Die Frau: Göttin oder Raubtier? / The Woman: Goddess or Predator?

Zu Charles Baudelaires Gedicht À une passante (An eine vorübergehende Frau) / On Charles Baudelaire’s poem À une passante (To a passing woman)

English Version

Die Darstellung der Frauengestalten bei Baudelaire ist ausgesprochen zwiespältig. Einerseits kann die Frau als männerfressende femme fatale, erscheinen. Andererseits kann sie aber auch als engelsgleiches Wesen auftreten, das Erlösung von allem irdischen Leid verspricht.

Baudelaires Verhältnis zu den Frauen war im höchsten Maße ambivalent. Einerseits erscheinen sie in seinen Gedichten immer wieder als raubtierartige Wesen, die mit ihrer Verführungskraft den Mann zu vernichten und in den Abgrund der Lust hinabzuziehen drohen. Diese Projektion der eigenen Triebe auf den weiblichen Körper hat in Baudelaires Fall einen tragischen Hintergrund: Der Dichter erkrankte schon früh an der Syphilis, die wohl auch entscheidend zu seinem frühen Tod beigetragen hat.
Auf der anderen Seite verklärt Baudelaire die Frau jedoch auch immer wieder zu einer Gottheit, die ihren Jüngern einen Weg aus dem Tal der irdischen Leiden weist.

„Die Frau ist fraglos eine Lichtgestalt. Ihr Blick, ihre Worte sind eine Einladung zum Glück; aber sie ist vor allem eine allgemeine Harmonie, nicht nur in ihrem Gang und in der Bewegung ihrer Glieder, sondern auch in den Musselinstoffen, den Schleiern, den weiten und schillernden Wolken aus Stoff, in die sie sich hüllt und die wie die Attribute und der Sockel ihrer Göttlichkeit sind; in den Metallen und den Mineralien, die sich um ihre Arme und ihren Hals schlängeln, die sanft an ihren Ohren murmeln und deren Funken sich in das Feuer ihrer Blicke mischen“ (PVM X).

Auf der Ebene der sozialen Realität, der konkreten zwischenmenschlichen Beziehungen, bewirkt eine solche Überhöhung der weiblichen Natur das Gegenteil dessen, worauf sie abzuzielen scheint. Anstatt der Frau den größtmöglichen Einfluss auf das gesellschaftliche Leben zu geben, damit sie dessen Dissonanzen mit ihren gottgleichen Kräften aus der Welt schaffen kann, wird sie von den Männern gerade von der Teilhabe am „schmutzigen“ gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen. Der Mann ist aus dieser Perspektive eine Art Ritter des Alltags, der sich um den Broterwerb kümmert, während seine edle Gemahlin, zu gut für diese Welt, Haus und Herd hütet.
Allerdings wird die Frau in Baudelaires Fall kaum als heiliges Heimchen am Herd verklärt. Sie erscheint vielmehr als eine Art Muse, die zugleich Projektionsfläche und Inspirationsquelle für die dichterische Intuition ist. Folglich setzt Baudelaire sie auch gleich mit der in der Natur zu findenden vollkommenen Harmonie:

„Sie ist die Spiegelung aller Anmut der Natur, verdichtet in einem einzigen Wesen. Sie ist ein Gegenstand der Bewunderung und der lebhaftesten Neugier, die das Bild des Lebens in dem Betrachter erregen kann“ (ebd.).

Die Darstellung der Frauengestalten ist bei Baudelaire somit ausgesprochen zwiespältig. Einerseits kann die Frau, als männerfressende femme fatale, als Projektionsfläche für jene Triebe dienen, die das Ich an das finstere Tal des Diesseits binden. Andererseits kann sie aber auch, wie in Réversibilité oder dem unten aufgeführten Gedicht À une passante, als engelsgleiches Wesen auftreten, das Erlösung aus diesem Tal verspricht. Gerade aus dieser vexierbildhaften Erscheinung der Frau ergibt sich jedoch jene Unfassbarkeit, die das Weibliche zu einem bevorzugten Gegenstand dichterischer Gestaltung macht.

PVM: Baudelaire, Charles: Le peintre de la vie moderne (Der Maler des modernen Lebens; 1863). In: Ders.: Œuvres complètes, Bd. 3, S. 51 – 114; Kap. X: La femme (Die Frau), S. 96 – 99. Paris 1885: Calmann-Lévy.

Ausführliches Essay mit Nachdichtungen zu Charles Baudelaires Fleurs du Mal

Originaltext

Nachdichtung

An eine vorübergehende Frau

(À une passante; FM 117, S. 270)

Vom kreischenden Lärm der Straße umtost,
sah eine trauernde Frau ich vorübergehn,
königlich in ihrem Schmerz,
den Saum des Kleides hoheitsvoll umfassend,

statuenhaft durchs Meer der Menge schreitend.
Und ich, entrückt, ertrank im Zauber ihrer Augen,
in diesem blassen Himmel, wo Orkane keimen
und die Lust, die töten kann.

