Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming
Hörfassung:
Im Bemühen, etwas über das Verschwinden und die seltsame Veränderung ihres früheren Gatten zu erfahren, begibt auch Gesa sich zu Dr. France. So verliert sie, anstatt Achmet zurückzugewinnen, auch sich selbst.
Alles, was Gesa mir über mich und mein Verhalten ihr gegenüber erzählte, war mir völlig fremd. Es war, als wäre ich durch die Teilnahme an dem Experiment von Dr. France in einen tiefen Brunnen gestürzt und in einer anderen Welt wieder aufgetaucht, ohne jede Erinnerung an mein früheres Leben.
Mit aller Kraft versuchte ich, mich an das Wiedersehen mit Gesa zu erinnern. Wenn auch mein Leben mit ihr aus meinem Gedächtnis gelöscht war, hätte ich mich doch wenigstens an die Spuren ihres Auftauchens in meinem späteren Leben erinnern müssen! Aber noch nicht einmal ein schemenhaftes Bild jenes Zusammentreffens, das doch offensichtlich stattgefunden hatte, tauchte vor meinem inneren Auge auf.
Gesa setzte unterdessen ihren tonlosen Monolog fort. Fast schien es mir, als würde sie über sich selbst wie über eine Fremde reden.
„An einem der nächsten Tage“, berichtete sie, „habe ich dann Post von einem Anwalt erhalten: die Scheidungspapiere. Das Seltsame daran war, dass du die Kanzlei anscheinend nicht selbst mit dem Fall beauftragt hattest. Stattdessen lag dem Schreiben die Vollmacht eines Unternehmens namens Visions for Humanity bei, in der du diesem das Recht einräumst, die Scheidung für dich in die Wege zu leiten.“
Stockend fuhr sie fort: „Der Name des Unternehmens kam mir irgendwie bekannt vor. Nach einigem Nachdenken und Herumkramen ist mir auch wieder eingefallen, woher ich ihn kannte: Er tauchte in einer Anzeige auf, die du kurz vor deinem Verschwinden in der Zeitung angestrichen hattest. Ich konnte mich daran noch erinnern, weil mir der Anzeigentext schon damals suspekt vorgekommen war.“
Gesa hob flüchtig die Hand, als wollte sie sich wie früher eine widerspenstige Locke aus dem Gesicht streichen, hielt aber mitten in der Bewegung inne.
Nüchtern, eine unerbittliche Chronistin ihres eigenen Unglücks, erzählte sie weiter: „Die Zeitung lag noch unter den anderen Tageszeitungen, die ich seit deinem Weggang fein säuberlich in der Küchenecke aufgetürmt hatte – als würdest du nach deiner Rückkehr nichts Besseres zu tun haben, als dich durch die abgestandenen Nachrichten von vorgestern zu wühlen! Sobald ich die Anzeige gefunden hatte, vereinbarte ich einen Termin mit diesem obskuren Unternehmen. Ich war nun überzeugt davon, dass dort der Schlüssel für deine seltsame Veränderung zu suchen war.“
Der dunkle Ruf eines Kauzes mischte sich in Gesas Worte. Nie zuvor war mir der langgezogene Klagelaut so vertraut vorgekommen. Auch Gesa hielt kurz inne, um dem nächtlichen Rufer zu lauschen. Als sie ihren Bericht wieder aufnahm, kam mir ihre Stimme noch eine Spur leiser vor.
