine Augen sich dennoch an der Broschüre festsogen, war der Name des Fondsmanagers – oder vielmehr der Fondsmanagerin: Gina Vassiliadis.
Ich schaute einmal hin, ich schaute zweimal hin – aber nein, ich hatte mich nicht verlesen: Die Fondsmanagerin war dieselbe Frau, die in dieser Wohnung einem ganz anderen Gewerbe nachging.
Verdutzt versuchte ich mir zu erklären, welchen Zusammenhang es zwischen den beiden Betätigungsfeldern geben könnte. War vielleicht die Beschäftigung, der Gina hier nachging, für sie nur eine Art Hobby? Hatte der Widerwille gegen das andere Geschlecht, der sicherlich auch ihr durch die Teilnahme an dem Experiment von Dr. France aufgezwungen worden war, bei ihr zu einer sadistischen Lust an der Verhöhnung fremder Männer geführt?
War es denkbar, dass es ihr Vergnügen bereitete, gestandene Männer in hilflos hechelnde Hunde zu verwandeln? Dass sie dies als entspannend empfand, als Ausgleich für ihre sonstige hochkonzentrierte Arbeit, bei der jeder noch so kleine Fehler einen Millionenverlust nach sich ziehen und ganze Existenzen vernichten konnte? Oder ging es ihr schlicht darum, auch ihre sexuellen Aktivitäten gewinnbringend zu vermarkten, also auch ihr Privatleben den Gesetzen der Ökonomie zu unterwerfen? Zeigte sich womöglich gerade hierin die Wirkung des Wundermittels von Dr. France?
Auf einmal war es ganz still in der Wohnung – Gina hatte das Telefonat beendet. Ich blickte hilfesuchend zu Gesa herüber, aber sie zuckte nur mit den Schultern. Mussten wir uns also damit abfinden, ohnmächtige Zeugen eines heimtückischen Giftmords zu sein? Oder irrten wir uns vielleicht? War das Gift am Ende doch an einem ganz anderen Ort platziert?
Ich ärgerte mich, dass mir diese Idee nicht früher gekommen war, und eilte in die Küche. Aber dort war alles sauber aufgeräumt, nirgends stand ein halb volles Glas herum, in dem das Gift sich hätte auf die Lauer legen können. Und den Inhalt des Kühlschranks konnte ich nicht überprüfen, weil er sich von mir nicht öffnen ließ.
Jetzt konnten wir nur noch darauf hoffen, dass Gina den schon abgestandenen Energy Drink vielleicht wegschütten würde – oder dass sie die Wohnung kurz verlassen würde, um sich ein paar Brötchen zum Frühstück zu holen. Dann wäre es denkbar gewesen, dass wir kurz durch die Gitterstäbe unseres Untotenkäfigs hätten greifen können, um den Doseninhalt unschädlich zu machen.
Nachdem sie das Telefonat beendet hatte, zündete sich Gina zunächst eine weitere Zigarette an. Dann lehnte sie sich entspannt auf dem Sofa zurück und wischte ein wenig über ihr Smartphone. Es war ihr deutlich anzumerken, dass sie zufrieden mit sich war.
Ihr Geschäftsmodell war ja auch in der Tat höchst einträglich. Ohne sich unmittelbar dem Schmutz und den Keimen der testosteronkranken Kundschaft aussetzen zu müssen, konnte sie doch von deren sexblinder Zahlungsbereitschaft profitieren. Noch nicht einmal der direkte Einsatz ihres Körpers war dafür notwendig.
Natürlich existierten längst modernere Formen des virtuellen Körperkontakts, die der kleinkindhaften Schau- und Zeigelust zur Neugeburt auf höchstem Cyber-Niveau verhalfen. Offensichtlich gab es aber noch genug Sexsüchtige, die sich lieber ins Séparée des anonymen, maskierten Handy-Kontakts zurückzogen, anstatt den eigenen Ausbruch aus den Hüllen der Konvention auf dem Marktplatz der virtuellen Welt zu zelebrieren.
Gina sog noch einmal an der Zigarette, blies den Rauch gleichzeitig durch Mund und Nase aus und versenkte den Stummel zwischen den anderen Glimmstängelresten. Gähnend warf sie dann die Arme zurück und streckte den Kopf in den Nacken, um sich zu lockern.
Schließlich erhob sie sich und schlenderte nichtsahnend zu ihrem Arbeitstisch, auf dem der imposante Flachbildschirm thronte. Sie schaltete den Computer ein, der sogleich piepsend und surrend seinen Dienst aufnahm. Dabei griff sie sorglos nach der Dose mit dem Energy Drink.
Gesa und ich hatten offenbar denselben Impuls. Gemeinsam stürzten wir auf Gina zu, um sie mit der eisigen Ausstrahlung unseres Nichtseins von ihrem Vorhaben abzubringen.
