Das vom Tod geschenkte Leben / The Life Given by Death

Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming

Der Todesengel gibt Achmets Bitte, noch einmal auf die Welt zurückkehren zu dürfen, statt. Aber nur unter einer Bedingung …

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Ebenso plötzlich, wie es sich auf mich herabgesenkt hatte, lichtete sich das Dunkel wieder. Blinzelnd erkannte ich: Ich befand mich wieder in dem Raum aus Glas, ringsum umgeben von unbeflecktem Himmel. Mir gegenüber blätterte die Gestalt mit dem durchscheinenden Teint in ihren Unterlagen, als hätte ich diesen Ort nie verlassen.

Ein bedächtiges Murmeln plätscherte an mein Ohr: „Tja, wie es scheint, ist Ihrem Antrag tatsächlich stattgegeben worden.“

„Dann wird mir also mein Leben zurückgegeben?“ fragte ich freudig erregt. Ich konnte mich zwar nicht daran erinnern, das Formular ausgefüllt zu haben – aber das war mir in dem Moment herzlich egal.

Ein verwunderter Blick traf mich: „Nein, das natürlich nicht …“

„Wie bitte?“ rief ich aus. „Was sagen Sie da?“ Es war, als hätte man mich ein zweites Mal zum Tode verurteilt.

Die Gestalt mir gegenüber verschwamm nun fast vollständig mit dem Licht, das durch die hohen Glasscheiben ins Innere flutete. So hatte ich den Eindruck, als würde mich aus der Tiefe des Alls eine körperlose Stimme anraunen. „Der Tod ist prinzipiell unwiderruflich“, hallte es durch den Raum.

Unmittelbar darauf wurde der Ton jedoch wieder jovialer, während die Gestalt gleichzeitig klarere Konturen annahm. „Schauen Sie“, wurde ich belehrt, „das ist wie beim Fußball. Der Tod ist gewissermaßen eine Art Tatsachenentscheidung des Schiedsrichters. Wenn man sie zurücknimmt, stört man damit nicht nur den Spielfluss, sondern läuft Gefahr, auch die Dynamik des Spielgeschehens zu verfälschen.“

„Und was sollte dann dieses ganze Brimborium?“ echauffierte ich mich. „Die Kammer der Erinnerung? Dieses dämliche Antragsformular? Warum musste ich mich auf all das überhaupt einlassen, wenn …“

„Weil wir“, unterbrach mich mein Gegenüber, „theoretisch nicht ausschließen können, dass es sich irgendwann auch einmal umgekehrt verhält – dass also der Tod eines Einzelnen die Dynamik des Weltgeschehens verfälscht oder gar außer Kraft setzt.“

Ich stutzte. Zwar hatte ich nie den Eindruck gehabt, eine vollends bedeutungslose Existenz zu führen und ohne jeden Einfluss auf meine Umwelt zu sein. Aber eine Änderung der Dynamik des Weltgeschehens, nur weil ich nicht mehr da war? Das schien mir dann doch etwas zu hoch gegriffen zu sein.

„Ich weiß – so etwas erscheint kaum denkbar“, räumte mein Gegenüber ein, meine Gedanken aufgreifend. „Es handelt sich dabei auch um eine rein hypothetische Annahme, um etwas, das uns in der Praxis noch nie begegnet ist. Aber wir müssen nun einmal stets die potenzielle Realität des Außergewöhnlichen in Betracht ziehen. Schließlich verdanken wir ihr ja auch unsere Existenz.“

„Und was bringt mir die Bewilligung meines Antrags dann?“ wollte ich wissen.

Die Antwort klang wie ein Auszug aus einem Gesetzesblatt: „Sie erhalten dadurch das Recht, für einen Zeitraum von maximal vier Wochen in die Welt zurückzukehren. Während dieser Zeit können Sie die Umstände Ihres Todes überprüfen und seine Auswirkungen untersuchen. Damit schaffen Sie selbst die Grundlage, auf der dann später die Entscheidung über eine etwaige Revision Ihres Todesurteils getroffen werden kann.“

Das engelsgleiche Wesen mit dem bürokratischen Habitus legte eine kurze Pause ein. Als die Stimme wieder an mein Ohr drang, hatte sie einen mahnenden Unterton.

„Ich muss Sie allerdings darauf hinweisen“, wurde ich instruiert, „dass Ihre neue Existenz nichts mit Ihrer früheren gemein haben wird. Auch wenn Sie sich selbst zunächst fühlen werden, als würden Sie in Ihr altes Leben zurückkehren, werden Sie doch ein völlig anderes Wesen sein. Insbesondere Ihre Gefühle und Instinkte werden in vielem das Gegenteil von dem sein, was Sie von früher her kennen. Das liegt daran, dass Ihre neue Existenz Ihnen nicht aus der Fülle des Seins zuströmt, sondern aus dessen absolutem Gegenpol, der völligen Negation des Seins. Aus dem Nichts geboren, werden viele Ihrer Instinkte auf die Vernichtung des Seins abzielen. Geben Sie ihnen jedoch nach, so wird es Ihnen ergehen wie den Bienen, die mit ihrem Stich zwar ein anderes Wesen verletzen können, dadurch aber zugleich ihr eigenes Existenzrecht verwirken.“

