Im Amtszimmer des Todesengels / The Waiting Room of Death

Zacharias Mbizo: Glücklose Heimkehr / Luckless Homecoming

Wer möchte schon gerne mit dem Todesengel reden? Andererseits ist dies die einzige Möglichkeit, Einspruch gegen die Abberufung aus dem Leben zu erheben.

English Version

Text hören:

An das Aussehen des Tores, durch das ich den Wartesaal des Todes verlassen habe, kann ich mich ebenso wenig erinnern wie an den Weg, den ich danach eingeschlagen habe. Ich weiß nur noch, dass ich mich kurz darauf in einem Raum wiederfand, der in allem das vollständige Gegenteil der dämmergrauen Wartehalle darstellte.
Alle Wände bestanden aus Glas, auch die Decke und der Fußboden, so dass der Blick sich überall im leuchtenden Blau des Himmels verlor. Es war mir, als würde ich in der Luft schweben. Anscheinend war der Raum wie eine Wabe an das übrige Gebäude angebaut und mit diesem nur verbunden wie ein Schwimmer, der gerade dabei war, sich vom Beckenrand abzustoßen.
Mir gegenüber, bis zur Hüfte verdeckt durch eine Art Theke, erblickte ich eine Gestalt, welche die gravitätische Anmut eines Apostels und gleichzeitig die Strenge eines Todesengels ausstrahlte. Über dem bodenlangen Gewand, das den Körper umspielte wie eine sich ständig erneuernde Welle, schimmerte mir ein faltenfreies Gesicht entgegen. Die Haut war so zart, dass sie fast schon transparent wirkte, wie bei einer Fata Morgana.
Das Tun der anmutigen Gestalt war allerdings weit profaner, als es das grazile Äußere vermuten ließ: Sie blätterte erkennbar gelangweilt in einem Aktenordner. Ich wunderte mich, dass mir nicht – wie in solchen Fällen üblich – angeboten wurde, Platz zu nehmen. Dann jedoch stellte ich fest, dass es in dem ganzen Raum nirgends Sitzgelegenheiten gab. Auch mein Gegenüber schien hinter seinem Arbeitsplatz zu stehen – auch wenn ich nicht erkennen konnte, ob die Füße den Boden berührten.
„Haben Sie sich schon in das Buch des Todes eingetragen?“ fragte mich die Gestalt unvermittelt, als sie meine Akte gefunden hatte. Als sie mir in die Augen sah, traf mein Blick auf ein Blau, dessen Makellosigkeit an die absolute Leere grenzte.
Mir wurde schwindlig. Es war, als würde ich in einen tiefen, grundlosen Brunnenschacht blicken.
„Nein“, murrte ich, verärgert durch die Beiläufigkeit, mit der man mir diese Ungeheuerlichkeit abverlangte. „Und ich werde das auch nicht tun.“
Mein Gegenüber neigte den Kopf leicht zur Seite. „Dann haben Sie also noch nicht Ihren Frieden gemacht mit dem Unabänderlichen?“
„Wie könnte ich meinen Frieden machen mit etwas, das ganz und gar unfriedlich ist?“ fragte ich unwirsch zurück.
Ein Anflug von Ironie huschte über das durchscheinende Gesicht. „So-so … Dann haben wir es hier also mit einem passionierten Empörer zu tun? Mit jemandem, der sich auch gegen das Unausweichliche auflehnt?“
„Ganz richtig!“ bekannte ich. „Denn nur so bekommt das Leben einen Sinn.“
„Und wie kommen wir in diesem speziellen Fall zu der Ehre, das Objekt Ihrer Auflehnungsbegierde zu sein?“ wurde ich aus dem leuchtenden Nebel heraus gefragt.
Ich wollte wieder zu einer allgemeinen philosophischen Erklärung ausholen, doch genau in diesem Moment blitzten Bruchstücke meiner verschüttet geglaubten Erinnerung in mir auf. Ich sah mich vor einem großen Spiegel sitzen, ich war ich selbst und zugleich jemand anderer, meine Hand streckte sich nach einem Glas aus, ich trank daraus, ein bitterer Geschmack legte sich um meine Zunge …
Obwohl es mir nicht gelang, die Erinnerungssplitter zu einem Ganzen zu ordnen, bestärkten sie mich doch in der Gewissheit, zu Unrecht an diesen Ort entführt worden zu sein. „Meine Zeit war noch nicht gekommen“, erwiderte ich daher mit fester Stimme. „Man hätte mich der Welt noch nicht entreißen dürfen.“
„Hm“, murmelte mein Gegenüber, sich mit den Fingern über das Säuglingskinn streichend. „So etwas kann im Grunde gar nicht passieren … Die Zeit kommt immer dann, wenn sie kommen muss.“
„Ach was“, wischte ich den Einwand beiseite. „Jeder macht mal Fehler.“
„Nun gut“, gab die Gestalt schließlich nach. „Wenn Sie durchaus der Meinung sind, dass hier etwas nicht korrekt abgelaufen ist, müssen Sie einen Antrag auf Abberufungsüberprüfung stellen. Ich mache Sie allerdings darauf aufmerksam, dass Sie dafür in die Kammer der Erinnerung hinabsteigen müssen.“
Müssen? Ich war doch nur froh, wenn man mir das zurückgab, was man mir gestohlen hatte!
„Na und?“ entgegnete ich daher achselzuckend. „Ich wüsste nicht, was mich davon abhalten sollte.“
Ein vieldeutiges Lächeln war die Antwort. Dann sah ich, wie feingliedrige Finger in einen Aktenordner glitten und ein unscheinbares Antragsformular herauszogen. Sobald ich das Dokument, das sich seltsam ledrig anfühlte, berührte, war es, als würde sich der Boden unter mir auftun. Ich fiel und fiel, ich stürzte durch einen Abgrund, der wie ein Tor zu einer anderen Welt war.
Dann war es auf einmal ganz dunkel um mich her. Offenbar war ich in der Kammer der Erinnerung angekommen.

