Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming
Gesa und Achmet versuchen, einen weiteren Giftmord zu verhindern. Dabei werden sie Zeugen eines merkwürdigen Liebesspiels.
Hörfassung
Lustlos stocherte der Morgen im Nebel herum. Die schmutzig-grauen Laken, die er durch die Fenster hindurch befingerte, reagierten auf seine matten Berührungen ebenso wenig wie eine schlafende Frau, die sich den Liebkosungen ihres Liebhabers unbewusst entzieht, indem sie sich auf die andere Seite wälzt.
Wie schnell doch die Nacht vergangen war! Wieder einmal musste ich feststellen, dass ich jedes Zeitgefühl verloren hatte. Ich war vollständig aus der Zeit gefallen. Es schien, als hätte man mir die Neugeburt nur deshalb gewährt, um mir meine Heimatlosigkeit in der von mir verlassenen Welt vor Augen zu führen.
Am stärksten machte sich die Entfremdung dann bemerkbar, wenn ich mich mit Gesa unterhielt. Bei jedem Wort hatte ich das Gefühl, in einen tiefen Brunnen hineinzurufen, aus dem mir das entstellte Echo meiner Gedanken entgegenhallte. Ich hörte mich reden, ich hörte Gesa antworten, aber ich hatte doch die ganze Zeit über das Gefühl, einem Gespräch von Fremden zu lauschen.
Die Worte, die ich benutzte, waren wie Disteln in meinem Mund, sie taten mir weh, denn sie erinnerten mich an die Zeit, als ich in ihnen mein geistiges Zuhause gefunden hatte. Ich konnte jedoch nicht anders, als mich ihrer zu bedienen, da ich für meine neue Existenz noch keine adäquaten Ausdrucksformen gefunden hatte. Wahrscheinlich gab es diese auch gar nicht. Denn musste nicht eine Existenz, deren Wesen das Nichtsein war, sprachlos sein?
Die Welt, in der ich mich eben noch bewegt hatte wie ein Embryo in seiner Fruchtblase, war für mich auf einmal zur Heimat einer fremden Spezies geworden. Wie ein Außerirdischer blickte ich auf all die S- und U-Bahnen, die im Sekundentakt heranratterten und wieder abfuhren, auf all die Menschen, die sie im Laufschritt zu erreichen suchten und sich ärgerten, wenn die Züge ohne sie jene Ziele ansteuerten, die im Grunde gar nicht die ihren waren.
Ebenso fremd waren mir auf einmal all die uniformen Straßenfluchten, eine der Klon der anderen und doch jede mit einem anderen Namen versehen, in dem hilflosen Versuch, das Ununterscheidbare unterscheidbar zu machen. Verständnislos blickte ich auf all die grell geschminkten Werbetafeln, mit denen die Hure Welt sich ihren Freiern anpries.
War ich hier wirklich einmal zu Hause gewesen? War dies der Kokon, in den ich unbedingt hatte zurückkehren wollen? Unwillkürlich schüttelte ich den Kopf. Ich fühlte mich wie jemand, der die geliebte Mutter eines Tages bei der Arbeit auf einem billigen Straßenstrich ertappt.
Eine Bemerkung Gesas riss mich aus meinen Gedanken. „Da vorne“, murmelte sie, „eins der Häuser muss es sein!“
Sie wies mit dem Finger auf einen Häuserblock, der sich ganz am Ende der Straße befand. Mit verhangenem Blick starrten die rotgeränderten Fenster auf uns herab. An einigen Stellen wölbten sich Balkone dickbäuchig aus dem Mauerwerk.
Gesa zählte die Nummern an den Hauseingängen ab: „1a … 1b … 1c … 1d … Es muss das letzte Haus in der Reihe sein!“
Wir hatten das Haus, in dem Nr. 5, die nächste Person auf der Todesliste von Dr. France, lebte, schon fast erreicht, als wir eine Gestalt aus der Tür huschen sahen. Rasch bog sie um die Ecke und war gleich darauf vom Nebel verschluckt.