Die Wirkung entsprach ganz unserer Erwartung: Die von uns Umwehte fröstelte und schaute sich dann im Zimmer um, auf der Suche nach einer Erklärung für das plötzliche Fremdheitsgefühl. Da sie um sich herum jedoch keine Veränderung wahrnahm, schob sie den kleinen Schwächeanfall wohl auf ihre Müdigkeit und wandte sich wieder dem Bildschirm zu.
Immerhin hatten wir auf diese Weise etwas Zeit gewonnen – denn der Computer hatte sich mittlerweile hochgefahren. Auf die aufgereihten Symbole blickend, stellte Gina den Energy Drink noch einmal ab. Sie klickte eines der Symbole an, konzentrierte sich kurz auf das sich aufbauende Bild – und griff dann doch wieder nach der Dose, dieser Todesfee in der lachhaften Verkleidung.
Jetzt hätten wir den Gang der Ereignisse nur noch dadurch aufhalten können, dass wir uns materialisiert hätten. Damit aber wäre letztlich nichts gewonnen gewesen. Zwar hätte Gina dann nicht vergiftet werden können, wäre dafür aber unweigerlich in den Sog unseres Nichtseins hineingezogen worden. Sie wäre also schlicht auf andere Weise zugrunde gegangen. Gleichzeitig hätten Gesa und ich dann jedoch, indem wir die uns gesetzte Grenze überschritten hätten, das Recht auf unsere Existenz verwirkt und uns so auch um die Möglichkeit gebracht, dem Giftmischer das Handwerk zu legen.
Hinzu kam noch, dass ich gar nicht wusste, wie ich meine Materialisierung hätte herbeiführen können. Offenbar ließ diese sich nämlich nicht durch eine bewusste Willensentscheidung erzwingen. Vielmehr schien für ihr Zustandekommen ein ganz bestimmter Erregungszustand vonnöten zu sein, der sich der bewussten Kontrolle entzog.
So blieb uns nichts anderes übrig, als uns in die Rolle tatenloser Zuschauer zu fügen. Wir mussten zusehen, wie Gina die Dose mit ihren Fingern umfasste, wie sie sie unendlich langsam zum Mund führte und daraus trank. In blindem Gehorsam öffnete der Schluckreflex dem unsichtbaren Feind das Tor zu ihrem Körper. Das unschuldige Klacken, das diesen unzählige Male vollzogenen Akt begleitete, klang bereits wie das Zuschnappen eines Schlosses, als hätte jemand einen Sargdeckel über ihr zugemacht.
Einige Sekunden lang geschah nichts. Also doch falscher Alarm, dachte ich. Offenbar war die Dose doch nicht in eine Mordwaffe umfunktioniert worden. Wahrscheinlich war alles nur Einbildung gewesen, die hysterische Projektion zweier Verbannter.
Dann aber zuckte Gina plötzlich zusammen. Es war, als hätte ihr jemand ein Messer in den Rücken gestoßen. Sie fasste sich an die Brust, umklammerte ihren Hals mit den Fingern, als wollte sie den Tod aus sich herauspressen, dann stand sie auf, torkelte in Richtung Sofa, strauchelte jedoch auf dem Weg dorthin und stürzte zu Boden.
Der Tod legte sie auf die Streckbank. Er riss ihren Kopf nach hinten, band ihre Glieder an unsichtbare Fäden, mit denen er sie wie eine ekstatisch tanzende Marionette hin und her warf, er sprach mit seiner Stimme aus ihrem Mund. Schließlich wurde ihr Körper von einem letzten heftigen Zittern erfasst. Ihr Kopf, eine achtlos in den Raum geworfene Murmel, schnellte noch einmal nach oben, ehe das Leben sie endgültig ausspie wie einen Essensrest, der einem zwischen den Zähnen steckt.
In der Erregung des Tanzes hatte der Tod, der große Vergewaltiger, seinem Opfer den nur lose zusammengebundenen Morgenmantel vom Leib gerissen. Eine alabasterfarbene Brust und eine kindlich-unbehaarte Scham boten sich unschuldig dem neuen Tag dar. Für einen kurzen Augenblick, ehe das Fleisch verwelken und Dr. France sich seine Beute holen konnte, erstrahlte der Torso des geistentbundenen Leibes in der makellosen Schönheit einer griechischen Statue.
Starr stand ich neben dem unbewohnten Körper. Zu meiner eigenen Verwunderung empfand ich weder Trauer noch Entsetzen. Das Ganze hatte für mich etwas von jenen fremden Sternenkonstellationen, wie sie die Astronomen zuweilen mit den Köchern ihrer Teleskope einfangen. Wenn überhaupt etwas meinen Gleichmut durchbrach, so war es die Genugtuung darüber, dass dieser seiner Regenbogenhaut beraubte Mensch nun nur noch ein schwarzer Tupfer im gewaltigen Heer der Schatten war, dem auch ich angehörte.

