Häutungen / The Mirror of Life

Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming

Instinktiv zieht es Gesa und Achmet zurück an den Ort, von wo ihr Unglück seinen Ausgang genommen hat. Dort stoßen sie auf das, was sie auf dem Friedhof vergeblich gesucht haben.

English Version

Hörfassung:

Der Mond hatte sich gerade hinter einer dicken Wolke verkrochen, als Gesa und ich vor dem kastenförmigen Bau eintrafen, in dem Visions for Humanity seinen Sitz hatte. Wie Schimmelpilze, die sich durch eine Sandsteinmauer fressen, sickerten wir ins Innere des Gebäudes ein.
Drinnen herrschte vollkommene Dunkelheit. Ich musste daran denken, dass ich mich früher in einer solchen Situation wohl vor mir selbst gefürchtet hätte: vor meinem Herzschlag, dessen Pulsieren in meinen Ohren ich vielleicht für das Geräusch näher kommender Schritte gehalten hätte; vor meinem Atem, der mir auf einmal viel zu laut, viel zu auffällig erschienen wäre.
Jetzt aber war die Finsternis für mich wie eine weiche Decke. Bereitwillig ließ ich mich von ihr umfangen, weil ich dadurch nicht mehr mit einer Welt konfrontiert wurde, deren Erscheinungen – so vertraut sie mir auch waren – mich abstießen wie ein schädliches Gift.
Hinzu kam, dass die Dunkelheit weder mir noch Gesa die Orientierung erschwerte. Zielstrebig bewegten wir uns voran, als wären wir nicht nur ein einziges Mal in dem Gebäude gewesen, sondern ein Leben lang dort ein- und ausgegangen. Seltsam war nur, dass wir uns nach unten, in Richtung Keller, orientierten, obwohl ich mich genau daran erinnerte, dass ich seinerzeit nach oben gegangen war.
Kurz darauf wurde mir klar, was mich an den Kellerräumen so magisch angezogen hatte. Durch die geöffnete Tür eines offenbar als Labor genutzten Raums drang Licht auf den Flur. Von drinnen war leises Geklapper zu hören, wie wenn jemand immer wieder verschiedene Werkzeuge in die Hand nimmt und kurz darauf zur Seite legt.
Während ich noch zögerte, trat Gesa, die sich anscheinend schon stärker an ihre Tarnkappenexistenz gewöhnt hatte, umstandslos über die Schwelle. In ihrem Sog glitt auch ich in den Raum.
Noch bevor ich den Mann erreicht hatte, der da in dem Labor hantierte, wusste ich, um wen es sich dabei handelte: um niemand anderen als Dr. France. Näher kommend erkannte ich, dass er vor einem Operationstisch stand, auf dem ein toter Körper lag. Dieser war vollständig von einer glänzenden Schicht überzogen, die augenscheinlich den Verwesungsprozess aufhalten sollte. Die Schädeldecke war mit einem kreisrunden Schnitt abgetrennt worden. Ungeschützt schimmerten die Gehirnwülste unter der grellen Sezierlampe.
In der Hand hielt Dr. France einen Elektrostab, mit dem er den Gehirnwülsten an unterschiedlichen Stellen Stromstöße versetzte. Je nachdem, wohin er den Stab lenkte, leuchteten, von ihm akribisch protokolliert, immer wieder andere Regionen auf. Dabei empfand ich jedes Mal eine Art Phantomschmerz, wie bei jemandem, der abgetrennte Gliedmaßen zu spüren meint – denn der Leichnam, den der Elektrostab zum Zucken brachte, war mein eigener.
Deshalb also hatte ich auf dem Friedhof vergeblich nach meinem Grab Ausschau gehalten – die Beerdigung sollte wohl erst nach Abschluss dieser postmortalen Fummelei stattfinden!