Ein letzter feierlicher Blick traf mich: „Wenn Sie Ihren Antrag unter diesen Umständen lieber zurückziehen möchten, so steht Ihnen dies natürlich frei. Noch ist es nicht zu spät dafür.“

Meinen Antrag zurückziehen? Jetzt noch? Nachdem ich all die Selbstkasteiungen und Belehrungen über mich hatte ergehen lassen? Ich dachte ja gar nicht daran! Besser eine kurze, fremdartige Existenz als gar keine!

Ich weiß nicht mehr, ob ich diese Entscheidung laut ausgesprochen oder sie nur in Gedanken formuliert habe. Jedenfalls handelt es sich dabei um das letzte Element in jenem Nebel aus bizarren Träumen, als der mir später, in dem kleinen Park neben meiner alten Wohnung, meine seltsame Reise auf die andere Seite des Seins erschien.

Gebundene Ausgabe 2015

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überarbeitete Ausgabe 2023

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English Version

The Life Given by Death

The angel of death grants Ahmet’s request to return to the world. But only on one condition …

Just as suddenly as it had descended upon me, the darkness lifted again. Blinking, I realised: I was back in the room made of glass, surrounded by immaculate sky. Across from me, the figure with the translucent complexion was leafing through papers as if I had never left this place.

A thoughtful murmur rippled against my ear: „Well, it seems that your application has indeed been granted.“

„So my life will be given back to me?“ I asked, joyfully excited. I couldn’t remember filling out the form – but that didn’t matter to me.

A puzzled look met me: „No, of course not …“

„Excuse me?“ I exclaimed. „What are you saying?“ It was as if I had been sentenced to death a second time.

The figure before me was now almost completely blurred by the light flooding inside through the high glass panes. So I had the impression of a disembodied voice murmuring from the depths of space. „Death is in principle irrevocable,“ it echoed through the room.

Immediately afterwards, however, the tone became more jovial again, while at the same time the figure took on more distinct contours. „Look,“ I learned, „it’s just like in a football match. Death is, in a sense, a kind of factual decision by the referee. If you revoke it, you not only disrupt the flow of the match, but you also run the risk of distorting its dynamics.“

„And what was all that fuss about then?“ I asked indignantly. „The chamber of memory? That stupid application form? Why did I even have to get involved in all that if …“

„Because theoretically,“ my counterpart interrupted me, „we can’t rule out the possibility that at some point the opposite will happen – that the death of an individual will distort or even suspend the dynamics of world events.“

These words left me speechless for a moment. Admittedly, I had never had the impression of leading a completely meaningless existence and of being without any influence on my environment. But a change in the dynamics of world events just because I was no longer there? That seemed a little too highfalutin to me, in spite of everything.

„I know – something like that hardly seems conceivable,“ my counterpart admitted, picking up on my thoughts. „It is indeed a purely hypothetical assumption, something we have never come across in reality. But we must always take into account the potential reality of the extraordinary. After all, we owe our existence to it.“

„And what is the approval of my application good for then?“ I wanted to know.

The answer sounded like an excerpt from a legal text: „The approval gives you the right to return to the world for a maximum period of four weeks. During this time, you can review the circumstances of your death and investigate its effects. In this way, you yourself create the basis on which the decision on a possible revision of your death sentence can be taken later.“

The angelic being with the bureaucratic habitus paused for a moment. When the voice reached my ear again, it had a warning undertone.

„I have to point out to you, however,“ I was admonished, „that your new existence will have nothing in common with your former one. Even though at first you will feel as if you were returning to your old life, you will be a completely different creature. In particular, your feelings and instincts will in many ways be the opposite of what you are accustomed to from your former life. The reason for this is that your new existence will not flow to you from the fullness of being, but from its opposite pole, the complete negation of being. Born out of nothingness, many of your instincts will aim at the annihilation of life. If you give in to them, however, you will suffer the same fate as bees, which forfeit their right to exist as soon as they hurt another living creature with their stinger.“

A last solemn look met my eyes: „If you prefer to withdraw your application under these circumstances, you are of course free to do so. It is still not too late to do so.“

Withdraw my application? Now? After I had endured all the self-mortifications and instructions? I didn’t even give it a thought! Better a short, strange existence than no existence at all!

I don’t remember whether I spoke this decision out loud or only formulated it in my mind. In any case, it was the last element in that fog of bizarre dreams as which later, in the small park next to my old flat, my strange journey to the other side of life appeared to me.

Bilder / Images: Odilon Redon (1840 – 1916): Melancholie / Melancholy (1876); Wikimedia Commons; Odilon Redon (1840 – 1916): Erscheinung / Apparition (c.  1905); New York, Museum of Modern Art (Wikimedia commons)

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