„Sag mal“, fragte mich Gesa, „war das nicht unser mordlüsterner Doktor?“
„Du hast Recht“, stimmte ich ihr zu. „Das könnte er gewesen sein. Obwohl … Eigentlich erinnert mich die Gestalt an jemand anderen, aber …“
Gesa begann zu rennen. „Heb dir deine Gedanken für später auf!“ rief sie mir zu. „Jetzt müssen wir handeln – sonst ist es vielleicht zu spät!“
Ich ärgerte mich darüber, dass wir, was die Fortbewegung anbelangte, weiter an die alten physikalischen Gesetzmäßigkeiten gebunden waren. Wer durch Wände gehen konnte, hätte doch eigentlich auch die Fähigkeit zur Überwindung der Schwerkraft haben müssen.
„Gina Vassiliadis“, lasen wir an der Türklingel, und darunter, in krakeliger Schrift: „3. Stock links.“
In lautloser Eile hasteten wir nach oben, wobei wir mitten durch herabgaloppierende Hausbewohner hindurchstürmten. Wenige Augenblicke später standen wir in der Wohnung der gefährdeten Person.
Die Dame des Hauses war gerade am Telefonieren. Aus dem Nachbarzimmer drangen die typischen abgehackten Gesprächsfetzen an unser Ohr: „Ja, mein Schatz … Für dich doch immer … Aber gerne doch …“
Ein gurrendes Kichern schob sich zwischen die Satzstummel, gefolgt von der koketten Warnung: „Das kostet aber extra …“
Wir durchquerten einen schmalen Flur und betraten das Zimmer, aus dem wir die Worte vernommen hatten. Unser Blick fiel auf eine Frau um die dreißig, ungeschminkt und mit modischem Kurzhaarschnitt. Nachlässig in einen Morgenmantel gehüllt, räkelte sie sich auf dem Sofa.
In der abgestandenen Luft warteten die Rauchschwaden der Zigaretten, deren Überreste aus dem Aschenbecher auf dem Couchtisch quollen, vergeblich darauf, sich mit den Nebelschwaden vor dem Fenster vereinen zu dürfen. Verschwommen zeichnete sich an der hinteren Wand das Tor zur Welt ab, ein Flachbildschirm, flankiert von zwei kleinen Lautsprechern.
Ein eigenartiges Ambiente für eine Erfolgsgeschichte, dachte ich. Hatten wir uns vielleicht in der Tür geirrt? Oder war dies womöglich ein lebendiger Beweis dafür, dass Dr. France mit seinen Experimenten auch scheitern konnte?
Das Telefongespräch steuerte derweil rasch auf seinen Höhepunkt zu. „Dein Gestöhne macht mich ganz feucht“, säuselte Gina in ihr Smartphone. „Ich fasse mir gerade an meine Brüste – meine Nippel sind schon ganz hart“, wisperte sie weiter, während sie mit geübtem Griff eine Zigarette aus der Packung nestelte.
Dann hauchte sie, sich die Zigarette anzündend, routiniert: „Und jetzt gleitet mein Finger zwischen meine Beine.“ Den Rauch auspustend, stöhnte sie: „Ah, ist das geil …“
Dabei legte sie das Handy auf den Tisch und stellte ein altes Diktiergerät daneben. Während aus dem Diktiergerät in Endlosschleife ihr Gestöhne drang, war aus dem Smartphone ein sich ständig steigerndes Gehechel zu hören, begleitet von einer vibrierenden Stimme: „Ja, Baby, gib’s mir … Oh ja …“ Gleichzeitig steigerte sich das Gestöhne des Diktiergeräts zu einem Tremolo spitzer Schreie.
Gina war derweil ans Fenster getreten. Vorsichtig öffnete sie einen Flügel und lehnte sich auf das Fensterbrett. Der kühle Herbstwind zerrte an ihrem Morgenmantel und ließ sie frösteln. Sie blies den Rauch ihrer Zigarette durch die Nase aus, dann machte sie das Fenster rasch wieder zu.
Dies war der Moment, in dem ich es bemerkte. Es war ja im Grunde auch kaum zu übersehen. Nur weil das erotische Concertino bislang unsere ganze Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, war uns das entscheidende Detail in dem Raum entgangen. Neben dem Flachbildschirm, genau in meinem Blickfeld, stand eine geöffnete Dose mit einem Energy Drink. Wenn Dr. France tatsächlich schon einen Giftcocktail für Gina angerührt hatte, so hatte er ihn wahrscheinlich in dieses Getränk gemischt.
Ich wandte mich zu Gesa um. Offenbar war ihr die Dose im selben Augenblick aufgefallen wie mir. Ratlos sahen wir einander an. Seltsamerweise wagten wir nicht, miteinander zu reden.