Gebundene Ausgabe 2015

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überarbeitete Ausgabe 2023

Kindle

ePub (Lehmanns)

English Version

The Banshee in the Ridiculous Disguise

Ahmet and Gesa try in vain to destroy the can in which they suspect the deadly poison for Gina. Now they can only hope that they were wrong.

For a while Gesa and I continued our efforts to deprive the can of energy drink of its supposedly lethal effect. After all, we couldn’t just stand by and watch Gina drink the poison! But all our attempts were unsuccessful.
Looking for a possible remedy, my eyes suddenly fell on a glossy brochure lying next to the flat screen. It was advertising material for an investment fund, something that normally wouldn’t have been of interest to me at all. The reason my eyes were nevertheless glued to the brochure was the name of the fund manager: Gina Vassiliadis.
I looked once, I looked twice – but no, I wasn’t mistaken: The fund manager was the same woman who was engaged in a completely different business in this flat.
Puzzled, I tried to explain to myself what connection there could be between the two fields of activity. Was the occupation Gina was involved in here perhaps just a kind of hobby for her? Had the aversion to the opposite sex, which had certainly also been forced upon her due to her participation in Dr. France’s experiment, triggered in her a sadistic desire to ridicule men?
Was it conceivable that she took pleasure in turning reputable gentlemen into helpless panting dogs? That this was a kind of relaxation for her, a balance to her usual work, where even the smallest mistake could result in the loss of piles of money and destroy entire livelihoods? Or was she simply trying to use her sexual activities to make a profit, to subject her private life to the laws of economics? Was this perhaps the very effect of Dr. France’s wonder drug?
All of a sudden it was completely quiet in the flat – Gina had finished the phone call. I looked over at Gesa for help, but she just shrugged her shoulders. So did we have to resign ourselves to being helpless witnesses to an insidious poison murder? Or were we perhaps wrong? Had the poison been placed in a completely different place?
I was annoyed that the idea had not occurred to me sooner. Hastily I hurried to the kitchen. But everything was tidy there, no cup or glass was to be seen in which the poison could have been hidden. As for the contents of the fridge, however, I could not check them because the door resisted my attempts to open it.
Now we could only hope that Gina would perhaps pour away the already stale energy drink – or that she would leave the flat for a moment to get something for breakfast. Then it would have been conceivable that we could have briefly reached through the bars of our undead cage to destroy the supposedly lethal can weapon.
After finishing the phone call, Gina first lit another cigarette. Then she leaned back on the sofa, relaxed, and checked a few messages on her smartphone. It was clear to see that she was pleased with herself.
In fact, her business model was highly profitable. Without having to expose herself directly to the dirt and germs of the testosterone-sick customers, she could still profit from their sex-blind willingness to pay. Not even the direct use of her body was necessary.
Of course, more modern forms of virtual bodily contact had long since existed, transferring the infantile pleasure of looking at and showing off naked flesh into the cyber world. But obviously there were still enough sex addicts who preferred to retreat into the séparée of anonymous, masked mobile phone contact instead of celebrating their own escape from the masks of convention in the marketplace of the virtual world.
Gina took another drag on the cigarette, blew out the smoke and buried the butt among the other cigarette remnants in the ashtray. Yawning, she then put her arms around her neck and stretched her head back to loosen up.
Finally, she rose and strolled unsuspectingly to her work desk, where the impressive flat screen was enthroned. She switched on the computer, which immediately reported for duty, beeping and whirring. At the same time, she reached carelessly for the can of energy drink.