Ich stellte mich ans Fußende des Operationstischs und ließ meinen Blick über das leblose Gebilde wandern, das den Befehlen seines neuen Herrn so hilflos ausgeliefert war. Durch diese leeren, vom Licht gemiedenen Höhlen hatte also einmal der Schmuckkasten der Welt in mich hineingeleuchtet. Dieser dünne Lippenstrich hatte sich früher lustvoll geöffnet und mich die Welt verschlingen lassen, um in ihr verweilen zu können. Dieser schon etwas rissig wirkende Lederbezug, der sich über den Brustkorb spannte, hatte früher rhythmisch im Takt des Lebens vibriert. Dieser in sich zusammengesunkene Wurmfortsatz in der Körpermitte hatte früher, in einen Zauberstab des Lebens verwandelt, einen die Verwandlung der ganzen Welt erträumenden Lustrausch in mir aufsteigen lassen.
Ich war so in die Betrachtung meiner abgelegten Hülle versunken, dass ich gar nicht mehr auf Gesa geachtet hatte. Erst als ich mich nach ihr umsah, erkannte ich, dass auch sie sich vor den Überbleibseln ihrer einstigen Existenz aufgestellt hatte; denn außer meinem eigenen waren noch drei andere Körper in dem Raum aufgebahrt, darunter auch der Gesas.
Allerdings befand Gesas einstiges Daseinskleid sich, wie auch die übrigen Leichname, bereits in einem fortgeschritteneren Stadium des Verfalls. Die Gehirnwülste waren in kleine Stückchen zerschnitten, so dass sie aussahen wie ein Haufen Blutegel, die Haut pellte sich an vielen Stellen schon wie nach einem schweren Sonnenbrand vom Körper ab, und der Bauch war aufgeschlitzt, so dass es schien, als würde daraus ein Nest toter Schlangen hervorquellen.
Offensichtlich ließ sich der Verwesungsprozess durch die aufgetragene Salbe nur für eine begrenzte Zeit aufhalten. Dies erklärte auch, warum Dr. France zu so später Stunde noch in seinem Labor anzutreffen war: Um in der kurzen Frist alle geplanten Experimente durchführen zu können, musste er auch Nachtschichten einlegen.
Das Magma der Wut, das ich in Gesas Augen aufblitzen sah, kannte ich nur allzu gut. Ich wusste um seine Zerstörungskraft, und ich wusste auch, dass man es, wenn es einmal aufgestiegen war, kaum wieder zurückdrängen konnte. Das Problem war nur: Ich konnte Gesa ja nicht am Arm packen, sie wegziehen von dem ahnungslosen Opfer, auf das sie sich mit dem Schleichräubergang einer Raubkatze zubewegte. Ich war darauf angewiesen, Blickkontakt mit ihr aufzunehmen, meine Gedanken in ihre Augen einzuschreiben.
Erst im letzten Moment, als sie schon unmittelbar hinter Dr. France stand, wandte Gesa sich zu mir um. Wir tauschten einen langen, gedankenreichen Blick miteinander. Da begriff auch sie, dass es keinen Sinn gehabt hätte, ihrem Rachedurst nachzugeben. Denn so hätte sie nicht nur das Krümelchen Existenz verloren, das ihr geblieben war. Vielmehr wäre es uns dann auch nicht mehr möglich gewesen, durch die Beobachtung des undurchsichtigen Forschers das Rätsel zu lösen, das ihren wie meinen Tod umgab.
Der Mann am Operationstisch zuckte zusammen und sah sich um, als meinte er, ein verdächtiges Geräusch gehört zu haben. Da er aber nichts Auffälliges bemerkte, wandte er sich wieder seiner Arbeit zu. Dabei gähnte er herzhaft. Offenbar hatte die kurze Unterbrechung ihm bewusst gemacht, wie müde er war.
Kurz darauf legte er denn auch die Versuchsgeräte zur Seite und ging mit den Notizen, die er sich die ganze Zeit über gemacht hatte, zu dem in der Ecke stehenden Computer. Gesa und ich folgten ihm und stellten uns hinter ihn. So konnten wir bequem zusehen, wie er die Forschungsergebnisse in vorbereitete Tabellen eintrug.
Assoziationsdiagramme und Reaktionsmustergrafiken glitten und hüpften über den Bildschirm, es wurden Werte für Korrelationskoeffizienten, Vitalitätsvalidität und Synapsensynergie ermittelt, alles zusammengebunden von einer Art Formel, die wie ein neues Weltengesetz in ihrer Allgemeingültigkeit bestätigt werden sollte. Als der Computer wieder heruntergefahren wurde, waren wir auch nicht schlauer als zuvor.