Es war ein ganz unsinniges Relikt aus unserem abgelegten Leben, eine Scheu, die natürlich völlig fehl am Platze war. Denn genau das, was wir, geleitet von unseren früheren Reflexen, fürchteten, hätten wir uns ja eigentlich wünschen müssen: dass Gina unsere Stimmen hören könnte. Ihre Beschämung und ihre Entrüstung über unser unbefugtes Eindringen in ihre Privatsphäre wären sicher bald einer großen Dankbarkeit gewichen, wenn sie begriffen hätte, dass dies die einzige Möglichkeit war, ihr das Leben zu retten.
Das stöhnende Diktiergerät und das hechelnde Handy waren derweil dabei, ihr postmodernes Duett mit einem Finale furioso zu krönen. Gina befeuerte das Gehechel noch einmal kurz, indem sie beiläufig „Ah, ich komme“ in das Smartphone hauchte. Daraufhin ging das Hecheln in ein Japsen über und steigerte sich dann bis zur Atemlosigkeit, ehe es schließlich in einem lang gezogenen Seufzer erstarb.
Gina ließ das ekstatische Prestissimo in einem wollüstigen Parlando ausklingen, um das gewinnträchtige Telefonat noch ein wenig in die Länge zu ziehen. Dies gab Gesa und mir die Gelegenheit, den Platz um den mutmaßlich todbringenden Energy Drink näher unter die Lupe zu nehmen. Vielleicht fände sich ja doch eine Lücke in der unsichtbaren Mauer, die uns von dem innerweltlichen Geschehen trennte.
Während Gina im Hintergrund weiter in ihr Smartphone säuselte, versuchten Gesa und ich, die tödliche Dose zu verstellen, zu verdecken oder umzustoßen. Aber es war nichts zu machen. Genauso hätten wir uns vornehmen können, in eine Leinwand einzusteigen, um die Handlung eines Films zu beeinflussen.

Gebundene Ausgabe 2015

English Version
Love Game on the Abyss

Gesa and Ahmet try to prevent another poison murder. In the flat of the potential victim, they come across a strange love game.
Listlessly, the morning poked around in the mist. The dirty grey sheets he fingered through the windows responded as poorly to his languid touch as a sleeping woman who unconsciously evades her lover’s caresses by rolling over to the other side.
How quickly the night had passed! Once again I realised that I had lost all sense of time. In fact, I had fallen completely out of time. It seemed as if I had been granted the new birth only to make me aware of my homelessness in the world I had left behind.
The moments when my alienation was most evident were when I spoke to Gesa. With every word I said, I felt like I was screaming into a deep well from which the distorted echo of my thoughts resounded. I heard myself talking, I heard Gesa answering, but all the time I had the feeling that I was listening to a conversation of strangers.
The words I used were like thistles in my mouth, they hurt me because they reminded me of the time when I had found my spiritual home in them. Yet I couldn’t help using them because I hadn’t yet found adequate forms of expression for my new existence. But probably there were no such forms at all: Didn’t an existence whose essence was non-being have to be speechless?
The world in which I had only recently moved like an embryo in its amniotic sac had suddenly become the home of an alien species for me. Like an extraterrestrial being, I looked at all the suburban and underground trains that rattled in and out every second, at all the people who tried to catch them in a hurry and got annoyed when the trains left without them to destinations they didn’t really want to reach.
Equally alien to me were all the uniform streets, each a clone of the other and yet each with a different name, in a helpless attempt to make the indistinguishable distinguishable. Stunned, I looked at all the garishly painted billboards with which the world, that old whore, wooed customers.
Had I really been at home here once? Was this the cocoon I had desperately wanted to return to? Lost in thought, I shook my head. I felt like someone who one day finds his beloved mother at work in a seedy red-light district.
A remark by Gesa snapped me out of my thoughts. „Over there,“ she murmured, „one of those houses must be the one we’re looking for!“
She pointed her finger at a block of houses at the end of the street. The red-rimmed windows stared down at us with a clouded look. In some places balconies bulged thick-bellied out of the brickwork.
Gesa counted off the numbers at the entrances to the houses: „1a … 1b … 1c … 1d … It must be the last house in the row!“
We had almost reached the house where No. 5, the next person on Dr. France’s death list, lived when we saw a figure scurry out of the door. Quickly the person turned the corner and was immediately swallowed up by the fog.
