Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming
In der Kammer der Erinnerung sucht Achmet nach einem Beweis dafür, dass er zu Unrecht aus dem Leben abberufen worden ist. Dafür muss er sich aber zunächst durch unzählige andere Trümmer seines Lebens wühlen.
Text hören:
War ich wirklich in der Kammer der Erinnerung gelandet? Oder war das für die seltsame Gestalt, die mich dorthin geschickt hatte, nur eine Chiffre für das ewige Vergessen? Lag ich also in Wahrheit in einem Grab?
Was mich beruhigte, war, dass meine Hände nirgends an Wände stießen. Wenn ich beerdigt worden war, so war dies also eher eine sehr geräumige Gruft als ein Einzelgrab. Allerdings war es anfangs genauso still, wie ich es von einem Leben nach dem Tod erwartet hätte. Lange Zeit war nichts zu hören, noch nicht einmal mein eigener Atem – was für einen Toten aber auch verwunderlich gewesen wäre.
Dann aber drangen von irgendwoher Geräusche an mein Ohr: ein leises Wimmern, ein Schluchzen, ein Aufheulen. Offenbar war ich also nicht allein an diesem Ort.
Ich riss meine Augen auf, um meine Umgebung zu erkunden, aber die Finsternis war so undurchdringlich, dass ich nicht das Geringste erkennen konnte. Auch meine Versuche, mich tastend zu orientieren, waren nicht von Erfolg gekrönt. Der Boden bot meinen Händen keinen Halt, er schien keine feste Struktur zu haben. Je nachdem, an was ich gerade dachte, fühlte er sich mal steinhart und mal samtweich an.
Seltsam, dachte ich – warum hier wohl niemand lachte? Wenn dies eine Kammer der Erinnerung war, mussten doch auch glückliche Tage vor dem inneren Auge auftauchen. Oder war der Schmerz womöglich untrennbar mit dem Wesen der Erinnerung verbunden? Schließlich entstand dieser ja nicht nur durch das wiederholte Durchleiden unangenehmer Erlebnisse. Vielmehr ging auch die Erinnerung an schöne Tage und freudige Ereignisse stets mit dem Bedauern darüber einher, dass diese der Vergangenheit angehörten.
Während die äußere Welt für mich in tiefstes Dunkel gehüllt blieb, entrollte sich in meinem Inneren ein ganzer Kosmos aus Bildern, Tönen und Gerüchen. Ein kleiner Junge warf mir einen schelmisch-verlegenen Blick zu, im Arm eine Schultüte wie eine umgedrehte Rakete. Hinter ihm erkannte ich eine Art Verwaltungsgebäude, mit wie von hochgezogenen Augenbrauen abgerundeten Fenstern. Streng blickten sie auf den Jungen herab.
Ja, dachte ich, das bin ich vor der alten Schule, das Foto hing lange in meinem Kinderzimmer. Aber plötzlich war es, als würde ich in das Foto eintreten, ich spürte wieder den Besitzerstolz, der mich erfüllte, als ich die raschelnde Abdeckung oben an der Schultüte zerriss und in diese hineingriff, wo meine Hände durch ein Meer von Schokolädchen glitten, ehe sie ganz unten auf das lilafarbene Spielzeugauto stießen, das ich mir so sehr gewünscht hatte.
Dann war es plötzlich wieder ganz dunkel. Dieses Mal kam die Dunkelheit aber aus mir selbst.
Wie in einem Traum sah ich mich langsam über einen Kiesweg trotten, ein breiter schwarzer Rücken versperrt mir die Sicht, es ist der Rücken meines Onkels – und plötzlich weiß ich: Das ist die Beerdigung meines Cousins, er hat sich von einer Brücke gestürzt, mit Mitte 20, verfolgt von Stimmen, die ihn aus Duschköpfen und Steckdosen heraus angeraunt hatten, von stechenden Blicken, die ihm im Dunkeln aufgelauert hatten, von finsteren Mächten, die sein Essen vergiftet und seine Getränke radioaktiv verseucht hatten, so dass er nichts zu sich nehmen konnte, ohne sich hinterher vorsichtshalber zu übergeben.