Gebundene Ausgabe 2015

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überarbeitete Ausgabe 2023

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ePub (Lehmanns)

English Version

In the Office of the Angel of Death

Nobody is keen on talking to the angel of death. On the other hand, this is the only way to appeal against being dismissed from life.

The appearance of the gate through which I left the waiting room of death is just as erased from my memory as the path I took afterwards. I only remember that shortly afterwards I found myself in a room that was in everything the complete opposite of the dim grey waiting hall.
All the walls were made of glass, including the ceiling and the floor, so that the view was lost everywhere in the bright blue of the sky. I felt as if I were floating in the air. Apparently the room was attached to the rest of the building like a honeycomb and only connected to it like a swimmer about to push off from the edge of a pool.
Opposite me, covered up to the waist by a kind of counter, I caught sight of a figure radiating the solemn grace of an apostle and at the same time the austerity of an angel of death. Above the floor-length robe that flowed around the body like an ever-renewing wave, a face free of wrinkles gleamed at me. The skin was so delicate that it seemed almost transparent, like in a fata morgana.
The actions of the graceful figure, however, were far more ordinary than the enraptured appearance would suggest: In a bored way, the angelic clerk was leafing through a file folder. I was surprised that I was not offered a seat – as is customary in such cases. But then I noticed that there were no seats anywhere in the room. My counterpart also seemed to be standing behind the counter – even though I couldn’t see the feet were touching the floor.
„Have you already registered in the Book of Death?“ the figure asked me abruptly upon finding my file. Strictly, the eyes rested on me. My gaze sank into a blue whose flawlessness was close to absolute emptiness.
I felt dizzy. It was as if I were looking down a deep, bottomless well shaft.
„No,“ I grumbled, exasperated by the casualness with which this monstrosity was being demanded of me. „And neither will I.“
My counterpart winced – or was that some kind of heavenly smile? „So you haven’t made your peace with the unalterable yet?“
„How can I make my peace with something that is entirely unpeaceful in its essence?“ I asked back gruffly.
A hint of irony flitted across the translucent face. „So we are dealing with a passionate rebel here? With someone who even revolts against the inevitable?“
„Quite right!“ I affirmed. „Because that’s the only way life makes sense.“
„And in this particular case, how do we deserve the honour of being the object of your desire to revolt?“ I was asked out of the luminous mist.
I was about to launch into another general philosophical explanation, but at that very moment fragments of my buried memory flashed up in my mind. I saw myself sitting in front of a large mirror, I was myself and someone else at the same time, my hand reached out for a glass, I drank from it, a bitter taste spread across my tongue …
Although I did not succeed in putting the fragments of memory together, they somehow seemed to support my conviction that I had been unjustly taken to this place. „My time had not yet come,“ I therefore replied in a firm voice. „I should not have been snatched from the world yet.“
Thereupon I saw transparent fingers stroking a childlike chin. „Hmm,“ murmured my counterpart. „Basically, something like that can’t happen … The time always comes when it has to come.“
„Oh, come on,“ I brushed the objection aside. „Everyone makes mistakes.“
„Well then,“ the figure finally relented. „If you definitely think that something has gone wrong here, you must apply for a recall review. However, I have to draw your attention to the fact that in order to do so, you will be forced to descend into the chamber of memory.“
Forced? I was only happy when I was given back what had been stolen from me!
„So what?“ I therefore retorted, shrugging my shoulders. „I don’t see why that should stop me.“
I received an ambiguous smile in reply. Then I saw feathery fingers slide into a file folder and pull out an inconspicuous application form. As soon as I touched the document, which felt strangely leathery, it was as if the floor opened up beneath me. I fell and fell, plunging through an abyss that was like a gateway to another world.
Then all of a sudden it was completely dark around me. Apparently I had arrived in the chamber of memory.

Bilder / Images: Gerd Altmann: Himmel / Sky (Pixabay); Odilon Redon (1840 – 1916): Die Erscheinung / The Apparition (1910); Otterlo/Niederlande (Netherlands), Kröller-Müller-Museum (Wikimedia commons; Ausschnitt/detail)

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