„Tja“, gestand sie, „und dann habe ich den entscheidenden Fehler begangen: Um herauszufinden, was mit dir passiert war, warum du mir plötzlich wie einer Fremden gegenübergetreten bist, habe ich eingewilligt, selbst an diesem unglückseligen Experiment teilzunehmen. Mein Plan war, mich nur zum Schein darauf einzulassen und so gewissermaßen verdeckt ermitteln zu können.“
Sie seufzte. „Leider erwies sich das als fatale Selbstüberschätzung. Sobald ich diesem Forscher-Gnom gegenübersaß, kam mir das Experiment plötzlich selbst ganz reizvoll vor. Mein Plan, dich durch meine Teilnahme daran zu retten, diente mir nun nur noch als Vorwand, um meiner Abenteuerlust nachgeben zu können. Die Folge war, dass ich, anstatt dich zurückzugewinnen, auch mich selbst verloren habe.“
An dieser Stelle brach Gesa ihren Bericht abrupt ab. So wirkte das Rascheln des Windes, der gelangweilt an den absterbenden Blättern zupfte, auf einmal unnatürlich laut. Einen Moment lang dachte ich tatsächlich, es wäre noch jemand anderes anwesend. Unwillkürlich senkte ich daher meine Stimme, als ich fragte: „Und … unser Kind?“
„Ungeschehen“, erwiderte Gesa, ohne mich anzusehen. „Nie gewesen. Ebenso unlebendig, wie wir zwei untot sind.“
Erschöpft setzte sie hinzu: „Offensichtlich ist sich dieser Experimentierteufel nicht sicher, wie sein Mittel wirkt, wenn es sich auf Nachkommen der Versuchspersonen überträgt. Vielleicht gibt es ja auch irgendwelche Vorschriften, die es untersagen, so ein Präparat an zeugungsfähigen Personen zu erproben.“
Sie hielt kurz inne. „Jedenfalls scheint den Teilnehmern an dem Experiment zusammen mit dem Versuchsstoff etwas injiziert zu werden, das sie vom anderen Geschlecht fernhält“, schloss sie dann ihren Bericht. „Anders kann ich mir nicht erklären, warum mir der Kontakt mit Männern von einem Tag auf den anderen so zuwider war wie früher die Begegnung mit Giftschlangen oder Kakerlaken. Und dieser Widerwille hat sich dann eben auch auf die Frucht in meinem Leib übertragen, die ja eine direkte Folge des Kontakts mit der plötzlich so verabscheuten Spezies war.“
Der Wind hatte sich gelegt, es war nun ganz still um uns her. Über den Gräbern hatten die Tautropfen sich zu einem dünnen Nebelteppich verwoben.
„Was war eigentlich der Grund für deine Rückkehr?“ wollte ich schließlich noch wissen.
Ich sah Gesa erwartungsvoll an, aber sie schien keine Eile zu haben, auf meine Frage zu antworten. Geistesabwesend starrte sie Löcher in den dichter werdenden Nebel.
Schließlich erklärte sie: „Ich hatte einfach das Gefühl, dass mir mein Leben gestohlen worden war. Seit ich wieder in der Welt bin, weiß ich, dass das mit dem verhängnisvollen Experiment zusammenhängt. Unmittelbar nach meinem Tod hatte ich aber den Eindruck, betrogen worden zu sein, auf die Art meines Ablebens zurückgeführt. Obwohl man mir nämlich einen natürlichen Tod bescheinigt hatte, wusste ich doch ganz genau, dass ich vergiftet worden war.“
„Wie bitte?“ rief ich aus. „Du auch?“
„Was soll das heißen – du auch?“ fragte Gesa ebenso erstaunt zurück. „Willst du damit etwa sagen, dass dir dasselbe passiert ist wie mir?“
Ich nickte, obwohl ich in Gedanken längst woanders war: Wenn wir beide kurz nacheinander vergiftet worden waren, und das auch noch jeweils mit einem nicht nachweisbaren Gift, so konnte das kein Zufall sein. Vielmehr lag es nahe, dass die Morde mit unserer Teilnahme an dem Experiment zusammenhingen. Wollten wir herausfinden, warum man uns gleich zweimal das Leben genommen hatte, mussten wir demzufolge an den Ort zurückkehren, wo das Unglück seinen Lauf genommen hatte.
Das Läuten einer Kirchturmglocke zitterte durch meine Gedanken: Es war Mitternacht. Unwillkürlich fragte ich mich, wo ich eigentlich übernachten sollte. Erst dann bemerkte ich, dass ich nicht die geringste Spur von Müdigkeit empfand. Offenbar war Schlaf in meiner neuen Existenzform nicht vorgesehen. Angesichts der knapp bemessenen Zeit, die mir für die Rückkehr in die Welt gewährt worden war, hätte ich mich darüber eigentlich freuen müssen. Stattdessen verspürte ich jedoch bei dem Gedanken, vier Wochen lang rastlos durch die Welt streifen zu müssen, einen Überdruss, den auch der tiefste Schlaf nicht hätte heilen können.