„Wasn’t that our murderous doctor?“ Gesa asked me.
„You’re right,“ I agreed with her. „It could have been him. Although … Actually, the figure reminds me of someone else, but …“
Gesa began to run. „Save your thoughts for later!“ she shouted at me. „Now we have to act – otherwise it might be too late!“
I was annoyed that we were still bound by the old laws of physics as far as locomotion was concerned. Actually, if you can walk through walls, you should also have the ability to overcome gravity.
„Gina Vassiliadis“, we read on the doorbell, and underneath, in scrawly writing: „3rd floor left“.
Soundlessly, we hurried upstairs, rushing right through residents galloping downstairs. A few moments later we were standing in the flat of the endangered woman.
She was just talking on the phone. From the next room, the typical choppy snatches of conversation reached our ears: „Yes, my darling … with pleasure … I’d love to …“
A cooing giggle mingled with the sentence fragments, followed by the flirtatious warning: „But you’ll have to pay extra for that …“
We crossed a narrow corridor and entered the room from which the words had reached us. Our eyes fell on a woman in her thirties, without make-up and with a fashionable short haircut. Carelessly wrapped in a dressing gown, she was lolling on the sofa.
In the stale air, the smoke from the cigarettes, the remains of which were pouring out of the ashtray on the coffee table, waited in vain to join the mist outside the window. On the back wall, the gateway to the world, a flat screen flanked by two small loudspeakers, was vaguely discernible.
A strange setting for a success story, I thought. Had we perhaps made a mistake in the door? Or was this living proof that Dr. France could also fail with his experiments?
Meanwhile, the telephone conversation was rapidly coming to a climax. „Your moans are making me all wet,“ Gina purred into the smartphone. „I’m grabbing my breasts right now – my nipples are already hard,“ she continued to whisper as she casually pulled a cigarette out of the pack.
Then, lighting the cigarette, she whispered routinely: „And now my finger slides between my legs.“ Puffing out the smoke, she moaned: „Ah, I’m so horny …“
With that, she put the mobile phone on the table and placed an old dictaphone next to it. While her moans came out of the dictaphone in continuous loop, a steadily increasing panting could be heard from the smartphone, accompanied by a vibrating voice: „Yes, baby, give it to me … Oh yes …“ At the same time, the moaning from the dictaphone increased to a tremolo of sharp cries.
Meanwhile, Gina had stepped to the window. Carefully, she opened a casement and leaned on the window sill. The cool autumn wind tugged at her dressing gown and made her shiver. She blew out the smoke from her cigarette through her nose, then quickly closed the window again.
This was the moment when I noticed it. After all, it was basically hard to miss. It was only because the erotic concertino had attracted all our attention so far that the decisive detail in the room had escaped us. Next to the flat screen, right in my field of vision, was an opened can of energy drink. If Dr. France had indeed prepared a poison cocktail for Gina, he had probably mixed it into this drink.
I turned to Gesa. Apparently she had noticed the can at the same moment as I had. We looked at each other, perplexed. Strangely, we didn’t dare talk to each other.
It was a quite nonsensical remnant from our discarded lives, a timidity that was, of course, completely misplaced. After all, it was precisely what our earlier reflexes made us fear that we should actually have wished for: that Gina could hear our voices. Our invasion of her privacy would surely have been bearable for her as soon as she would have realised that this was the only way to save her life.
Meanwhile, the moaning dictaphone and the panting smartphone were about to complete their post-modern duet with a finale furioso. Gina briefly fuelled the panting once more by casually breathing „Ah, I’m coming“ into the mobile phone. Then the panting turned into a gasp before finally fading into an exhausted sigh.
Gina let the ecstatic prestissimo end in a voluptuous parlando to make the profitable phone call continue a little longer. This gave Gesa and me the opportunity to take a closer look at the space around the presumably deadly energy drink. Maybe we could find a gap in the invisible wall that separated us from the inner-worldly events.
While Gina continued to purr into her mobile phone in the background, Gesa and I tried to move, cover or knock over the deadly can. But there was nothing we could do. We could just as well have tried to enter a screen to influence the plot of a film.
Bilder / Images: Heinz Friedrich: König, Schönheit und Tod (King, Beauty and Death, 1986); Wikimedia Commons (Ausschnitt / detail); Clara Siewert (1862 – 1945): Der Tod und das Mädchen / Death and the Maiden (before 1936); Wikimedia Commons