Ein Blitz … und plötzlich: Nacht! – Flüchtige Schönheit,
deren Blick mich neu gebar:
Werden uns’re Wege je sich wieder kreuzen?

Woanders? Weit von hier? Niemals?
Wohin bist du entflohn, du, die geliebt ich hätte?
Nun treffen wir erst im Unendlichen uns.

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, Zweite erweiterte und überarbeitete Auflage 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Vertonungen / Musical Settings

Frànçois Atlas (Frànçois and the Atlas Mountains): À une passante (2018)

Bertrand Louis: À une passante (2018)

English Version

The Woman: Goddess or Predator?

On Charles Baudelaire’s poem À une passante (To a passing woman)

The representation of female figures in Baudelaire’s work is distinctly ambiguous. The woman can appear as a man-eating femme fatale, but also as an angel-like being who promises salvation from the valley of earthly life.

Baudelaire’s relationship to women was highly ambivalent. On the one hand, they appear again and again in his poems as predatory beings who threaten to destroy men with their power of seduction and to drag them down into the abyss of desire. In Baudelaire’s case, this projection of his inner passions onto the female body has a tragic background: the poet fell ill with syphilis at an early age, which probably played a crucial role in his early death.
On the other hand, Baudelaire repeatedly transfigures the woman into a goddess who shows her disciples a way out of the valley of earthly suffering:

„The woman is unquestionably a guiding star. Her gaze, her words are an invitation to happiness; but above all, she represents a general harmony, not only in her way of walking and in the movement of her limbs, but also in the muslin robes, the veils, the vast and iridescent clouds of cloth in which she wraps herself and which are like the attributes and the pedestal of her divinity; in the metals and the minerals that wind around her arms and neck, that murmur softly at her ears, and whose sparks intermingle with the fire of her looks“ (PVM X).

On the level of social reality, of concrete interpersonal relations, such a glorification of female nature has the opposite effect of what it seems to aim at. Instead of giving women the greatest possible influence on social life, so that they can resolve its dissonances with their god-like powers, men exclude them from participating in the „dirty“ social life. From this perspective, the man is a kind of knight of everyday life who death-defyingly strives to earn a living, whereas his noble wife, too good for this world, looks after house and hearth.
However, in Baudelaire’s case, the woman is hardly idealised as a holy housewife. Rather, she appears as a kind of muse who is both a projection screen and a source of inspiration for poetic intuition. Consequently, Baudelaire associates her with the perfect harmony to be found in nature:

„She is the reflection of all the grace of nature concentrated in a single being. She is an object of admiration and of the most intense curiosity that the image of life can arouse in the beholder“ (ibid.).

The representation of female figures in Baudelaire’s work is thus distinctly ambiguous. On the one hand, the woman, as a man-eating femme fatale, can serve as a projection screen for those urges that bind the ego to the dark valley of this world. On the other hand, as in Réversibilité or the poem listed below, À une passante, she can also appear as an angel-like being who promises salvation from this valley. This enigmatic appearance of the woman, however, is precisely what gives rise to the elusiveness that makes the feminine a favourite subject of poetic expression.

PVM: Baudelaire, Charles: Le peintre de la vie moderne (The Painter of Modern Life; 1863). In: Baudelaire, Œuvres completes (Complete works), vol. 3, pp. 51 – 114; ch. X: La femme (The woman), pp. 96 – 99. Paris 1885: Calmann-Lévy.

Original text

Free translation

To a passing woman

(À une passante; FM 117, p. 270)

Surrounded by the shrieking noise of the street,
I saw a woman in grief passing by,
like a queen in her pain,
majestically holding the hem of her gown,

like a statue crossing the sea of the crowd.
And I, enraptured, drowned in the spell of her eyes,
in that gloomy sky where tempests germinate
and the passion capable of killing.

A flash … and suddenly: night! – Elusive Beauty,
whose gaze gave me new birth:
Will our paths ever cross again?

Elsewhere? Far from here? Never?
Where have you gone, you whom I would have loved?
Now we shall only meet in eternity.

FM: Baudelaire, Charles: Les Fleurs du Mal (first edition 1857, 2nd, expanded and revised edition 1861, 3rd, posthumous edition 1868); edition used: Les Fleurs du Mal. Paris 1868: Michel Lévy Frères (Œuvres completes / Complete works, vol. 1, ed. by Charles Asselineau and Théodore de Banville).

Bildnachweise / Picture credits: Armand Rassenfosse (1862 – 1934): Baudelaire and his muse (und seine Muse) [Jeanne Duval], 1920 (Wikimedia commons); Ivan Kramskoj (1837 – 1887): Moonlit night (Mondnacht); Moscow, Tretyakov Gallery

2 Antworten auf „Die Frau: Göttin oder Raubtier? / The Woman: Goddess or Predator?

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