Ohne jede Ordnung stürzten die Erinnerungsfragmente auf mich ein: der durchdringende Klagelaut meines vergifteten Hundes, der sich mit letzter Kraft nach Hause geschleppt hat, sein fassungsloser Blick, als er erkennt, dass ich, sein Herr und Gott, das Leben nicht in ihn zurückzaubern kann; der verheißungsvolle Atem eines Parfums, der sich auf samtener Haut mit dem sehnsuchtsschweren Duft des Weißdorns verbindet, demselben Duft, der auch durch das geöffnete Fenster eines Büroraums dringt, dort aber von erkaltetem Zigarettenrauch erstickt wird.
Staubkörnchen tanzen in der Luft, an den Wänden ziehen sich Regale entlang, vollgestellt mit Aktenordnern und Büchern, dem Schatz des Wissens, sauber filetiert. Draußen ein Schild: „Prüfung! Bitte nicht stören!“ Fragen knallen wie Pistolenschüsse. Dann taucht plötzlich ein Teich vor mir auf, Sonnenperlen glitzern auf seiner Oberfläche, der Duft frisch gemähten Heus streicht über das Wasser, das mich weich in sich aufnimmt, ich liege auf dem Rücken, meine Augen trinken das durch die Bäume blinzelnde Licht …
Hoffnungslos versank ich in dem Strom der Erinnerungen. Ich wusste zwar, dass ich eigentlich wie ein Angler an seiner Seite hätte stehen und auf jene Flaschenpost hätte lauern müssen, die es mir erlauben würde, meinen „Antrag auf Abberufungsüberprüfung“ zu begründen. Aber es gelang mir einfach nicht, mich von dem Wellenschlag der Erinnerung zu lösen. Ich war fest damit verwoben, oder vielmehr: Ich selbst war dieser Strom, der sich zum Meer weitete, es gab für mich keinen Platz außerhalb seiner Gezeitenschaukel.
Trotzdem blieb ich ruhig. Denn ich fühlte in mir die Gewissheit, dass ich irgendwann auf jenes Bruchstück meiner Vergangenheit stoßen würde, mit dem ich den Beweis erbringen könnte, unrechtmäßig aus dem Weltengeschehen herausgelöst worden zu sein.
Und tatsächlich: Auf einmal umwölkt mich die staubige Luft eines hohen, fensterlosen Saales, mein Blick fällt auf rote, von unzähligen Hintern eingedrückte Plüschpolster, sie gehören zu Klappstühlen, die im Halbrund hintereinander aufgereiht sind. In den Seitengängen geistert das Notlicht um die Schemen der prachtvollen Wandleuchter, die nun, während der Vorstellung, ausgeschaltet sind. Ich selbst stehe auf der Bühne, das Gesicht gerötet vom Adrenalin des Exhibitionismus und von den Scheinwerfern, die den Zuschauerraum hinter einer Wand aus Lichtreflexen verschwimmen lassen.
Der Vorhang fällt, es ist Pause, ich sitze in meiner Garderobe, Scherze fliegen durch die Luft, hier und da Geläster über das Publikum, das an dem Abend etwas steif zu sein scheint. Schon ertönt die zweite Glocke, gleich wird es weitergehen.
Noch ein Blick in den Spiegel, ein letztes Herumzupfen am Toupet, ein kräftiger Schluck von meinem Lieblingswasser, das ich immer griffbereit habe. Es schmeckt irgendwie anders, bitterer als sonst, aber ich achte nicht weiter darauf, mein Auftritt, ich darf ihn nicht verpassen! Ich möchte zurückgehen zum Bühnenaufgang, aber ich kann mich nicht vom Stuhl erheben, es ist, als würde mich ein unsichtbarer Riese gegen die Stuhllehne drücken. Mir wird schwarz vor Augen, ich möchte schreien, aber es dringt nur ein schwaches Röcheln aus meiner Kehle.