Gesa and I obviously had the same impulse. Together we rushed towards Gina to dissuade her from her intention with the icy radiance of our non-being.
The effect was quite as we had expected: Gina shivered and then looked around the room, searching for an explanation for the sudden feeling of eeriness. But since she didn’t notice any change around her, she probably blamed her discomfort on her tiredness and turned back to the screen.
At least we had gained some time this way – because the computer had booted up in the meantime. Looking at the lined-up symbols, Gina put down the energy drink. She clicked on one of the symbols, concentrated briefly on the image that was building up – and then reached for the can again, this banshee in the ridiculous disguise.
Now we could only have stopped the course of events by taking material form. In the end, however, nothing would have been gained by this. Although Gina could not have been poisoned then, she would inevitably have been drawn into the maelstrom of our non-being. She would have simply perished in a different way. At the same time, though, Gesa and I would have forfeited our right to exist by crossing the border that had been set for us, and thus also lost the possibility of ending the poisoner’s activities.
Moreover, I did not know how I could have brought about my materialisation. Obviously, it could not be forced by a conscious decision. Rather, it seemed to require a very specific state of excitement that was beyond conscious control.
So we had no choice but to submit to the role of inactive spectators. We had to watch how Gina grasped the can with her fingers, how she brought it infinitely slowly to her mouth and drank from it. In blind obedience, the swallowing reflex opened the gate to her body for the invisible enemy. The innocent clacking that accompanied this act, performed countless times, already sounded like the snap of a lock, as if someone had closed a coffin lid over her.
For a few seconds nothing happened. Had it been a false alarm after all? Had the can not been turned into a lethal weapon after all? Had it all been imagination, the hysterical delusion of two exiles?
But then Gina suddenly flinched. It was as if someone had stabbed her in the back with a knife. She grabbed her chest, clutched her neck with her fingers as if she was trying to squeeze Death out of her like an unwanted child, then she stood up, staggered towards the sofa, but stumbled on the way and fell to the floor.
Death laid her on the rack. He yanked her head back, tied her limbs to invisible strings with which he tossed her back and forth like an ecstatically dancing puppet, he spoke with his voice from her mouth. Finally, her body was seized by a last violent tremor. Her head, a marble carelessly thrown into the room, shot up once more before life finally disgorged her like a piece of food stuck in one’s teeth.
In the excitement of the dance, Death, the great rapist, had torn off his victim’s loosely tied dressing gown. An alabaster-coloured breast and a childlike, hairless pubis presented themselves innocently to the new day. For a brief moment, before the flesh could wither and Dr. France could seize his prey, the torso of the uninhabited body shone with the flawless beauty of a Greek statue.
Frozen, I stood beside the body abandoned by the spirit. To my own amazement, I felt neither grief nor dismay. Rather, I regarded the scene like those strange constellations of stars that astronomers sometimes capture with the quivers of their telescopes. If anything disturbed my equanimity, it was the satisfaction that this person, deprived of her rainbow skin, was now only a black speck in the vast army of shadows to which I myself belonged.

Bilder / Images: Adolf Emil Hering (1863 – 1932): Der Tod und das Mädchen / Death and the Maiden (1900); Wikimedia Commons; August Brömse (1873 – 1925): Eine Todte; aus dem Zyklus Der Todt und das Mädchen / A dead woman; from the cycle Death and the Maiden (1902); Wikimedia Commons

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