Vor allem änderte die fehlende Müdigkeit nichts an dem unbestimmten Wunsch, nach Hause zu gehen. Aber wohin hätte ich mich denn wenden sollen? Lag mein Zuhause jetzt nicht eher zwischen den Erdklumpen auf den frisch ausgehobenen Gräbern, wo die Regenwürmer wie Miniaturausgaben von Delfinen immer wieder in die Erde ein- und wieder aus ihr auftauchten? Zwischen dem modrigen Laub, das sich allmählich wieder zu Erde zerteilte?
Ein ferner Widerhall des Trostes, den menschliche Wärme mir früher gespendet hatte, streifte mich. Es war nur eine ganz schwache Empfindung, eine Erinnerung an eine Erinnerung, aber sie veranlasste mich doch dazu, meine Hand nach der Gesas auszustrecken.
Ich spürte keine Berührung, nicht das leiseste Vibrieren der eigenen Haut bei der Annäherung an den fremden Körper. Dennoch hatte ich den Eindruck, dass die Spitzen meiner Finger auf die Gesas trafen.
Dann aber wurde mir bewusst, dass meine Hand in Wahrheit in die fremde Existenz hineinwucherte. Sie durchdrang deren Raum, wie ich von diesem durchdrungen wurde, ohne dass wir dadurch doch die Leere, die uns beide erfüllte, hätten überwinden können. Es war, als würde eine Windböe durch einen Raum mit weit geöffneten Fenstern fegen. Erschrocken zog ich meine Hand zurück.
Ein wissender Blick traf mich. „Komm“, forderte Gesa mich auf. „Nutzen wir die Zeit, die wir nicht haben!“
Ohne dass wir uns über unser Ziel verständigen mussten, brachen wir auf zu dem einzigen Ort, an dem es für uns noch eine Art von Zuhause gab – wenn es auch nur das Zuhause unseres Todes war.

Gebundene Ausgabe 2015

English Version
Gesa’s Story

In an effort to learn something about the disappearance and the strange changes in the behaviour of her former husband, Gesa too goes to see Dr. France. Thus, instead of winning Ahmet back, she also loses herself.
Everything Gesa told me about myself and my behaviour towards her was completely new to me. It was as if I had fallen down a deep well by taking part in Dr. France’s experiment and had reappeared in another world without any memory of my former life.
With all my might I tried to remember the reunion with Gesa. Even if my life with her had been erased from my memory, I should at least have recalled the traces of her appearance in my later life! But not even a shadowy image of that encounter, which had obviously taken place, appeared in my mind’s eye.
Meanwhile, Gesa continued her toneless monologue. It almost seemed to me that she was talking about herself as if she were talking about a stranger.
„On one of the next days“, she reported, „I received a letter from a lawyer: the divorce papers. The strange thing was that you apparently hadn’t commissioned the law firm to handle the case yourself. Instead, the letter was accompanied by the power of attorney of a company called Visions for Humanity, in which you grant them the right to initiate the divorce on your behalf.“
Haltingly, she went on: „The name of the company somehow sounded familiar to me. After some pondering and rummaging around, I remembered where I knew it from: It appeared in an advertisement you had marked in a newspaper shortly before you disappeared. I could still recall it because the text of the ad had sounded somehow suspicious to me.“
Gesa lifted her hand fleetingly, as if she wanted to brush an unruly curl out of her face, but stopped in mid-motion.
Soberly, a relentless chronicler of her own misfortune, she recounted: „The newspaper was still lying among the other dailies I had piled neatly in the kitchen corner since you left – as if you would have nothing better to do on your return than to browse through the stale news of the day before yesterday! As soon as I found the ad, I made an appointment with this obscure company. I was now convinced that the key to your strange transformation was to be found there.“
The dark call of a tawny owl mingled with Gesa’s words. Never before had the long, plaintive cry seemed so familiar to me. Gesa also paused briefly to listen to the nocturnal singer. When she resumed her report, her voice sounded a little softer.