Und dann, von einer Sekunde zur anderen, werde ich für mich selbst zu einem Fremden. Ich sehe meinem eigenen Sterben zu, als würden die Bilder einer Überwachungskamera an mir vorbeiziehen: Ich liege am Boden, irgendjemand stößt einen Schrei aus, andere Personen eilen herbei, ich kenne sie, aber ich kann sie nicht erkennen, geschweige denn ansprechen, ich befinde mich in einer Weltraumkapsel, mit rasender Geschwindigkeit entfernt sie sich von dem am Boden liegenden Körper.
Ein Arzt beugt sich über das Menschenbündel mit den verrenkten Gliedmaßen, er fühlt ihm den Puls, er drückt mit beiden Händen rhythmisch gegen das Herz, bis der Brustkorb bricht – aber ich spüre nichts, auch nicht, als man den toten Körper auf eine Liege bettet und abtransportiert.
„Schwerer Herzinfarkt“, höre ich jemanden murmeln, obwohl ich doch ganz genau weiß: Ich bin vergiftet worden! Es war Mord, ein heimtückischer, perfider Anschlag auf meine Existenz, man hat mir mein halbes Leben gestohlen, meine Zeit war noch nicht gekommen.
Ich möchte protestieren, aber mein Kiefer ist erstarrt, ich bringe keinen Ton heraus – und ich kann mich noch nicht einmal darüber aufregen, weil das, was da abtransportiert wird, nichts mehr fühlen kann. Heimatlos schwebe ich über mir selbst, ein verschwimmender Blick über einem verfallenden Leib.

Gebundene Ausgabe 2015

English Version

The Chamber of Memory
In the chamber of memory, Ahmet searches for proof that he was unjustly recalled from life. To do so, however, he must first dig through countless other debris of his life.
Had I really ended up in the chamber of memory? Or was that just a cipher for eternal oblivion for the strange figure who had sent me there? Was I actually lying in a grave?
What reassured me was that my hands did not bump against any walls. If I had been buried, I probably lay in a very spacious tomb rather than in a single grave. However, at first it was as quiet as I would have expected from life after death. For a long time nothing could be heard, not even my own breathing – which would have been surprising for a dead person, though.
But then sounds reached my ears from somewhere: a soft whimpering, a sobbing, a howling. Obviously I was not alone in this place.
I opened my eyes to explore my surroundings, but the darkness was so impenetrable that I couldn’t discern anything. My attempts to orient myself gropingly were also unsuccessful. The ground offered no grip to my hands, it seemed to have no solid structure. Depending on what I was thinking of, it sometimes felt as hard as a rock and sometimes as soft as velvet.
Strange, I thought – why was no one laughing here? If this was a chamber of memory, happy days were also to appear before the inner eye. Or was pain possibly inseparable from the essence of memory? After all, the pain of remembrance was not only caused by the repeated reliving of unpleasant experiences. Rather, even the memory of beautiful days and joyful events was always accompanied by the regret that they belonged to the past.
While the outer world remained shrouded in deepest darkness for me, a whole cosmos of images, sounds and smells unfolded inside me. A little boy looked at me with a kind of mischievous embarrassment, holding a school bag in his arms like an upside-down rocket. Behind him I recognised some sort of administrative building, its windows rounded as if by raised eyebrows. With holy seriousness they looked down on the boy.
Yes, I thought, that’s me before the old school, the photo hung in my children’s room for a long time. But suddenly I felt as if I were entering the photo, I sensed the pride of ownership again that filled me as I tore the rustling cover off the top of the school bag and reached inside, where my hands slid through a sea of chocolates until they finally came across the purple toy car at the very bottom that I had wished for so much.