Gebundene Ausgabe 2015

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überarbeitete Ausgabe 2023

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ePub (Lehmanns)

English Version

The Mirror of Life

Instinctively, Gesa and Ahmet are drawn back to the place where their misfortune began. There they come across what they have been searching for in vain at the cemetery.

The moon had just hidden behind a thick cloud when Gesa and I arrived in front of the cube-shaped building of Visions for Humanity. Like mould eating its way through a sandstone wall, we seeped inside the building.
There, complete darkness enveloped us. I remembered that in the past I would have been afraid of myself in such a situation: of my heartbeat, whose pulsing in my ears I might have mistaken for the sound of approaching footsteps; of my breath, which would suddenly have seemed much too loud, much too noticeable.
Now, however, the darkness was like a soft blanket for me. It felt good to be embraced by it because this way I was no longer confronted with a world in which all things – however familiar they were to me – repelled me like a harmful poison.
In addition, the darkness did not prevent either me or Gesa from finding our way. Purposefully, we moved forward, as if we had not only been in the building once, but had lived there for years. The only strange thing was that we were heading downwards, towards the basement, although I remembered exactly that I had gone upstairs back then.
Shortly afterwards I realised what had attracted me so magically to the cellar rooms. Through the open door of a room apparently used as a laboratory, light filtered into the corridor. From inside, a soft clattering could be heard, as if someone was repeatedly picking up and putting aside various tools.
While I was still hesitating, Gesa, who had obviously already become more accustomed to her stealth existence, stepped over the threshold without any fuss. In her wake, I too slid into the room.
Even before I reached the man working in the laboratory, I knew who he was: none other than Dr. France. Coming closer, I realised that he was standing in front of an operating table on which a dead body was lying. Its skin was completely covered with a shiny layer, apparently meant to stop the process of decomposition. The top of the skull had been cut off with a circular incision. Unprotected, the brain bulges shimmered under the glare of the dissecting lamp.
In his hand, Dr. France held an electric stick, which he applied to different parts of the brain bulges. Depending on where he directed the stick, different regions lit up, which he meticulously recorded. Each time he touched the brain, I felt a kind of phantom pain, like someone who feels his severed limbs – because the corpse that the electric stick made twitch was my own.
So that’s why I had searched in vain for my grave at the cemetery – the funeral was probably only to take place after this post-mortem fumbling had been finished!
I stood at the foot of the operating table and let my gaze wander over the lifeless object that was so helplessly at the mercy of its new master’s commands. Through these empty caves, I thought, these caves now shunned by the light, the world’s jewel box had once shone into me. This thin line of lips had once opened with relish and let me devour the world so that I could dwell in it. This leather cover, already a little cracked, stretched across the ribcage, had once vibrated rhythmically to the beat of life. This crumbled worm in the middle of the body, slumped in on itself, had once, transformed into a magic wand of life, triggered a rush of pleasure in me that made the whole world return into its paradisiacal state for a few minutes.
I was so absorbed in contemplating my discarded shell that I had not paid any attention to Gesa. Only when I looked around for her did I realise that she, too, was facing the remnants of her former existence; for apart from my own, three other bodies were laid out in the room, including Gesa’s.
However, Gesa’s former shell, like the other corpses, was already in a more advanced stage of decay. The brain bulges had been cut into small pieces so that they looked like a bunch of leeches, the skin was already peeling off the body in many places as if after a severe sunburn, and the abdomen had been slit open so that it seemed as if a nest of dead snakes was oozing out of it.
Obviously, the process of decomposition could only be stopped for a limited time by the applied ointment. This also explained why Dr. France was still to be found in his laboratory at such a late hour: If he wanted to carry out all the planned experiments within the short time span, he also had to work at night.
The magma of rage that I saw flashing in Gesa’s eyes was something I knew all too well. I was well aware of its destructive power, and I knew it was almost impossible to suppress once it had developed. Unfortunately, though, I couldn’t just grab Gesa by the arm and pull her away from the unsuspecting victim she was moving towards with the sneaky gait of a predatory cat. Instead, I depended on our eyes meeting. Only then could I inscribe my thoughts in her mind.
Only at the last moment, when she was already standing directly behind Dr. France, did Gesa turn to me. We exchanged a long, thoughtful look. Then she too realised that it would have made no sense to give in to her thirst for revenge. Not only would she have lost the crumb of existence left to her. It would also have made it impossible for us to solve the mystery surrounding both our deaths by observing the obscure researcher.
The man at the operating table winced and looked around as if startled by a suspicious noise. But as he did not notice anything unusual, he turned back to his work. As he did so, he yawned heartily. Apparently, the short interruption had made him realise how tired he was.
Shortly afterwards, he put the experimental equipment aside, collected the slips of paper with the notes he had been taking all the time and went to the computer standing in the corner. Gesa and I followed him and stood behind him. This way we could easily watch him entering the research results into prepared tables.
A moment later, association diagrams and reaction rate graphs flickered across the screen. Scores for correlation coefficients, vitality validity and synapse synergy were determined, all bound together by some kind of formula that was to be confirmed in its general validity like a new world law. When the computer was shut down again, we were no wiser than before.

Bilder / Images: Gerd Altmann: Gehirn / Brain (Pixabay); Gerd Altmann: Quantenphysik / Quantum physics (Pixabay)

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