„Well,“ she confessed, „and then I made the crucial mistake: In order to find out what had happened to you, why you suddenly appeared to me like a stranger, I agreed to take part in this unfortunate experiment myself. My plan was to get involved only in pretence and thus be able to investigate undercover, so to speak.“
She sighed. „Unfortunately, that proved to be fatal hubris. As soon as I sat across from that researcher gnome, the experiment itself suddenly seemed quite appealing to me. My plan to save you by participating in it now only served as an excuse to give in to my thirst for adventure. The result was that instead of winning you back, I also lost myself.“
At this point Gesa abruptly broke off her report. So the rustling of the wind, which plucked boredly at the dying leaves, suddenly seemed unnaturally loud. For a moment I actually thought there was still someone else present. Involuntarily, therefore, I lowered my voice as I asked: „And … our child?“
„Unhappened,“ Gesa replied without looking at me. „Never been. Just as unliving as we two are undead.“
Exhausted, she added: „Obviously this research devil isn’t sure about how his substance works when transmitted to the offspring of the test subjects. Perhaps there are even some regulations that forbid testing such a compound on procreative persons.“
She paused for a moment. „In any case, along with the experimental substance, the participants in the experiment seem to be injected with something that keeps them away from the opposite sex,“ she then concluded her report. „This is the only way I can explain why, from one day to the next, getting in touch with men was as repugnant to me as encountering poisonous snakes or cockroaches. And this disgust also affected the burgeoning life within me, which was a direct consequence of the contact with the species I suddenly detested so much.“
The wind had died down. It was now very quiet around us. Above the graves, the dewdrops had woven themselves into a thin carpet of mist.
„What was actually the reason for your return?“ I finally wanted to know.
I looked at Gesa expectantly, but she seemed in no hurry to answer my question. Absent-mindedly, she stared holes in the thickening fog.
Finally she replied: „I just had the feeling that my life had been stolen from me. Since I have been back in the world, I know that this feeling is connected to the fateful experiment. Immediately after my death, however, I had attributed the impression of having been cheated to the way I died – because although I had been certified a natural death, I knew perfectly well that I had been poisoned.“
„But – that can’t be!“ I exclaimed. „You too?“
„What do you mean – you too?“ asked Gesa back, equally astonished. „Are you saying that the same thing happened to you?“
I nodded, although my thoughts had already drifted elsewhere: If we had been poisoned shortly after each other, and both with an undetectable poison, this could not be a coincidence. Rather, it was much more likely that the murders were connected to our participation in the experiment. Therefore, if we wanted to find out why our lives had been taken, we had to return to the place where the misfortune had begun.
The ringing of a church bell trembled through my thoughts: it was midnight. Involuntarily, I asked myself where I was supposed to spend the night. Only then did I notice that I didn’t feel the slightest trace of tiredness. Apparently sleep was not part of my new form of existence. In view of the limited time I had been given for my return to the world, I should have been happy about this. But instead, the thought of having to roam the world restlessly for four weeks filled me with a weariness that not even the deepest sleep could have cured.
Apart from that, the lack of tiredness did not remove my vague desire to go home. But where should I have turned? Wasn’t my home now rather among the clods of earth on the freshly dug graves, where the worms kept slipping in and out of the earth like tiny dolphins? Among the musty foliage that gradually disintegrated back into dust?
A distant echo of the comfort that human warmth had given me earlier emerged in me. It was only a very faint sensation, a memory of a memory, but it still made me reach out for Gesa’s hand.
I felt no touch, not the slightest vibration of my own skin as I approached the foreign body. Nevertheless, I had the impression that the tips of my fingers met those of Gesa.
Then, however, I became aware that my hand was in fact proliferating into the other existence. It penetrated its space, just as I was penetrated by it, without being able to overcome the emptiness that filled both of us. It was as if a gust of wind swept through a room with wide-open windows. Scared, I withdrew my hand.
A knowing look met my eyes. „Come on,“ Gesa urged me. „Let’s use the time we don’t have!“
In silent understanding we set off for the only place where we could still hope to find some kind of home – even if it was only the home of our death.
Bilder / Images: Friedhof / Graveyard (Pixabay; Ausschnitt/detail); Dina Dee: Verlassenes Tor / Deserted Gate (Pixabay)