Then suddenly it was all dark again. This time, however, the darkness came from within me. As if in a dream, I saw myself trotting slowly along a gravel path, a broad black back blocking my view.
Isn’t that my uncle’s back? Yes, indeed, it is, and this is my cousin’s funeral, he has thrown himself off a bridge, in his mid-20s, pursued by voices that had hissed at him from shower heads and sockets, by piercing glances that had waylaid him in the dark, by sinister forces that had poisoned his food and contaminated his drinks with radioactivity, so that he could not consume anything without throwing up afterwards.
Without any order, the fragments of memory came pouring down on me: the haunting wail of my poisoned dog dragging himself home with the last of his strength, his stunned look when he realises that I, his master and God, cannot conjure life back into him; the promising breath of a perfume on velvety skin mingling with the longing scent of hawthorn, the same scent that also penetrates the open window of an office room, but is smothered there by cold cigarette smoke.
Dust particles sparkle in the air, shelves are lined up along the walls, filled with files and books, the treasure of knowledge, neatly filleted. Outside a sign: „Exam! Please do not disturb!“ Questions pop like pistol shots. Then suddenly a pond appears in front of me, beads of sunlight glistening on its surface, the scent of freshly mown hay wafting over the water, which softly takes me in, I lie on my back, my eyes drinking the light that twinkles through the trees …
Hopelessly, I sank into the stream of memories. I knew that I should have stood by its side like an angler and waited for the message in a bottle that would allow me to justify my „request for a recall review“. But I just couldn’t manage to break away from the ripple of memory. I was firmly interwoven with it, or rather: I myself was this stream that widened into a sea, there was no place for me outside its tidal swing.
Nevertheless, I remained calm. Deep inside me I felt the certainty that at some point I would come across that fragment of my past with which I could prove that I had been unlawfully detached from the world.
And indeed, all of a sudden the dusty air of a high, windowless hall envelops me, my gaze falls on red plush cushions chafed by countless buttocks; they belong to folding chairs lined up one behind the other in a semicircle. In the side aisles, emergency lighting spooks around the shadows of the ostentatious sconces, which are now, during the performance, switched off. For my part, I stand on the stage, my face reddened by the adrenaline of exhibitionism and by the spotlights that blur the auditorium behind a wall of light reflections.
The curtain falls, it’s intermission, I sit in my dressing room, jokes fly through the air, here and there some mockery about the audience, which seems to be a bit stiff that evening. The second bell is already ringing, it’s about to continue.
One last look in the mirror, one last adjustment of the toupee, a good sip of my favourite water, which I always have at hand. It tastes different somehow, more bitter than usual, but I don’t pay any attention to it, my performance, I can’t miss it! I want to go back to the stage, but I can’t get up from the chair, an invisible giant is pushing me against the back of the chair. Stars dance before my eyes, I want to scream, but only a weak gasp comes out of my throat.
And then, from one second to the next, I become a stranger to myself. I watch my own dying as if the images of a surveillance camera were flashing past me: I am lying on the floor, someone lets out a scream, other people rush over, I know them but I cannot recognise them, let alone address them, I am in a space capsule, at breakneck speed it is moving away from the body lying on the floor.
A doctor bends over the human bundle with the contorted limbs, he feels the pulse, he presses rhythmically against the heart with both hands until the ribcage breaks – but I don’t feel anything, not even when they put the dead body on a stretcher and take it away.
„Severe heart attack“, I hear someone murmur, although I know exactly: I have been poisoned! It was murder, an insidious, perfidious attack on my existence, they stole half of my life, my time had not yet come.
I want to protest, but my jaw is frozen, I can’t make a sound – and I can’t even get upset about it, because the human bundle on the stretcher can’t feel anything. Homeless, I hover over myself, a fading gaze over a decaying body.
Bilder / Images: Dorothe (Darkmoon_Art): Canyon (Pixabay); ToNic-PIcs: Dunkle Treppe / Dark staircase (Pixabay)
